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Neue Nationalhymne gefordert : Sauber singen

  • -Aktualisiert am

Büste von Hoffmann von Fallersleben (1798 bis 1874) auf der Insel Helgoland, wo er 1841 das „Lied der Deutschen“ dichtete. Bild: dpa

Die Diskussion, die Bodo Ramelow über die Nationalhymne wieder anstoßen will, ist ebenso müßig, wie sie rührt. Wo liegt es, das Land, das sich seinem Vorschlag gemäß besingen ließe?

          Deutschland brauche eine neue Hymne, eine Hymne, „auf die sich alle Menschen positiv berufen können und die nicht missbraucht werden kann“, hat Bodo Ramelow schon 2005 gefordert, als er noch Fraktionschef der PDS im Thüringer Landtag war. Dann folgte das Sommermärchen des Jahres 2006, als die schwarz-rot-goldenen Fahnen zur Fußball-Weltmeisterschaft überall zwischen Sylt und Zittau, Ahlbeck und Badenweiler wehten und man die dritte Strophe des Deutschlandliedes häufig hören konnte, ohne Angst zu bekommen. Da schien sich die alte Diskussion um eine neue Hymne basisdemokratisch durch eine singende Volksabstimmung von selbst erledigt zu haben.

          Doch Bodo Ramelow, inzwischen Thüringens Ministerpräsident, tröstet dieser Konsens aus einem Rausch, der längst verflogen ist, nicht über seine Bedenken hinweg: „Ich singe die dritte Strophe unserer Nationalhymne mit, aber ich kann das Bild der Nazi-Aufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden“, sagte er der „Rheinischen Post“ am Donnerstag im Interview. Die Bedenken sind alt. Die Kopplung des „Deutschlandliedes“ mit dem „Horst-Wessel-Lied“ zur NS-Zeit hat die Melodie Joseph Haydns und den Text Heinrich Hoffmann von Fallerslebens schwer beschädigt. In der Bundesrepublik einigte man sich, letztlich durch Fürsprache von Theodor Heuss, darauf, nur die letzte Strophe des „Deutschlandliedes“ als Hymne zu verwenden.

          In der DDR schrieb Johannes R. Becher einen Text, dessen Versmaß genau zu Haydns Melodie passt, während Hanns Eisler eine neue Melodie komponierte, zu der sich auch Fallerslebens Text singen ließe. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands dachte in den Anfangsjahren noch immer national, vaterländisch und gesamtdeutsch. Man wollte sich, dichterisch wie musikalisch, alle Optionen offenhalten.

          Auch der Vorschlag, beide Texte zu ersetzen durch Bertolt Brechts „Kinderhymne“ („Anmut sparet nicht noch Mühe“), ist seit 1990 immer wieder, sogar von Ramelow selbst, gemacht worden. Noch Brechts Text folgt im Versmaß der Diktion von Haydns Melodie. Die Diskussion, die Ramelow nun wieder anstoßen will, ist ebenso müßig, wie sie rührt. Aus ihr spricht die Sehnsucht nach einer Stunde null, nach einem Gesang, der alle einschließt und heil werden lässt, die Sehnsucht nach dem Abwerfen einer Last. Aber wo liegt es, dieses Land, das sich so besingen ließe? Es wäre ein Land ohne Geschichte, ein Land jenseits der Politik, ein Land, dem jeder Erdenrest zu tragen peinlich wäre. Diese Sehnsucht nach einem Land, das so rein nur im Lied noch leben könnte, die ist wieder typisch deutsch.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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