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Blockbusterkino : Sommer vorm Bankrott

Ein Wiedersehen mit dem Helden der Kindheit und Jugend: Jack Huston als Judah Ben-Hur, im Reboot mit Bindestrich. Bild: Philippe Antonello

Ein Flop jagt den nächsten, jetzt kommt auch noch der miserable „Ben-Hur“: Was ist nur mit dem guten, alten, lauten und erfolgreichen Blockbuster-Kino von Hollywood los?

          7 Min.

          Wenn man abends aus dem Kino kommt in diesen Tagen, liegt da schon ein bisschen Herbst in der Luft, und das Klima passt meist zu dem, was man gerade gesehen hat. Das soll ein Sommer gewesen sein? Wann wird es endlich mal wieder Sommer, möchte man fragen, und das ist ja nicht bloß eine Frage der Temperaturen, sondern auch der Emotionen, die zum Kino gehören wie die Hitze zum Sommer. Wenn man sich das Hollywood-Kino der letzten Monate anschaut, wüsste man gerne, wann es denn mal endlich wieder ein paar Filme gibt, die mehr als eine Woche in Erinnerung bleiben.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Sommersaison, die Zeit der Blockbuster, ist noch immer das wichtigste Ritual der amerikanischen populären Kultur, seit in den siebziger Jahren Steven Spielberg und George Lucas mit „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ überhaupt erst erfanden, was wir unter Blockbuster verstehen.

          Seitdem werden Filme nicht mehr langsam und behutsam aufgebaut, sondern im „wide release“ gleichzeitig auf ein paar tausend Leinwänden gezeigt, wodurch eben erst jener flächendeckende Effekt entsteht, der dem Blockbuster seinen martialischen Namen gegeben hat: nach der Bombe, die einen ganzen Straßenblock in Schutt und Asche legt.

          Ein Produkt wie jedes andere

          Auch die Erfindung des Blockbusters liegt nun schon wieder mehr als eine Generation zurück, aggressives Marketing und vertikale Integration zur Verbesserung der Wertschöpfungskette wie bei beliebigen anderen Produkten sind längst Standard, und mit der Zeit hat die Industrie auch das Internet und soziale Netzwerke als Vermarktungswege erkannt, nachdem das Kino als das größte „Endgerät“ zum Anschauen bewegter Bilder starke Konkurrenz bekommen hat.

          In diesem Jahr werden 55 Filme mit „wide release“ durch den Korridor zwischen den amerikanischen Feiertagen Memorial Day und Labor Day gejagt, also zwischen dem letzten Montag im Mai und dem ersten Montag im September – von den kleineren, unabhängigen Produktionen gar nicht zu reden.

          Der Erfolgsdruck ist gewaltig, der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums, vor allem um die Gunst der sogenannten Millenials, ist heftig. Und in den Chefetagen der großen Studios hat in diesem Sommer schon früh das Zittern eingesetzt, weil die Erlöse nicht annähernd so ausfallen, wie man sich das vorgestellt hat.

          Zittern in den Chefetagen

          Da in Hollywoods Erwartungen jeder Sommer großartiger sein soll als der vergangene, sind mehr als zwanzig Prozent Einnahmenrückgang gegenüber 2015 schon eine mittlere Katastrophe. Auch die Kritiken sind schlecht, was, im Vergleich zu deutschen Verhältnissen, sehr viel mehr Wirkung hat. Was auf Webseite wie „Rotten Tomatoes“ oder „Metacritic“, welche die Rezensionen der großen Printmedien aggregieren, niedrig notiert ist, hat in der Regel auch nur geringes kommerzielles Potential.

          Captain America zumindest war sehr erfolgreich - eine Szene aus dem Film „The First Avenger: Civil War“.
          Captain America zumindest war sehr erfolgreich - eine Szene aus dem Film „The First Avenger: Civil War“. : Bild: dpa

          Und weil in der amerikanischen Filmindustrie nicht wie bei uns Besucher gezählt werden, sondern die Einnahmen in Dollar, ist auch leicht zu beantworten, was ein Flop ist. Ein Film, der in der Kinoauswertung in Amerika und im Rest der Welt nur die doppelte Summe des Produktionsbudgets einspielt, den werden auch DVD-, Blu-ray- und Streaming-Erlöse nicht profitabel machen.

          Erst das Drei- oder Vierfache des Budgets bringt einen Film in die Profitzone. Weshalb in diesem Jahr auch scheinbar gut dastehende Blockbuster wie zum Beispiel „X-Men: Apocalypse“ oder „Jason Bourne“ große Mühe haben werden, anständige Rendite zu erzielen – und „Star Trek Beyond“ jetzt schon keine Chance mehr hat.

          Je länger der Sommer dauert, desto länger die Liste der Filme, die nach diesem Berechnungsmodell gefloppt sind: von Roland Emmerichs Sequel zu „Independence Day“ und der „Legend of Tarzan“ über die „Teenage Mutant Ninja Turtles“ und Warcraft“ bis zu Spielbergs „BFG“ und den „Ghostbusters“, um nur ein paar zu nennen.

