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Blogger im Gespräch mit Peer Steinbrück : Jetzt tun Sie doch nicht immer so ohnmächtig!

  • Aktualisiert am

„Wir haben Europa reduziert auf ein Treffen von mehr oder weniger alten Männern plus einer Frau.” Bild: ©Helmut Fricke

Die Blogger Frank Lübberding, Thomas Strobl und Jochen Venus diskutieren seit der Lehmann-Pleite, was falsch läuft in unserer Gesellschaft und der Europäischen Union. Wir dachten: Die Blogger müssen die Macht treffen. Auch Peer Steinbrück sah das so.

          19 Min.

          Peer Steinbrück hat noch kein Blog. Dafür schreiben seine Gesprächspartner im Internet ihre Gedanken nieder. Frank Lübberding können Sie beispielsweise unter weissgarnix.de verfolgen. Dort schreibt auch Jochen Venus unter seinem nickname „Morph“. Thomas Strobl schreibt für FAZ.NET in seinem Blog Formfrei.

          Strobl: In der „Ode an die Freude“ heißt es: „Unser Schuldbuch sei vernichtet, ausgesöhnt die ganze Welt.“ Warum wollen ausgerechnet die Bundesregierung und die Europäische Zentralbank die Griechen nicht an diesem schönen Stück deutscher Kulturtradition und an einer Umschuldung teilhaben lassen?

          Steinbrück: Es gibt sehr ressentimentbelastete Stichworte: „Wir wollen keine Transferunion sein, wir sind nicht der Zahlmeister Europas.“ Mittlerweile ist eine visionäre Vorstellung über dieses Europa verloren gegangen. Die Nachkriegsgeneration hat in der europäischen Idee und der europäischen Integration einen Ausweg aus den Befangenheiten und Traumatisierungen zwischen 1933 und 1945 gesehen. Dem zu entkommen, dafür war die europäische Ebene etwas, was in Deutschland eine große Überzeugungskraft entwickeln konnte: Wir lassen diesen Teil unserer Geschichte hinter uns, indem wir zu Vorzeigeeuropäern werden.

          „Kann sich ein Politiker nicht einfach hinstellen und auch einmal sagen: Das weiß ich nicht?” (Jochen Venus)
          „Kann sich ein Politiker nicht einfach hinstellen und auch einmal sagen: Das weiß ich nicht?” (Jochen Venus) : Bild: ©Helmut Fricke

          Lübberding: Wann ist Ihnen das zum ersten Mal aufgefallen, dass diese Generation bis Schmidt und Kohl nicht mehr prägend für die europäische Politik ist?

          Mit Beginn der Griechenland-Krise, in dem Augenblick, wo der Standpunkt vertreten wurde, die Griechen bekommen keinen Cent. Konkret seit März 2010, als die Bundesregierung in Gestalt der Bundeskanzlerin zwar prinzipiell eine Art Abschirmung zugesagt hatte, aber öffentlich nicht entsprechend agierte. In dem Augenblick wurde die Doppelbödigkeit dieser Politik deutlich. Das Fatale war, dass der Erklärungsbedarf gegenüber der Bevölkerung nicht wahrgenommen wurde: Was ist Europa im 21. Jahrhundert, und wo liegen unsere nationalen Interessen in diesem Europa?

          Lübberding: Bestimmte denn bis zum März 2010 dieser ursprüngliche Gedanke, also Europa als Friedensprojekt, überhaupt noch die Stimmung innerhalb der europäischen Gremien?

          Eindeutig. Die Westbindung war ein Bruch mit alten Vorstellungen vom deutschen Sonderweg.

          Venus: Aber wenn diese historische Erinnerung für junge Leute nur noch Schulbuchwissen ist und auch der Systemkonflikt weggefallen ist – wo sind dann noch die semantischen Ressourcen, um ihnen europäische Identität zu vermitteln?

          Sie betrachten die jetzige Situation als selbstverständlich. In Wirklichkeit sind sie in einer privilegierten Lage, für die ihnen allerdings das Bewusstsein fehlt. Das heißt, wir müssen eine neue Geschichte, eine neue Erzählung beginnen über Europa, die auch diese Generation erreicht. Meine Ansprache an Schüler und Studenten finge so an: „Ich bin nach meinem Urgroßvater, meinem Großvater und meinem Vater die erste Generation, die nicht in einem europäischen Krieg verheizt wurde. Ihr tut so, als ob euch die Friedensregion Europa in den Schoß gefallen ist. Ihr müsst euch doch dafür engagieren.“ Die Erzählung muss natürlich weiter gehen, und sie darf sich nicht nur auf eine Wirtschaftsgemeinschaft in Europa beschränken. Was ist dieses Europa im Unterschied zu dem vorangegangener Jahrhunderte? Sozialstaatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Freizügigkeit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit. Die Tatsache, dass nachts kein Staatssicherheitsdienst mehr an der Tür klingelt – das ist die Erzählung, die neu gefunden werden muss.

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