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Börne-Preis für Peter Sloterdijk : Intellektuelle Diplomatie

Idealismus und Moralismus - Das kommt bei Peter Sloterdijk nicht in die Denkkiste. Stattdessen ist er ein weltoffener Gedankenakrobat Bild: dapd

Er gilt als unideologischer Denker, dessen Schriften immer wieder für Kontroversen sorgen: Peter Sloterdijk erhält den Börne-Preis und wird mit einer rhetorischen Glanzrede von Hans Ulrich Gumbrecht geadelt.

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          In der Paulskirche waren an diesem Sonntag, wie stets bei offiziösen Anlässen, allerlei diplomatische Geschmeidigkeiten für den Umgang mit an sich unlösbaren Problemen zu finden. Unter denen war das erste die Frage: Gibt es - abgesehen von Pflichten der Pietät gegenüber dem Namensgeber des Preises, dem demokratischen Publizisten Ludwig Börne - eine in der Sache begründete Verbindung zwischen diesem Mann jüdischer Herkunft, der dem „Jungen Deutschland“ nahestand und die Geduld geißelte, die er in den Deutschen und der Schnecke verkörpert zu sehen glaubte, und dem Philosophen Peter Sloterdijk, der dagegen die „Passivitätskompetenz“ lobt, also die Gelassenheit?

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          In den Vereinigten Staaten sind Denker wie Foucault und Derrida, Heidegger und Adorno nur selten auf den Lehrplänen der philosophischen Fakultäten zu finden. Das, was man dort „continental theory“ nennt, um es von der angelsächsischen analytischen Philosophie zu unterscheiden, haben dafür die Departments für „Comparative Literature“ umso lieber zu ihrer Sache gemacht. Hans Ulrich Gumbrecht, von Haus aus Romanist, bekleidet in Stanford einen hochangesehenen Lehrstuhl für Komparatistik und war insofern ganz der richtige Mann für den Tag.

          Sloterdijks Gespür für Zeitgeschichte

          Als Philologe, der er ist, konnte Gumbrecht für die Frage „Warum Börne?“ eine unverfängliche Antwort finden, indem er auf den Stil hinwies. Für die öffentliche Sprachmacht des Publizisten sei Börne ein bleibender Maßstab. Beiden, dem Geehrten und dem Namenspatron, sei die „Herstellung von Wachheitszuständen“ ein Anliegen. Auch im Aphoristischen und Pointierten sah er Vergleichbares.

          Nun aber habe Börne - das war der Moment des „aber“, das fast zwingend kommen musste - strategisch aus einer „Perspektive normativer Menschlichkeit“ geschrieben, im Lichte eines „Ziels“. Sloterdijk dagegen schreibe nicht auf Ziele hin, seine Sache sei es, nach den Ereignissen aufmerksam zu werden: nach 1968, nach 1989, nach dem 11. September 2001.

          Weltoffenheit durch Ideologieverzicht

          Eher die brillante Vielfalt als das lineare Argument fand Gumbrecht bei Sloterdijk. Und damit eine Weltoffenheit, wie denn auch seine unlängst veröffentlichten Tagebücher keine thematische Begrenzung erkennen ließen. Landschaften, Gesichter, Musik, Fernsehereignisse werden dort behandelt - und am Ende auch Bücher. Drei geistige Haltungen habe sich Sloterdijk indes um der Weltoffenheit willen verboten: den Idealismus, den Moralismus und das Ressentiment. Unversehens konnte man glauben, eher in eine Feierstunde zur Verleihung des Nietzsche-Preises geraten zu sein (der Name fiel dann auch).

          Sloterdijks Denken sei überraschend, das von Börne nicht immer. Als Gumbrecht allerdings einen Aphorismus von Sloterdijk vorlas, konnte man sich doch wieder eher bei Börne als bei Nietzsche glauben: „Wo Religion war, soll Runder Tisch werden.“ Vielleicht auch noch eine Wahrheitskommission nach südafrikanischem Vorbild?

          Herumsteher und Schattenmacher

          Der Kunstphilosoph Bazon Brock, der in der Paulskirche unter den Gästen war, hatte vor Jahren die Lösung der Hagia Sophia als vorbildlich gepriesen: Aus Gotteshäusern sollen Museen werden. Das ist aber sozusagen nur Wachheit, nämlich die Haltung einer bestimmten und begrenzten städtisch-intellektuellen Schicht.

          Die Dankrede des Geehrten war dann ein Meisterstück jener selten geübten rhetorischen Technik, den feinen und den groben Ton, den subtilen Gedanken und den wuchtigen Angriff so auszubalancieren, dass für die Zuhörer das reinste Vergnügen herauskam. Sloterdijk gab eine biographische, intellektuelle und politische Selbstreflexion: „Wäre es nach mir gegangen, sagen wir besser, nach meinem psychischen Ausgangsmaterial, und wäre ich früheren Neigungen treu geblieben, wie sie in ersten Büchern zutage traten, so hätte ich die Begegnung von Diogenes und Alexander vielfältig ausgemalt und hätte den Satz ,Geh mir aus der Sonne’ freigebig auf mächtige Herumsteher und Schattenmacher angewandt.“

          Die ungewollte Politisierung

          Dann kam auch er auf Börne und die „ehrenhaft-schwierige Nachbarschaft des kämpferischen und schwärmerischen, oft souveränen, gelegentlich mitreißenden, manchmal verspannten Publizisten“. Taktvoller hätte es an diesem Ort niemand sagen können.

          Sloterdijk aber wurde fast wider Willen intellektuell politisiert und nennt sich nun einen „nicht mehr Unpolitischen“. Und so sprach er über die „europäische Misere“, nicht ohne den Hinweis, dass in den Vereinigten Staaten, „unserer Schwesterzivilisation, die Dinge auf eine noch viel unheimlichere Weise schieflaufen“. Er sieht dort eine „kriegsideologische Struktur“, man rede vom „war on terror“ und sollte doch eher „war and more“ sagen. „Der Terror-Begriff ist aus dem Labor des Pentagon ausgebrochen, er ist zu einem viralen Ungeheuer mutiert.“

          Zum running gag der Veranstaltung wurde Henryk M. Broder. Dieser Publizist hatte erklärt, seinen Börne-Preis (2007) aus Protest gegen die Verleihung an Sloterdijk zurückzugeben. Michael A. Gotthelf, Vorsitzender der Ludwig-Börne-Stiftung, teilte dem überraschten Publikum mit, Broder habe seinen Preis schon einmal zurückgegeben, nämlich im Herbst 2010, aus Protest gegen die Rede Alfred Grossers bei der Paulskirchen-Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht. Man erwäge, so Gotthelf, eine Satzungsänderung dergestalt, dass der Börne-Preis nicht mehr als zweimal zurückgegeben werden kann.

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