          Der Flop des Sommers

          Rettung scheint vor allem von sprechenden Tieren zu kommen. „Findet Dory“, der Nachfolger von „Findet Nemo“ (bei uns ab 29. September im Kino), oder „Pets“ lösten die Erwartungen ein, auch „The First Avenger: Civil War“ oder „Angry Birds – Der Film“.

          Gute Aussichten, der größte Flop dieses Sommers zu werden, hat nun allerdings „Ben-Hur“, diesmal, warum auch immer, mit Bindestrich geschrieben. Hundert Millionen Dollar ließ sich das Studio diesen sogenannten „Reboot“ kosten, gerade mal elf Millionen hat er am ersten Wochenende in den Vereinigten Staaten eingespielt.

          Ziemlich abgestürzt:: Alexander Skarsgard als Tarzan in einer Szene des Kinofilms Legend of Tarzan“.
          Ziemlich abgestürzt:: Alexander Skarsgard als Tarzan in einer Szene des Kinofilms Legend of Tarzan“. : Bild: dpa

          Dass zehn weitere Millionen in Ländern wie Mexiko oder Rumänien hinzukamen, dass große Märkte wie der deutsche oder japanische noch warten, ist keine Hoffnung. Es passiert zwar schon mal, dass die Erlöse im Ausland die auf dem amerikanischen Markt weit übertreffen, wie zuletzt im Fall von „Warcraft“, aber wenn man weiß, dass die Einnahmen am zweiten Wochenende in aller Regel um fünzig Prozent und mehr fallen, muss man kein Finanzgenie sein, um eine Prognose zu stellen.

          Machos im Streitwagen

          Der alte „Ben Hur“, der noch ohne Bindestrich auskam, war zwar unglaublich erfolgreich, nicht nur wegen seiner elf Oscars, aber er war kein Blockbuster, als er am 18. November 1959 in New York seine Premiere feierte. Er war sehr teuer und das Hochrisikoprojekt eines angeschlagenen Studios, wie es auch schon der Stummfilm von 1925 war, aber sein Ruhm verbreitete sich nur langsam über das Jahr 1960 hinweg in die Welt, als habe keine große Eile beim Geldverdienen bestanden. In der Bundesrepublik Deutschland kam er erst im Oktober 1960 an, und wenn man den eher rudimentären Statistiken für jene Jahre trauen darf, sahen ihn mehr als dreizehn Millionen Zuschauer.

          Beim Bindestrich-„Ben-Hur“ müsste man befürchten, dass er unterwegs verloren ginge. Sein Scheitern liegt nun nicht daran, dass er dem alten Film in jeder Hinsicht unterlegen wäre. William Wylers Film ist so steifleinern, die Dialoge sind so pastoral und gravitätisch, dass es einem heute wie ein Stück Camp erscheint.

          Aber viele haben ihn halt zu einer Zeit und in einem Alter gesehen, wo einem das nicht weiter auffiel, als Charlton Heston ein muskulöser, edelmütiger, tapferer, gutaussehender Macho-Held war, der zuvor schon Moses gewesen war und noch nicht der böse alte Mann der Waffenlobby, in einer Welt, die sich muskulöse, edelmütige, tapfere, gutaussehende Macho-Helden wünschte.

          Wer hat darauf gewartet?

          Jedes Wiedersehen ist daher auch ein Rendezvous mit Kindheit und Jugend, in jedem amüsierten Lächeln steckt noch die Erinnerung, wie gebannt man einmal war. Und kein Remake entgeht dem Abgleich mit dieser Erfahrung. Von dieser Rezeptionsgeschichte abgesehen, waren das große Wagenrennen und die Seeschlacht auf der Höhe ihrer Zeit. Choreographien, die man heute noch bewundern kann, hundertprozentig analog.

          Morgan Freeman kann hier leider auch nichts retten, denn er sieht meist aus wie Whoopi Goldberg im Bademantel.
          Morgan Freeman kann hier leider auch nichts retten, denn er sieht meist aus wie Whoopi Goldberg im Bademantel. : Bild: Philippe Antonello

          Der Film mit Bindestrich muss sich dagegen erst mal fragen lassen: Warum? Wer hat darauf gewartet? Oder, wenn es denn halt nur wenige sehen, warum ist er dann noch nicht mal mutig oder verrückt? Der 55-jährige Timur Bekmambeto („Nightwatch“) ist ja kein junger, versponnener Arthouse-Regisseur. Er weiß, wie man erfolgreich Filme macht, und so erratisch Hollywoods Entscheidungen oft auch sein mögen, man lässt keinen Dilettanten hundert Millionen Dollar ausgeben.

          Aber schon das Drehbuch ist schwach. Krampfhaft bemüht, Szenen aus dem alten Film nicht zu wiederholen, produziert es ständig ähnliche, aber weniger überzeugende Szenen, weil es nicht weiß, was es will – oder es nicht zu erkennen geben kann. Niemand wird nun freiwillig um einen Dreieinhalb-Stunden-Film wie den alten „Ben Hur“ betteln, das Studio hätte Bekmambetow vermutlich gekreuzigt, wenn er das abgeliefert hätte, aber es muss dann zumindest ein Bewusstsein davon geben, dass man in 123 Minuten zwar hektisch viele Stationen abhaken kann, aber eine ganz andere Geschichte erzählt.

