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Quartiergewicht : Übergewicht ist nicht zufällig

  • -Aktualisiert am

Auch das kann gegen Übergewicht helfen: den Wohnort wechseln Bild: Rüchel, Dieter

Wenn der Partner übergewichtig ist, wird man es mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls. Aber auch die Nachbarn. Was das Wohnviertel mit dem Body-Mass-Index zu tun hat.

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          Auf der Karte des kleinen Kantons Genf sind die roten, blauen und gelben Punkte ganz klar auf einzelne Quartiere verteilt. Sie stehen für die Fettleibigkeit ihrer Einwohner. Die neuartige Topographie der Gewichtigkeit suggeriert einen Zusammenhang zwischen der Postleitzahl und dem Body-Mass-Index BMI, der bei zehntausend Genfern ermittelt und mit ihrer Adresse verglichen wurde. Die Resultate sind jetzt in der Zeitschrift „Nutrition & Diabetes“ veröffentlicht worden. „Es gibt weltweit kaum Untersuchungen dieser Art“, erklärt der Genfer Arzt Idris Guessous, der sie im Kantonsspital in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne durchgeführt hat. Der Befund: Je nach Wohnviertel ist die Bevölkerung etwas dicker oder schlanker oder entspricht mehr Durchschnitt.

          Selbstverständlich wurde der längst empirisch belegten Vermutung, dass die Gewichtsklasse in den besseren Wohnlagen mit hohen Mieten und weniger „Dichtestress“ von jener in den Vorstädten abweicht, akribisch Rechnung getragen. Die Soziologie der Gewichtsverteilung auf die städtischen Bezirke entspricht feineren Kriterien. Die Wissenschaftler haben den Body-Mass-Index der gewogenen und vermessenen Genfer mit jenem der Einwohner im Umkreis von 1,8 Kilometern verglichen. „Übergewicht ist nicht zufällig“, fasst Idris Guessous seine Forschungen zusammen: „Wenn man in Genf lebt, ist das eigene Gewicht von jenem des Nachbarn abhängig.“

          Interessant ist diese Erkenntnis, weil sie keineswegs nur auf Genf zutreffen könnte, wo das über alle Kategorien hinweg ermittelte Pro-Kopf-Durchschnittsgewicht ein Übergewicht ist, das die Gesundheitsbehörden in Zukunft gezielter werden bekämpfen können. Zielgerichteter. Es hat nicht nur mit dem Einkommen und der Erziehung zu tun. Auch mit dem Nachbarn! Dass es sich um eine Zivilisationskrankheit handelt, wurde bereits vermutet. Jetzt weiß man: Dick ist ansteckend. Idris Guessous begründet dies mit alltäglichen Beobachtungen: „Völlig unbewusst haben Menschen die Tendenz, die Gewohnheiten jener, denen sie begegnen, zu imitieren.“ Das leuchtet ein, die Mimesis ist ein verbreitetes Verhaltensmuster – wohl auch im Viertel. Die Ansteckung müsste dann allerdings für das Schlanksein genauso zutreffen.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

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