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Griechenland-Politik : Der blinde Fleck der deutschen Weltoffenheit

Interessiert sich der Deutsche nur für sich selbst? Touristen vor dem Kanzleramt in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

Die Deutschen sind wieder hässlich. Warum? Vielleicht sind sie jetzt aus dem gleichen Grund die Bösen, aus dem sie bislang noch die Guten waren: Sie interessieren sich letztlich nur für sich.

          6 Min.

          Die Nachricht der Woche ist: Die Deutschen sind wieder hässlich. Unter dem Hashtag „This is a coup“ fragten sich nach dem Brüsseler Gipfel Millionen Entsetzte in der ganzen Welt, was aus dem zurückhaltenden, sich hinter seiner allseitigen Kooperationswilligkeit fast versteckenden Land geworden ist. Roger Cohen, der Kolumnist der „New York Times“, konstatiert: „The German Question is back“. Und Jürgen Habermas spricht aus, was in der Luft liegt, wenn er dem „Guardian“ sagt, die Berliner Regierung habe „in einer Nacht all das politische Kapital verspielt, das ein besseres Deutschland in einem halben Jahrhundert angehäuft“ habe.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber wahrscheinlich ist die Sache noch schlimmer, und Deutschland hat sich gar nicht geändert. In Wirklichkeit ist dieses Volk heute aus exakt demselben Grund der Böse, aus dem es eben noch allen sympathisch war: Ein Volk, das sich letztlich nur für sich selbst und seine Wirtschaft interessiert und weder sich selbst noch andere mit weitergehenden Ansprüchen behelligen will. Vorausgesetzt, dass die Kanzlerin als zuverlässiges Medium der öffentlichen Stimmungen auch ganz ohne Volksbefragung genau das abbildet, was die deutsche Bevölkerung in ihrer Mehrheit will oder wenigstens tolerieren kann, ist die Brüsseler Nacht mit ihrem Ultimatum an die Griechen – entweder übernehmt ihr ohne jegliche Abstriche unsere Logik oder ihr dürft unsere gemeinsame Währung nicht länger benutzen – ein getreuer Spiegel des Verhältnisses, das das Volk der Bundesrepublik immer schon gegenüber seiner Außenwelt hatte.

          Was das bisher irgendwie liebenswert Wirkende ins Unduldsame umschlagen lässt, ist der Umstand, dass ein Teil dieser Außenwelt - Griechenland - den ihm zugedachten Rahmen verlässt und unversehens als Akteur eigenen Rechts in Erscheinung tritt - als Akteur also, der möglicherweise Auswirkungen auf einen selbst und sein Selbstbild hat. Das darf nicht sein. Man konnte diese Kippfigur in diesen Tagen an der Verwendung des Worts „Mentalität“ beobachten. Mit den jetzt vorhandenen „Mentalitäten“ außerhalb Kerneuropas ließe sich eine gemeinsame europäische Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik nicht realisieren, sagte jetzt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler der „Berliner Zeitung“. Die Mentalitäten der anderen erscheinen da als Problem für Europa, während sie in der offiziellen deutschen Sprachregelung doch gerade die Stärke dieses Kontinents der Differenz ausmachen. Was die beiden Begriffsverwendungen voneinander unterscheidet, ist, dass die mentale Differenz im einen Fall ein Objekt des eigenen Weltkonsums ist, im anderen aber ein reales Subjekt, das einen selbst möglicherweise bedroht, zum Beispiel indem es seine Schulden nicht zurückzahlt.

