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Allein im evakuierten Nordend : Alles geht, einer joggt

Sie machen den Weg frei: Am Sonntagmorgen verlassen die Anwohner das Frankfurter Sperrgebiet. Bild: Helmut Fricke

Bombenentschärfungen in Deutschland pflegen ja immer gut auszugehen. Warum sollte jetzt etwas passieren? Und warum klopft das Herz? Überlegungen im Dauerlauf auf den gesperrten Straßen.

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          Schön menschenleer. Nichts geht, sitzt oder fährt um einen herum. Hier wird das Geworfensein spürbar. Parkplätze zuhauf mitten in der Stadt, ein paar zurückgelassene Autos am Straßenrad, heruntergezogene Rolläden an den evakuierten Häusern: So joggt man seines Weges auf den Straßen des Sperrgebiets. Sonntagnachmittag zwischen halb vier und halb sechs: Die Arbeiten an der Entschärfung der Bombe sind längst im Gange, erst um halb sieben wird die Polizei mitteilen: „Es ist geschafft.“ In der Zwischenzeit lässt sich das Frankfurter Bombenproblemgebiet fürs Lauftraining auf Asphalt nutzen.

          Man läuft, durch das Einfallstor einer unbewachten Baustelle an der Pizzeria Olbia eher zufällig auf die geräumten Abwege geraten, mitten auf der leeren Straße, immer tiefer zieht es einen hinein in die urbane Ausgestorbenheit, durchs westliche Nordend hindurch und dann weiter im Übergang zum Westend, als „Gottes einsamster Mann“ (Robert de Niro in „Taxi Driver“), dabei stets straight on the road laufend und nicht etwa auf den Gehsteigen, dies auch aus Sicherheitsgründen, um zwischen womöglich einstürzenden Neubauten noch ab durch die Mitte zu kommen.

          Im Ernst pflegen Bombenentschärfungen in Deutschland ja immer gut auszugehen. Warum sollte diesmal etwas passieren, jetzt, wo man schon einmal drin ist im Sperrgebiet? Wie viel gefährlicher mag eine Zigarettenpackung sein, eine Autofahrt, ein Langzeitflug? Man muss Statistiken nur lesen können, um nicht vor jeder alten Fliegerbombe kopflos Reißaus zu nehmen. Das klopfende Herz, mit dem man hier seinem Halbmarathon im Frühjahr entgegenjoggt, klopft denn auch nicht aus Angst vor einer Explosion.

          Durch eine Ritze des Systems

          Es klopft aus Angst, nicht gesehen zu werden. Setzt sich im Sperrgebiet nur fort, was in jedem Restaurant der Fall zu sein scheint: dass irgendetwas von einem ausgeht, was dafür sorgt, dass man notorisch übersehen wird, sobald es ans Bestellen geht? Es ist eine lange aufgestaute Bitte um Beachtung, die sich hier in Laufschuhen Bahn bricht. Ein einziger Polizist, der einen handgreiflich in Gewahrsam nähme, eine Wärmebildkamera, die Warnsignale funkte, irgendetwas auf der Linie des seinerzeit Kurt Beck attackierenden „Titanic“-Titels: „Problembär außer Rand und Band: Knallt die Bestie ab!“ würde ja schon genügen. Aber nichts, rein gar nichts geschieht. Man läuft und läuft und läuft; und niemand entsorgt einen in himmlische Sicherheit. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ (Rilke). Keiner von den Ordnungshütern hört im Sperrgebiet irgendetwas, alles lauscht nur auf den Knall der Bombe.

          Durch welche Ritze des Systems fällt man da eigentlich, während man in der Hauptentschärfungszeit unbehelligt seine Runden dreht? Ist es so, dass die geballte Aufmerksamkeit des Behördenapparats sich bloß bis zum Ende der Evakuierung erstreckt hatte und danach alles in Deckung ging? Dass also, sobald die Entschärfung begann, nur die Außengrenzen des Sperrbezirks weiter bewacht wurden, das Innere aber sich selbst überlassen blieb? Wäre hier und jetzt nicht nur ein verpeilter Läufer unterwegs, sondern unerschrockene Diebesbanden, die Autos knacken und Wohnungen plündern – wer würde sie daran hindern? Ein Extremlauf, an dessen Ende man sich in seiner literarischen Phantasie um Jahre verjüngt nach Hause stiehlt.

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