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Bombeninferno vor 70 Jahren : Die Nacht, als Dresden brannte

Wo sich einst Neumarkt, Große Kirchgasse und Moritzstraße erstreckten, sind nur noch Trümmer und Ruinen. Bild: Reuters

Die Literatur hat immer wieder versucht, das Grauen der Bombennacht in Worte zu fassen. Eine großartige Ausstellung erzählt nun von der epochalen Spur, die das Inferno hinterlassen hat.

          Er war ein Kind ohne Schatten. Als er sein Versteck, in dem er das Flammeninferno überlebt hatte, wieder verlassen konnte, „war der Himmel schwarz von Rauch. Die Sonne war wie ein zorniger Stecknadelkopf. Dresden war jetzt wie der Mond, nichts als Mineralien. Die Steine waren heiß. Alle anderen im weiteren Umkreis waren tot.“ Dieses Kind ohne Schatten, wie der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut sich einmal selbst genannt hat, kam als Kriegsgefangener nach Dresden und überlebte den Bombenangriff der englischen Luftwaffe heute vor siebzig Jahren in den Katakomben des städtischen Schlachthofes, wohin er sich mit seinen Mitgefangenen und vier deutschen Bewachern geflüchtet hatte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Am 13. Februar 1945 gegen 22 Uhr betraten sie eine „unterirdische Höhle, umgeben von hängenden Tierkadavern“, und blieben dort bis zur Mittagszeit des folgenden Tages. Im Verlauf dieser vierzehn Stunden wurden die Dresdner Innenstadt und angrenzende Viertel durch zwei Angriffswellen der Royal Air Force fast vollständig zerstört. Fünfzehn Quadratkilometer Stadtfläche brannten aus, ungefähr 25 000 Menschen mussten sterben, Tausende trugen Brandwunden davon, bei vielen hinterließen die grauenhaften Eindrücke dieser Nacht ein lebenslanges Trauma. Selbst die unmittelbar Beteiligten wie er selbst, so schreibt Günter Kunert als Schirmherr der Ausstellung „Schlachthof 5. Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen“ im Militärhistorischen Museum der Stadt, hätten „nur Worte, hilflose Worte“, um die damaligen Ereignisse wiederzugeben: „Man kann alles, selbst das Ungeheuerlichste, beschreiben und benennen, ohne mehr als eine schwache Ahnung dessen zu vermitteln, wie das Beschriebene eigentlich gewesen ist.“

          Womöglich gerade deshalb ist die Bombardierung Dresdens immer wieder zum Gegenstand von Schriftstellern geworden, die Wege suchten, auf denen das Unbeschreibliche zumindest erahnbar werden konnte. Etwa ein Dutzend der bedeutendsten literarischen Zeugnisse der Katastrophe hat der Kurator Ansgar Snethlage für diese Ausstellung ausgewählt, von Kurt Vonnegut und seinem titelgebenden Roman „Slaughterhouse-Five“ über Harry Mulisch, Erich Kästner, Martin Walser, Rudolf Mauersberger, Roman Halter und Otto Griebel bis zu Marcel Beyer, Durs Grünbein, Stefan Kolditz und der Band „New York Niggers“, die mit dem Refrain „My brain catches fire, just like Dresden 45“ die Banalisierung der historischen Katastrophe auf die Spitze trieb. Die Instrumentalisierung von Dresdens Zerstörung, die unmittelbar nach dem Ereignis einsetzte, hat bis heute kein Ende gefunden.

          Der Feuersturm von Dresden war nie nur historisches Ereignis, sondern immer auch Mythos. Auch davon erzählt diese hervorragende Ausstellung. Sie tut es mit Fakten, historischen Exkursen über den Luftkrieg und mit Material aus Schriftstellerarchiven, von Kurt Vonneguts deutschem Offizierssäbel und seinen Flugtickets nach Dresden bis zu Roman Halters Gemäldezyklus „The Family I never knew“, der seinen ermordeten jüdischen Verwandten gewidmet ist.

          Nach dem nächtlichen Luftangriff am Morgen des 14. Februar 1945: Blick vom Rathaus auf Hausskelette und zerstörte Straßenzüge in Dresden. Bilderstrecke

          Der meistbombardierte Ort des Zweiten Weltkriegs war Malta, die meisten Todesopfer bei einem Bombenangriff auf eine europäische Stadt hatte Hamburg zu beklagen, die meisten Toten in Relation zur Einwohnerzahl verzeichnete Pforzheim, das größte Ausmaß der Zerstörung richtete die Luftwaffe der Alliierten in Würzburg an. Auf Rom wurden mehr Bomben abgeworfen als auf alle britischen Städte zusammen. Bevor die Royal Air Force alle moralischen Bedenken über die Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung beiseiteschob, waren bei deutschen Luftangriffen innerhalb von vier Monaten fast 30 000 britische Zivilisten ums Leben gekommen.

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