          Erprobte Schemata

          Genau diese Unterscheidung markiert die Grenze und den blinden Fleck der deutschen Weltoffenheit. Es herrscht im Lande eine große Sympathie und Einfühlungsbereitschaft gegenüber allem, was man in der Welt draußen konsumieren kann, nicht nur Sonnenschein, Kunst und Küche, sondern eben auch die „Mentalität“ der Leute und in gewisser Weise sogar deren Probleme, sofern diese sich in das Raster vertrauter Beurteilungskategorien fügen. Auf diesem Weg dringen auch harte Themen wie die Menschenrechtsverletzungen, Fundamentalisten oder Dissidenten ferner Länder ins eigene Kollektivbewusstsein vor: Es stehen erprobte Schemata zur Verfügung, die einem eine Meinung dazu erlauben. Vorgänge außerhalb dieser Schemata, die einer fremden, nicht schon vertraut gemachten Logik gehorchen, stoßen dagegen auf massives Desinteresse – eine Gleichgültigkeit, die sogar in Aggressivität umschlagen kann, wenn die fremde Logik die eigene Logik vermeintlich in Mitleidenschaft zieht. Daher kommt es, dass gerade eine Gesellschaft, in der es eine so ausgeprägte Begeisterung sowohl für das antike wie für das zeitgenössische Griechenland mit seiner großherzigen Lebensweise gibt, zugleich eine so große Wut entwickeln kann, sobald eben diese Lebensweise den Verdacht auf sich zieht, ans eigene Geld zu gehen, also das vertraute Verhältnis von handelndem Subjekt und behandeltem Objekt umzukehren.

          Denn die bunte Pastellwelt, die sich dieser spezielle Kosmopolitismus als Gegenstand seiner wohlwollenden Aufmerksamkeit zurechtlegt, hat eine entscheidende Voraussetzung: Sie lässt das Eigene ganz unberührt. Dass man auch selbst ein Teil dieser Welt und deren Veränderungen ist, wird im Abstrakten zwar niemand bestreiten wollen, doch im Konkreten der deutschen Weltsicht ist das eine ganz und gar unübliche Vorstellung. Die Folge davon ist, dass eine Debatte über die Frage, was Deutschland mit seiner ihm spätestens in der Finanzkrise von 2008 zugefallenen Macht innerhalb der Europäischen Union anfangen soll, extrem unpopulär ist. Es existiert sogar eine Art Bilderverbot für diese Macht, da schon deren bloße Imagination den Status quo der allseitigen Beliebtheit bedroht, in deren Windschatten das Land weiter seine Geschäfte und seine Hochsitz-Beobachtungen der anderen betreiben zu können hofft.

          „Doc Schäuble“ ist ein Dirigent

          Das Problem ist nur: Die Macht existiert schon real und wird schon real ausgeübt. Doch da sie in der Öffentlichkeit tabuisiert wird, ist der einzige Inhalt, den sich die mehrheitshörige Politik erlauben zu können meint, die Ökonomie im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. So wurde am vergangenen Wochenende ausgerechnet der vermeintliche Garant der Beliebtheit zum Grund des Ärgers, der Deutschland jetzt in weiten Teilen der Welt entgegenschlägt. Die Ökonomie, die dem Land seinen Hochsitz-Beobachtungsposten erlaubt, ist zugleich dessen blinder Fleck.

          Was nicht heißt, dass die dieser Weltsicht zugrundeliegende Rationalität nicht auch jenseits der deutschen Machtstellung ihre Wirkung täte. Ausgerechnet der ehemalige griechische Finanzminister Giannis Varoufakis bezeugt dies indirekt in seinem gerade einmal zwei Wochen währenden neuen Leben als Kommentator und Ethnologe der europäischen Institutionen. In einem kurz vor dem Gipfel geführten, aber erst letzte Woche veröffentlichten Interview des britischen Magazins „New Statesman“ gibt er einen Innenbericht, wie es bei den Verhandlungen unter den Finanzministern in der Eurogruppe zuging. Er beschreibt die Gruppe als ein „sehr gut aufeinander eingestimmtes Orchester“ mit Wolfgang Schäuble als dessen Dirigenten. Hin und wieder habe es passieren können, dass sich in den harmonischen Gesamtklang ein kleiner Misston einschlich, etwa wenn der französische Finanzminister eine Bemerkung machte, die auf „sehr feinsinnige“ und zudem mit juristischer Fachterminologie höflich verschleierte Weise von der deutschen Linie abwich. Doch dann habe „Doc Schäuble“ kurz interveniert und alle wieder auf Linie gebracht, der sich dann auch der französische Finanzminister nicht länger verweigerte.