          Jesus spielt auch mit

          Bei Bekmambetow stimmen die Proportionen von Anfang an nicht. Der jüdische Prinz Judah Ben Hur und der Römer Messala sind bei ihm nicht nur Kindheitsfreunde, Messala ist sogar Adoptivbruder, was den Konflikt erheblich zuspitzt – ohne dass der Film daraus etwas zu machen wüsste. Jesus ist als komplette Figur entwickelt, einer dieser sanftmütigen Bilderbuchhippies, während Wyler ihm weder Stimme noch Gesicht gab, sondern bei seinen zwei Auftritten ein wirksames mystisches Gegenlicht einsetzte.

          Auch zwei unbekannte Hauptdarsteller sind nicht gerade von Vorteil. Jack Huston ist zwar der Enkel von John, aber im Vergleich zu Heston ein Softie, Toby Kebbell wirkt steif und sein Messala immer ein wenig zu tumb. Morgan Freeman spielt jenen Scheich Ilderim, für den Ben Hur in den Streitwagen steigt, er ist würdevoll und cool wie gewohnt, immerhin war er in „Bruce Allmächtig“ ja auch schon mal Gott, er sieht aber leider bisweilen aus wie Whoopie Goldberg im bunten Bademantel.

          Reden wir lieber nicht von weiteren unglückseligen dramaturgischen Entscheidungen, nicht vom allgemeinen Versöhnungsdusel, in den der Film am Ende taumelt, nicht von der grässlich falschen Naivität, mit der er erzählt.

          Und dann derart pastorale, steifleinerne Dialoge: Pilou Asbaek als Pontius Pilatus.
          Und dann derart pastorale, steifleinerne Dialoge: Pilou Asbaek als Pontius Pilatus. : Bild: Philippe Antonello

          Weit entscheidender ist, wenn es schon zum Epos nicht reicht, ob wenigstens die Actionszenen glänzen. Die Seeschlacht, in der Ben Hurs Zeit als Galeerensklave kulminiert, ist mit angemessener Wucht und einem gewissen visuellen Gespür für die klaustrophobischen Zustände unter Deck inszeniert, doch die Montage ist hier, wie auch beim Höhepunkt, dem berühmten Wagenrennen, hyperaktiv.

          Hyperaktiv geschnitten

          Nie bildet sich eine nachvollziehbare Topografie für den Zuschauer heraus, die Schnittfrequenz zerhäckselt die Bilder, und die ewigen Fernsehhalbnahen und Detailaufnahmen erzeugen vor allem in der zehnminütigen Rennsequenz eine Art rasenden Stillstand. Da ist kein Rhythmus, kein Raum und vor lauter Pixeln keine Welt, weil Bekmambetow es auch mit den computergenerierten Bildern maßlos übertreibt. Der Film lebt allein von dem Kredit des großen alten Namens. Aber er ist nicht imstande, auch nur irgendetwas davon zurückzuzahlen.

          Man sollte nun allerdings weder aus dem ästhetischen und dem absehbaren kommerziellen Debakel noch aus diesem Sommer der Enttäuschungen schließen, dass es mit der Ära der Blockbuster zu Ende ginge, dass die „Sequelitis“, die Zahl der Reboots oder Superhelden-Franchises drastisch zurückgehen werde. Um zu sehen, wie falsch eine solche Prognose wäre, dafür reicht ein Blick auf das Programm für 2017.

          Warten auf die Implosion

          Hollywood ist, trotz Kontrolle durch große Konglomerate und ausländisches Konzerne, ein Geschäft, in dem man der Angst vor einem Flop mit noch mehr Geld begegnet, aber nicht mit Sparsamkeit. Und es kennt kein anderes Geschäftsmodell mehr als das „First Weekend Business“. Ein schlechter Start ist der schnelle Tod eines Films, er wird überrollt wie beim Wagenrennen, weil man es für unmöglich hält, länger Aufmerksamkeit für ihn zu erzeugen als ein Wochenende.

          Natürlich hat diese wachsende Risikoanfälligkeit der großen Entertainment-Maschinen damit zu tun, wie sehr sich der soziale Ort und die Rolle des Kinos verändert haben. Und es liegt in der Logik Hollywoods, dass es in seiner Geschichte seit den Stummfilmtagen immer nur sehr langsam und aus brutalen Desastern gelernt hat, auf solche Veränderungen zu reagieren – wenn überhaupt.

          Ein Flop wie „Ben-Hur“ ist daher schnell vergessen. Klar, die kurzzeitige Marketing-Strategie, den Film vor allem religiösen Kinogängern nahebringen zu wollen, war ein Witz, die mangelnde Präsenz in den sozialen Netzwerken ein sicherer Indikator fürs Scheitern und der Verzicht auf Stars ein Fehler. Beim nächsten Mal wird alles anders. Vielleicht. Oder auch nicht. Von einer „Implosion“ jedoch, von der Steven Spielberg sprach, dürfte das System wohl noch weit entfernt sein.

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