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Karnevalsrevue : Schwankendes Rohr mimt knorrige Eiche

Der Sturz auf der heiligen Stiege ist liturgisch vorgeschrieben: Hermann Schwaderlappen (Norbert Alich, oben) und Fritz Litzmann (Rainer Pause). Bild: Edgar Schoepal

Es gibt eine Zeit zum Fasten und eine Zeit für Kölsch und Korn: Wo die Kultur hinkommt, ist die Natur noch nicht besiegt. Die Bonner Karnevalisten von Pink Punk Pantheon missionieren jetzt rechts des Rheins.

          Franziskus kam nur bis Mainz. Dem päpstlichen Schreiben „Ventris laetitia“, dessen am Aschermittwoch bevorstehende Publikation ein schlecht gehütetes Geheimnis ist, wird in den Dombuchhandlungen ein Kommentar aus der Feder des doppelt promovierten und als Mainzer Bischof und Duisburger Mercator-Professor nun auch doppelt emeritierten Kardinals Karl Lehmann das gelehrte Geleit geben. Im Freiburger Herder-Verlag hat man zugunsten dieses Druckauftrags angeblich nicht weniger als drei Bücher von Gesamtschullehrern über ihren Ärger mit renitenten Musliminnen zurückgestellt. Im Vatikan soll es für Irritation gesorgt haben, dass Lehmanns Kommentierung der acht Druckseiten umfassenden Epistel des Papstes auf drei Bände angewachsen ist, harmoniert die barocke Pracht der altdeutschen Universitätstheologie doch schlecht mit der Bescheidenheit, die vorzuleben der frommste Wunsch des Nachfolgers von Joseph Ratzinger ist. Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der Glaubenskongregation, hatte den Umschlag mit dem „Omnia obstant“ für seinen Lehrer dem Vernehmen nach schon adressiert, fand dann aber keinen vatikanischen Postbeamten, der ihn abgestempelt hätte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Denn im Fastenbrief des obersten Hirten geht es gerade darum, dass ein stattlicher Umfang kein Grund für eine überstürzte Beichte ist. Die Freude des Bauches duldet im Lichte einer Theologie der Fülle keine Unterbrechung. Mit der am Mittwoch in Kraft tretenden Neuordnung des Kirchenjahrs hebt Franziskus die Unterscheidung von Fastenzeit und Zeit des Spachtelns zwar nicht förmlich auf (um Dubia spitzfindiger Glossatoren prophylaktisch abzuwehren), aber er stellt sie der situativen Beurteilung des individuellen Gewissens anheim. Mainzer Pastoralreferenten werden das Magenknurren eines Schäfchens künftig als Indiz für ein unbarmherziges Selbstverhältnis werten.

          Rheinabwärts, in der Erzdiözese Köln, wollen viele Katholiken das Fastengebot weiter beim Wort nehmen. Denn was soll bei einer Individualisierung der Fastenzeit aus dem Karneval werden, der Kollektivrausch ist oder Essig? Nur in Mainz, wo die meisten Arbeitsplätze vom ZDF abhängen, kann man es sich leisten, die närrische Jahreszeit auf zwölf Monate auszudehnen. Den Zusammenhang von Chronologie und Ontologie, der im Wechsel von Nahrungsaufnahme und Abstinenz sinnfällig wird, brachte jetzt einer der ältesten Söhne der rheinischen Kirche mit der volkstümlichen Formulierungskunst seines Flussmenschenschlags zum Ausdruck: „Ich bin verdammt froh, dass der Jesus so schlimm gestorben ist, sonst hätte er nicht wieder aufstehen können. Ohne Karfreitag kein Karneval.“

          Päpstlicher als der Papst

          So sprach Fritz Litzmann, Alters- und Ehrenpräsident des 1. Freien Kritischen Karnevalsvereins Rhenania zu Bonn, auf der traditionellen Prunksitzung, die in dieser Session erstmals rechtsrheinisch tagte, in einer früher vom Bonner Schauspiel genutzten Halle, also in partibus infidelium oder doch barbarorum. Der Verein sieht sich als Kulturträger in der Tradition der karolingischen Missionare und der wittelsbachischen, in Bonn residierenden Kölner Kurfürsten, wie Litzmann in seiner Begrüßungsrede ausführte: „Beethoven wusste nichts von Beuel.“

          Die Rhenanen sind die letzte Bastion eines Laienkatholizismus, der noch nicht amtskirchlich eingemeindet ist. Bei der Entlastung des Vorstands geht es vorkonziliar zu: Was alle angeht, muss noch lange nicht von allen beschlossen werden. Der Vereinsvorsitzende Hermann Schwaderlappen zeigt sich päpstlicher als der Papst, ein Diener der Diener des Frohsinns, wenn er die ganze Entscheidungslast auf sich nimmt und sich vor der Mitgliedschaft eine metaphorische Blöße gibt: „Ich lege nichts so gern ab wie Rechenschaft.“ Hier werden keine Millionenboni gezahlt, denn die Vorstandsmitglieder haben die Vereinskasse schon vorher leer geräumt. Das Bußsakrament formt die best practices rationaler Verwaltung: Jahr um Jahr streut Kassenwart Litzmann Asche auf sein Haupt, weil zwischen den Kolonnen von Kölsch und Korn doch wieder eine verirrte Flasche Mineralwasser auftaucht. Wenn der Kirchenhistoriker Hubert Wolf nach der Freigabe der Akten der Pontifikate von Anaklet, Linus und Petrus arbeitslos wird, kann er im Archiv des 1. FKK nicht auf Bestsellerstoff hoffen: Der Rechenschaftsbericht ist eine leere Klarsichthülle.

          Litzmann befürchtet, dass „demnächst unsere Bibeln noch verbannt werden“. Das kann so kommen, wenn jemand Jens Spahn verrät, was dort über die Homosexualität steht. Vorsorglich formierten sich die Vereinsoberen zu lebenden Bildern einer Armenbibel. Und Hermann sprach zu Fritz: „Ich bin jetzt mal die Eiche, du bist jetzt der Bonifatius.“ Weder der Baum noch der Apostel der Deutschen und erster Inhaber von Karl Lehmanns Bischofsstuhl waren zu diesem Zeitpunkt des Abends noch so standhaft, wie sich das nationalistische Kulturprotestanten auf Sammelbildchen fürs Moralpoesiealbum ausmalen. Der rheinische Katholik verwechselt die Nacht auf Aschermittwoch nicht mit der von F. W. Graf prophezeiten Kirchendämmerung. Ihn lehrt sein Bauchgrimmum imposantum colossale, was Litzmann verkündete: „Die Natur ist unbelehrbar.“ Und deshalb der Gnade bedürftig.

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