          Varoufakis stellt es so dar, dass sein eigenes Auftreten in dieser Runde wie das eines Außerirdischen aufgenommen worden sei. Sobald er ein sorgfältig ausgearbeitetes Argument vorgetragen habe, habe er nur in leere Gesichter geschaut: „Es ist so, als habe man gar nicht gesprochen. Man hätte genauso gut die schwedische Nationalhymne singen können – man hätte dieselbe Antwort bekommen.“ Bemerkenswert ist an dieser Schilderung vor allem, dass sie keinerlei Ressentiment feststellt. „Es gab noch nicht einmal Ärger, es war einfach so, als ob man nichts gesagt hätte.“ Wenn man dem Bericht trauen kann, dann sind bei diesen Sitzungen zwei unterschiedliche Rationalitäten nicht aufeinandergestoßen, sondern in weitem Abstand aneinander vorbeigesegelt. Die Rationalität, der Schäuble die einflussreichste und präziseste Stimme gab, die in den Gremien aber auch sonst bestimmend war, ist die der Regelbefolgung, unterlegt noch mit moralischen Untertönen: Schulden gehören zurückgezahlt, und wenn wir uns nicht an die Gesetze und Verträge halten, auf die wir uns in Europa geeinigt haben, dann bricht die ganze gemeinsame Konstruktion ohnehin in sich zusammen.

          Der große Regularitäts-Appeal

          Über die Schwächen dieser Argumentation ist in den letzten Wochen viel gesprochen worden: Griechenland wird die Schulden realistischerweise nie zurückzahlen können; die rigiden Sparauflagen erzeugen nicht nur eine soziale Katastrophe, sie drohen auch jeden ökonomischen Aufschwung im Keim zu verhindern; darüber hinaus schränken sie die demokratische Souveränität des Landes ein und stellen mit den inneren Turbulenzen, die sie verschärfen, ein geopolitisches Risiko dar. Trotzdem hatte die alternative Rationalität, die auf eine Erweiterung der Regeln hinausläuft, in den Gremien bisher keine Chance: weder die Pläne eines New Deals inklusive eines Schuldenschnitts für Griechenland noch die Überlegungen zu einer Neukonstruktion Europas mit einer gemeinsamen Wirtschaftsverwaltung. Von der Regelbefolgungsrationalität ging vielmehr offenbar ein so großer Regularitäts-Appeal aus, dass alle davon abweichenden Vorstellungen den Rahmen des Denkbaren sprengten und daher noch nicht einmal als solche wahrgenommen wurden.

          Als sich dann allerdings durch das Referendum herausstellte, dass dieser Versuch bürokratischer Einhegung bei den Griechen seine Wirkung wider Erwarten verfehlte, verloren dann doch noch einige ihre Contenance. Bei den Gipfeln des Wochenendes soll es zu unschönen Szenen gekommen sein: Der finnische Finanzminister und der slowenische Premierminister ließen sich zu hochemotionalen Attacken auf Griechenland hinreißen, und Schäuble herrschte Mario Draghi einmal an, er sei „kein Idiot“. Der Gipfel erzielte das gewünschte Ergebnis, doch die Fiktion der sich aus der Logik der Institutionen selbst ergebenden Selbstverständlichkeit ist dahin.

          Und die Deutschen können plötzlich nicht mehr verstehen, was die Welt eigentlich von ihnen will. Man nimmt ihnen ja nicht einfach übel, wie Habermas jetzt mutmaßt, dass sie als Hegemon auftreten. Sondern dass sie als Hegemon zugleich der Krämer geblieben sind, der die äußere Welt bloß als Gebrauchsartikel, Kunde oder Schuldner wahrnehmen kann. Und nicht als Sphäre, für deren demokratische und wirtschaftliche Entwicklung er sogar aus eigenem Interesse zusammen mit anderen Verantwortung übernehmen muss. Plötzlich ahnt man, wie gefährlich Macht selbst bei den besten Absichten einmal werden könnte.

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