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Bloomsday revisited : Sláinte, Leopold!

Joyce-Verehrer in Sandycove, wo „Ulysses“ beginnt Bild: Picture-Alliance

Heute wird in Dublin wieder Bloomsday gefeiert, jener Tag, an dem James Joyce seinem Leopold Bloom in „Ulysses“ durch die Straßen der Stadt folgt. Warum ist das Ereignis so unwiderstehlich?

          2 Min.

          Heute ist es wieder so weit. Joyce-Verehrer aller Länder treffen sich an der „rotzgrünen Irischen See“ in Sandycove oder gleich in der North Great George’s Street in Dublin, um zum Frühstück traditionell halbgare Nierchen mit einem Pint Guinness herunterzuspülen. Anschließend geht es, in Kurzfassung, zum Zitronenseifen-Kauf beim Drogisten Sweeny am Lincoln Place, zum Gorgonzola-Sandwich mit Rotwein bei „Davy Byrne’s“, zu Leber mit Kartoffelpüree und Cidre im Ormond Hotel. Danach stünde, streng literarisch genommen, ein Bordellbesuch an, der aber meistens durch eine Rezitation des Molly-Bloom-Monologs im wohlverdienten Hotelbett ersetzt wird. Das Ganze nennt sich Bloomsday, weil an diesem Tag die Handlung von James Joyce’ Roman „Ulysses“ nachgespielt wird, der am 16. Juni des Jahres 1904 seiner Hauptfigur Leopold Bloom kreuz und quer durch Dublin folgt. Wobei Irlands Hauptstadt, wie Joyce einmal sagte, so zerstört sie auch immer sein möge, nach den genauen Angaben seines „Ulysses“ wieder aufgebaut werden könnte. Verändert werden darf Dublin allerdings nicht, allein wegen des Bloomsdays. Man kann aber auch den Nobelpreisträger Seamus Heaney verstehen, der vor diesem „Karneval“ regelmäßig aus der Stadt floh. Gerade weil der 1954 von trinkfreudigen Dichtern wie Flann O’Brien und Patrick Kavanagh erfundene Bloomsday vom Ansatz her so originell ist, verbietet es sich, das Ganze nach der ersten Teilnahme zu wiederholen, das hätte etwas Kirmeshaftes – und man sollte nicht zweimal in derselben Weltliteratur versumpfen.

          Joyce selbst feierte zwar auch jeden 16. Juni, dies aber vor allem, weil er an jenem Tag zum ersten Mal Intimitäten mit seiner späteren Frau Nora Barnacle ausgetauscht hatte; für ihn besaß der Tag eine mehrfache Bedeutung. Warum aber wird das literarische Tag-Werk im Namen der Weltliteratur nicht einfach ausgebaut? Warum gibt es, abgesehen davon, dass ein 24-Stunden-Roman wie der „Ulysses“ eine besondere Steilvorlage darstellt, keinen Švejk-Day in Prag mit reichlich dunklem Bier im „Kelch“ und einer anschließenden kollektiven Rollstuhlfahrt, bei der alle Beteiligten, sooft sie möchten, aus voller Kehle ausrufen: „Es lebe Kaiser Franz Joseph I.!“ oder wahlweise Wladimir Putin, Donald Trump, Kim Jong-un? Wem das zu lautstark ist, der könnte am Jour de Combray (da muss es natürlich Französisch sein) mit Proust in Illiers auf der Suche nach der verlorenen Zeit zum Frühstück eine Madeleine in Lindenblütentee tunken, um anschließend die Nase in Weißdornhecken und verschiedene Baumblüten zu stecken. Doch bei aller Hochachtung vor Hašek und Proust – es wäre nicht dasselbe wie der Bloomsday.

          Am Švejks-Day würde der Leser den Spuren seines anarchischen Alter Ego folgen, am Jour de Combray den sensibelsten Seiten der eigenen Innenwelt. Am Bloomsday aber hat man das Gefühl, in einen inneren Monolog mit Leopold Bloom, Stephen Dedalus und der menschlichen Schwäche schlechthin zu treten, im Grunde also sich selbst zu folgen. Das entspricht einer Beziehung zum Autor, welche Lucia, die schizophrene Tochter von James Joyce, hellsichtig auf den Punkt brachte, als sie den Tod ihres Vaters mit den Worten kommentierte: „Was macht er denn da unter der Erde, der Idiot? Wann wird er sich endlich entschließen, wieder herauszukommen? Er beobachtet uns doch die ganze Zeit.“ Nur am Bloomsday kann der Leser sich fehlbar, durchschaut und – in den versonnenen Augen des großen Humanisten James Joyce – trotzdem grenzenlos vollkommen fühlen.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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