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Griechenland-Politik : Der blinde Fleck der deutschen Weltoffenheit

Denn die bunte Pastellwelt, die sich dieser spezielle Kosmopolitismus als Gegenstand seiner wohlwollenden Aufmerksamkeit zurechtlegt, hat eine entscheidende Voraussetzung: Sie lässt das Eigene ganz unberührt. Dass man auch selbst ein Teil dieser Welt und deren Veränderungen ist, wird im Abstrakten zwar niemand bestreiten wollen, doch im Konkreten der deutschen Weltsicht ist das eine ganz und gar unübliche Vorstellung. Die Folge davon ist, dass eine Debatte über die Frage, was Deutschland mit seiner ihm spätestens in der Finanzkrise von 2008 zugefallenen Macht innerhalb der Europäischen Union anfangen soll, extrem unpopulär ist. Es existiert sogar eine Art Bilderverbot für diese Macht, da schon deren bloße Imagination den Status quo der allseitigen Beliebtheit bedroht, in deren Windschatten das Land weiter seine Geschäfte und seine Hochsitz-Beobachtungen der anderen betreiben zu können hofft.

„Doc Schäuble“ ist ein Dirigent

Das Problem ist nur: Die Macht existiert schon real und wird schon real ausgeübt. Doch da sie in der Öffentlichkeit tabuisiert wird, ist der einzige Inhalt, den sich die mehrheitshörige Politik erlauben zu können meint, die Ökonomie im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. So wurde am vergangenen Wochenende ausgerechnet der vermeintliche Garant der Beliebtheit zum Grund des Ärgers, der Deutschland jetzt in weiten Teilen der Welt entgegenschlägt. Die Ökonomie, die dem Land seinen Hochsitz-Beobachtungsposten erlaubt, ist zugleich dessen blinder Fleck.

Was nicht heißt, dass die dieser Weltsicht zugrundeliegende Rationalität nicht auch jenseits der deutschen Machtstellung ihre Wirkung täte. Ausgerechnet der ehemalige griechische Finanzminister Giannis Varoufakis bezeugt dies indirekt in seinem gerade einmal zwei Wochen währenden neuen Leben als Kommentator und Ethnologe der europäischen Institutionen. In einem kurz vor dem Gipfel geführten, aber erst letzte Woche veröffentlichten Interview des britischen Magazins „New Statesman“ gibt er einen Innenbericht, wie es bei den Verhandlungen unter den Finanzministern in der Eurogruppe zuging. Er beschreibt die Gruppe als ein „sehr gut aufeinander eingestimmtes Orchester“ mit Wolfgang Schäuble als dessen Dirigenten. Hin und wieder habe es passieren können, dass sich in den harmonischen Gesamtklang ein kleiner Misston einschlich, etwa wenn der französische Finanzminister eine Bemerkung machte, die auf „sehr feinsinnige“ und zudem mit juristischer Fachterminologie höflich verschleierte Weise von der deutschen Linie abwich. Doch dann habe „Doc Schäuble“ kurz interveniert und alle wieder auf Linie gebracht, der sich dann auch der französische Finanzminister nicht länger verweigerte.

Varoufakis stellt es so dar, dass sein eigenes Auftreten in dieser Runde wie das eines Außerirdischen aufgenommen worden sei. Sobald er ein sorgfältig ausgearbeitetes Argument vorgetragen habe, habe er nur in leere Gesichter geschaut: „Es ist so, als habe man gar nicht gesprochen. Man hätte genauso gut die schwedische Nationalhymne singen können – man hätte dieselbe Antwort bekommen.“ Bemerkenswert ist an dieser Schilderung vor allem, dass sie keinerlei Ressentiment feststellt. „Es gab noch nicht einmal Ärger, es war einfach so, als ob man nichts gesagt hätte.“ Wenn man dem Bericht trauen kann, dann sind bei diesen Sitzungen zwei unterschiedliche Rationalitäten nicht aufeinandergestoßen, sondern in weitem Abstand aneinander vorbeigesegelt. Die Rationalität, der Schäuble die einflussreichste und präziseste Stimme gab, die in den Gremien aber auch sonst bestimmend war, ist die der Regelbefolgung, unterlegt noch mit moralischen Untertönen: Schulden gehören zurückgezahlt, und wenn wir uns nicht an die Gesetze und Verträge halten, auf die wir uns in Europa geeinigt haben, dann bricht die ganze gemeinsame Konstruktion ohnehin in sich zusammen.

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