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Börne-Preis : Frech und frei

Warum fand die Feier nicht in Schloss Bellevue statt? Joachim Gauck spricht in der Paulskirche Bild: Hannes Jung

Politisch geerdet: Bei der Verleihung des Börne-Preises in der Frankfurter Paulskirche machte Preisträger Joachim Gauck klar, dass er das Freiheits-Thema auch als scharfe politische Waffe zu handhaben versteht.

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          Was für eine Lektion über den guten Menschen in der Politik! Nicht um das „letztlich Gute“ könne es in der Politik gehen, sondern um das „etwas Bessere“. Das unterscheide eine Politik, die in Konflikten handlungsfähig bleiben möchte, von der Kunst und der prophetischen Rede, die es sich leisten könne, der Wahl des geringeren Übels zu entraten. Da stand einer noch ganz unter dem Eindruck seines Besuchs beim Evangelischen Kirchentag in Dresden: Joachim Gauck, der auf Vorschlag Michael Naumanns gestern in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis 2011 entgegennahm, war in seiner Dankesrede um politische Erdung der Freiheitsthematik bemüht.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Wo Gauck, der Beinahe-Bundespräsident, DDR-Bürgerrechtler und erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit im Land seine Reden hält, spricht er vom Glanz der Freiheit - so glänzend, dass ihm das hier und da schon als mangelnde politische Kompetenz ausgelegt wird. Gauck, ein unpolitischer Strahlemann? Er kenne, so hatte Gauck unter dem Titel „Winter im Sommer - Frühling im Herbst“ in seinen Erinnerungen geschrieben, „den mitleidigen Blick jener, die meine beständige Freude an der westlichen Freiheit für naiv hielten, irgendwie rührend. Hundertmal hatte ich diesen Kultur-trifft-Natur-Blick von Ethnologen oder Feuilleton-Artisten aushalten müssen, die mich anschauten, als wäre ich gerade aus einer primitiven Kultur zugewandert“.

          Hilfe gegen die Despotie

          In der Paulskirche von solchen Blicken keine Spur. Dort machte Gauck klar, dass er das Freiheits-Thema auch als scharfe politische Waffe zu handhaben versteht. In weitgehend freier Rede ließ er seinen Zorn über politische Unbedarftheiten erkennen, die sich als ethische Unbedingtheiten ausgeben. In Gegenwart des FDP-Generalsekretärs Christian Lindner griff Gauck den Kurs der Bundesregierung in der Libyen-Frage mit der Bemerkung auf: „Ich habe in meinem Leben gelernt, dass derjenige, der nichts tut, nicht unbedingt das Richtige tut.“ Er nutzte das Beispiel Libyen, um sich gegen eine Diffamierung der Menschenrechtspolitik als verkapptem Imperialismus zu wenden.

          Das Argument, man könne schließlich nicht überall in der Welt für Ordnung sorgen, ließ er als prinzipiellen Einwand nicht gelten. Nie dürfe in Frage stehen, ob die Freiheit anderer es wert sei, verteidigt zu werden, erklärte Gauck mit Blick auf die arabischen Freiheitsbewegungen. Wenn der Westen von diesen Ländern um Hilfe gegen die Despotie gebeten werde, dann möge man „nicht als erstes die Angst haben, wo es endet, sondern die Freude, dass es beginnt - meine Güte!“

          Das Image eines Freiheitspathetikers

          Zuvor hatte Michael Naumann in seiner Laudatio dargelegt, wie Gaucks Plädoyer für eine Politik der Menschenrechte durch dessen DDR-Biographie beglaubigt ist: Als Börne-Preis-Träger spreche diesmal ein Bürgerrechtler, dem die Stasi ein „anmaßendes und freches Auftreten“ bescheinigt habe. Und was sagten die Blicke der Ethnologen in der Paulskirche? Bitte „mehr Frechheit“ (Naumann) im Dienst der Freiheit! Gauck repräsentiere „den freiheitlichen Geist all jener in der ehemaligen DDR, die den repressiven Staat durch ihr politisches Engagement ein Ende bereiteten“, hieß es bei der Überreichung des mit 20 000 Euro dotierten Preises.

          Dass Gauck das Image eines Freiheitspathetikers anhaftet, hält Naumann nicht für anstößig. Pathos heiße in der antiken Rhetorik die Kunst, mit Leidenschaft zu überzeugen. Es leite sich vom Wort „pathein“, „leiden“ ab. „Anders gesagt: Wer Freiheit ein halbes Leben lang vermissen musste, darf sie mit Leidenschaft preisen, da ihre schmerzliche Abwesenheit als erlebte Unfreiheit, eben als erinnertes Leiden das Pathos diktiert.“

          Eindrucksvolle Erinnerung an eine verpasste Gelegenheit

          Naumann zeigte in Gauck die Kontinuität des frühen und späten Freiheitsliebhabers auf und zitierte aus einer Rede Gaucks auf dem Rostocker Kirchentag von 1988, die den Geist und die Aufbruchsstimmung der DDR in den letzten Jahren ihrer Existenz zur Sprache brachte: „Wenn Hoffnung echt ist, riskiert sie etwas. Nicht Idylle, sondern Veränderung umgibt sie. Eine Schwester von ihr heißt Unruhe. Bitte erschrecken wir nicht, sondern bedenken wir, wohin uns die Ruhe gegenüber allem Unrecht geführt hatte! Die etablierte Christen- und Bürgergemeinschaft muss wohl lernen, ihren Unruhestiftern zu danken. Sie lehren uns: Finde dich nicht ab mit dem, was du vorfindest!“

          Naumanns Satz: Bundespräsident könne er, Gauck, ja immer noch werden, wollte der Preisträger zwar getilgt sehen. Aber es führt gar kein Weg daran vorbei, dass diese Preisverleihung auch zu einer eindrucksvollen Erinnerung an eine verpasste Gelegenheit geriet. In Zeiten politischer Resignation kommt es tatsächlich darauf an, dass einer über das Selbstverständliche so zu sprechen versteht, als höre man es zum ersten Mal. Es reicht nicht, dass wir Bürger hören, was wir schon wissen.

          Wir möchten glauben können, was wir wissen. Pardon: Warum das gestern also alles in der Paulskirche - und nicht im Schloss Bellevue?

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