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Blühende Landschaften : Merkur

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Die Frage, die sich jeder im Westen heute stellen muss, heißt immer noch: Wo war ich, als es passierte? Ich zum Beispiel muss zugeben, dass ich in Torremolinos war, als "es" passierte, einem Feriengulag an der Costa del Sol.

          2 Min.

          VON PETER RICHTER

          Die Frage, die sich jeder im Westen heute stellen muss, heißt immer noch: Wo war ich, als es passierte? Ich zum Beispiel muss zugeben, dass ich in Torremolinos war, als "es" passierte, einem Feriengulag an der Costa del Sol. Die Hälfte der gastronomischen Betriebe dort war englisch geführt, und ich bin kulturell aufgeschlossen, auch wenn die Bedienung violette Haare hat und "Luv" zu ihren Gästen sagt. Es war später Vormittag, als ich durch den Fernseher über der Bar vom Tod der Lady Di erfuhr. Zuerst begriff ich gar nicht, was los war. Es liefen noch einmal die üblichen Bilder: der zarte Körper in den breiten Blazern, die Autoverkäuferföhnfrisur, das Diana-im-Bade-Lächeln. Britisches Satelliten-TV, so ist das eben, dachte ich. Dass es ernster war, zeigte mir ein Mann, der weinte. Das Abziehbild eines Billigurlaubers. Englisches Gammelfleisch. Schwer zu sagen, was Adern waren und was Tattoos. Ein großer, weicher Haufen Blauschimmelkäse, aus dem Tränen kullerten. Seltsamerweise hielt ihn das nicht davon ab, mit gutem Appetit sein Mittagessen zu verzehren, um elf Uhr morgens. Mit Inbrunst zermalmte seine Gabel den Rindfleisch-Pie, die tschernobylfarbigen Erbsen und den Kartoffelbrei mit der braunen Tunke. Auf dem Teller sah es aus, wie ich mir das Innere von Dianas und Dodis Unglückslimousine vorstellte. Dann hieb er auf den Tisch und wusste, wer an allem schuld war: Mercedes-Benz. Die Frage, die sich jeder im Westen heute stellen muss, heißt immer noch: Wo war ich, als es passierte? Ich zum Beispiel muss zugeben, dass ich in Torremolinos war, als "es" passierte, einem Feriengulag an der Costa del Sol. Die Hälfte der gastronomischen Betriebe dort war englisch geführt, und ich bin kulturell aufgeschlossen, auch wenn die Bedienung violette Haare hat und "Luv" zu ihren Gästen sagt. Es war später Vormittag, als ich durch den Fernseher über der Bar vom Tod der Lady Di erfuhr. Zuerst begriff ich gar nicht, was los war. Es liefen noch einmal die üblichen Bilder: der zarte Körper in den breiten Blazern, die Autoverkäuferföhnfrisur, das Diana-im-Bade-Lächeln. Britisches Satelliten-TV, so ist das eben, dachte ich. Dass es ernster war, zeigte mir ein Mann, der weinte. Das Abziehbild eines Billigurlaubers. Englisches Gammelfleisch. Schwer zu sagen, was Adern waren und was Tattoos. Ein großer, weicher Haufen Blauschimmelkäse, aus dem Tränen kullerten. Seltsamerweise hielt ihn das nicht davon ab, mit gutem Appetit sein Mittagessen zu verzehren, um elf Uhr morgens. Mit Inbrunst zermalmte seine Gabel den Rindfleisch-Pie, die tschernobylfarbigen Erbsen und den Kartoffelbrei mit der braunen Tunke. Auf dem Teller sah es aus, wie ich mir das Innere von Dianas und Dodis Unglückslimousine vorstellte. Dann hieb er auf den Tisch und wusste, wer an allem schuld war: Mercedes-Benz.

          Das wird Karl Heinz Bohrer jetzt vielleicht überraschen, aber an den Mann muss ich denken, seit die neueste Ausgabe seines "Merkurs" draußen ist, das dicke Doppelheft zum Thema "Dekadenz". Ganz kurz zusammengefasst, handelt es sich um ein Heft, welches das Prinzip, das es beschreibt, praktischerweise selbst anwendet: Alte Männer bezichtigen die Jugend der Verweichlichung, Stil- und Sittenlosigkeit. Karl Heinz Bohrer alleine liefert, ausgehend von den britischen Marinesoldaten, die sich Anfang des Jahres von Iran festnehmen und beim Weinen und Wimmern filmen lassen haben, eine derartige Menge an Beispielen dafür, wo es überall mit dem Westen, seiner Verteidigungsfähigkeit und seinem Selbstwertgefühl den Bach runtergeht, dass man seine Assoziationskette gleich auch um den Rest der Welt und der Nachrichtenlage legen möchte: der Pflegenotstand, die Musterungswillkür, abstrakte Domfenster (Verlust der Mitte! Sedlmayr!). Nicht immer fällt die Interpretation jedoch leicht. Viel Raum nimmt bei Bohrer das Beispiel der deutschen, speziell der nordrhein-westfälischen Bahnhöfe ein: die ganze schöne dramatische Dynamik dieser "wilden Welt", versteckt hinter schwächlichem Shoppingplunder. Und seit gestern nun auch noch Rauchverbot bei der Deutschen Bahn. Ist das jetzt der Gipfel der Selbstdemütigung oder, im Sinne der Wehrkrafterhaltung, ein erster Hoffnungsschimmer? Und vor wem wird der Araber, wenn er sich Andalusien zurückholt, bei direkter Konfrontation mehr Respekt haben - vor Männern, die weinen, oder vor solchen, die sich auch durch den Tod einer Prinzessin nicht von der Arbeit an einer körperlich überlegenen Erscheinung abhalten lassen? Das wüsste man gern. Oder auch lieber nicht.

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