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Bob Dylan über Whiskey : Flaschenpost

  • -Aktualisiert am

„Buckets of Rain“ - oder doch lieber einen Becher Schnaps? Bob Dylan in Martin Scorseses Netflix-Film über die Rolling Thunder Revue Bild: Netflix

Bob Dylans eigentlich beendete „Theme Time Radio Hour“ lebt wieder auf - für eine Sonderfolge über „Whiskey“. Ist das gerade jetzt nun Eskapismus, Fatalismus, oder steckt noch eine andere Botschaft darin?

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          Ist es ein bisschen traurig, dass Bob Dylan nun eine Sonderfolge seiner „Theme Time Radio Hour“ dazu nutzt, für die eigene Whiskeymarke zu werben? Ein bisschen vielleicht. Aber schon beim Wiederhören der berühmten Einleitung („It’s night time in the big city...“) dieser mehr als hundert Stunden umfassenden Klang-Enzyklopädie der amerikanischen Populärmusik dürften viele versöhnt sein.

          Es stellt sich ein Effekt der doppelten Nostalgie ein: Das seufzende they don’t make ’em like that anymore war ja schon Gegenstand der Sendung, die sich stark auf Musik der mittleren Dekaden des 20. Jahrhunderts konzentrierte. Nun, beim Hören der überraschend und frei zugänglich veröffentlichten neuen Folge der eigentlich 2009 abgeschlossenen Reihe, bezieht sich der Seufzer auch auf diese selbst.

          Ob heute überhaupt noch jemand Radio höre, fragt Dylan zu Beginn – „some folks might be listening on their smart toasters“. Wem dieser Humor zu großväterlich ist, der findet vielleicht Trost darin, dass Dylan auch Witze von Lady Gaga nacherzählt. Am historisierenden und didaktischen Charakter der „Theme Time“ kommt man freilich nicht vorbei. Nicht nur lernt man in dieser, welche Cocktails man aus Whisky (wenn es sich um schottischen handelt) oder Whiskey (bei irischem und Bourbon) mixen kann – etwa einen „Old Fashioned“, einen „Suburban“, einen „Rusty Nail“ –, sondern auch wie der Schnaps die Musik beeinflusst hat. Nämlich ganz handgreiflich mit der Benutzung von Flaschenhälsen beim Gitarrenspiel, aber vor allem lyrisch, wie hier Eindrücke von Robert Burns bis zum Reggae zeigen.

          Natürlich fragt sich angesichts der Episode auch: Warum gerade jetzt? Eskapismus wäre eine allgemeine Antwort, die Flucht ins Saufen eine konkretere. Aber Dylanologen werden sich damit bestimmt nicht zufriedengeben: Ist denn noch irgendeine Kassiber-Botschaft in der zweistündigen Schnapssendung versteckt, so wie jüngst in seinem Lied „Murder Most Foul“ und dem neuen Album „Rough and Rowdy Ways“: etwa dass Amerika, ja der Westen, am Ende sei? Tatsächlich wird es auch hier manchmal ernst, weil manches alte Trinklied schale Ansichten enthält. Beispiel: Timmie Rogers, der sich alten Whiskey und junge Mädchen wünschte und nicht umgekehrt, denn „girls don’t improve with age“.

          Dylan lässt keinen Zweifel daran, dass man dies schon 1946 für sexistisch halten konnte, fragt dann aber: Soll man Rogers nun aus dem Kanon ausschließen oder vielmehr anerkennen, dass er als einer der ersten schwarzen Comedians das schreckliche Erbe der „Minstrel Shows“ aus Karikatur und rassistischen Requisiten überwand? Es geht also um Ambivalenztoleranz, jene Tugend, die gerade so vielen fehlt. Für sie zu werben kann am Tag nach einem neuen Tiefpunkt amerikanischer Debattenkultur nicht schaden. Der Trinkdidaktiker Bob Dylan, der am Ende Hayden Carruths Gedicht „Scrambled Eggs and Whiskey“ rezitiert, hat auch dazu natürlich noch einen weisen Apothekerspruch parat: „Repeat if necessary.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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