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Blick in französische Zeitschriften : Die Schriftsteller trinken wieder

Frankreich greift für Obama Partei Bild:

Die französische Presse schlägt sich auf die Seite von Obama. Für Julia Kristeva verkörpert die republikanische Vizekandidatin Sarah Palin das Unbehagen an der Zivilisation. Und Frankreichs Schriftsteller trinken wieder.

          3 Min.

          Auch die Franzosen wählen Barack Obama. Im Kabinett hat sich offenbar ein einziger Minister für McCain ausgesprochen. Nur wenige Kommentatoren stellen die Frage, warum Frankreich selbst keinen Obama hervorgebracht hat. In „Le Monde“ vergleicht Louis-Georges Tin die Stellung der Schwarzen - auch der schwarzen Eliten - in den beiden Ländern und untersucht ihr Wahlverhalten. Ein Schwarzer oder ein Araber im Elysée? Das Volk, glaubt Tin, wäre dazu wohl bereit. Die Blockierungen lokalisiert er im Apparat der Parteien.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Kann Obama die weiße Arbeiterklasse überzeugen?“, fragt „Esprit“ und hofft: ja. „Geo“ publiziert mehrere Reportagen über die Schwarzen und den Umweltschutz. Gegen einen kleinen Aufpreis bekommt man auch noch den Film von Al Gore dazu. Das Magazin glaubt an eine „Stunde null“, einen Neuanfang. „Passages“ befragt den Historiker André Kaspi, der ein Buch über den Einfluss der Juden auf die Politik veröffentlicht.

          Palin, die unpenetrierbare

          Den aggressivsten Artikel hat eine Frau über Sarah Palin geschrieben: „Palin, die unpenetrierbare Macht der phallischen Matrone“ lautet der Titel von Julia Kristevas Essay in „Libération“. Für die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin verkörpert Palin „die hysterische Krise der Zerstörung“ und generell das „gegenwärtige Unbehagen in der Zivilisation“, wenn „sie sagt, es gibt keine Klimaerwärmung. Und sie schickt Helikopter, die auf Eisbären und andere bedrohte Tiere schießen! Und zu versuchen, in der Bibliothek von Wasilla einen Anthony Burgess, William Faulkner, Geoffrey Chaucer, Jean-Jacques Rousseau, Arthur Miller, Boccaccios ,Decamerone', John Steinbeck, Harry Potter (ihr Mutterinstinkt!), Mark Twain, D. H. Lawrence (die Achse des Bösen?), William Golding, Aristophanes (wer was das schon?), Shakespeare (wenn denn schon!) zu verbieten. Sogar den Bibliothekar (oder die Bibliothekarin) zu entlassen.“ Das und noch viel mehr hat Julia Kristeva aus „Blogs und anderen feministischen Websites“ zusammengetragen.

          Akribisch wertet Karim Emile Bitar die Reden und Interviews von Obama und McCain aus. Auf Hemingway berufen sich beide - für McCain ist er der Lieblingsschriftsteller. Robert Jordan, der antifaschistische Held aus „Wem die Stunde schlägt“, wurde für ihn in jungen Jahren zu einer Identifikationsfigur. McCain sei vom Kampf gegen einen neuen Faschismus beseelt. Ansonsten habe er die Spionageromane von Somerset Maugham gelesen und die „sehr militaristischen Novellen von Kipling, von dem Orwell sagte, er sei der Prophet des britischen Imperialismus“.

          Obamas intellektuelle Neugierde

          Bitar hält es in „Le Monde“ mit Obama, den Philip Roth, John Steinbeck und Graham Greene geprägt haben. „Die Werke von Nietzsche, Frantz Fanon, Solschenizyn und die Autobiographie vom Malcolm X hat er verschlungen. Aber er ist auch durchdrungen von Autoren wie Primo Levi, Toni Morrison, Doris Lessing, Nelson Mandela. Seine Lektüre verweist auf sein geschärftes Bewusstsein der postkolonialen Problematik und zeugt von intellektueller Neugierde.“ Das Magazin „Lire“ ist den Schriftstellern der Vereinigten Staaten gewidmet. „Seit einigen Jahren - und der 9/11-Effekt spielt hier ganz bestimmt eine wichtige Rolle - ist die amerikanische Literatur die kühnste“, schwärmt Chefredakteur François Busnel: „Der amerikanische Schriftsteller ist nicht ,besser' als der französische. Er ist, scheint mir, ehrgeiziger. Sein Ehrgeiz ist es, eine Geschichte zu erzählen, ohne daraus einen Schlüsselroman mit Botschaft zu machen.“

          Diese Zeilen wurden vor der Verleihung des Nobelpreises und den Angriffen des Jury-Sprechers auf die amerikanischen Schriftsteller geschrieben. Die Krönung von Le Clézio wird in Paris als Rehabilitierung der französischen Gegenwartsliteratur gefeiert. Schon zuvor machte Frédéric Beigbeder einen Silberstreifen am Horizont aus. „Die Dichter trinken wieder“ überschreibt er seine monatliche Kolumne in „Lire“.

          Man trinkt wieder

          Nach dem Tod von Antoine Blondin und Charles Bukowski nämlich hätten die Schriftsteller die Flasche weggelegt. „Frankreich, das den besten Wein der Welt herstellt, hatte sich entschieden, gesund zu sein. Im Fernsehen und in der Werbung darf der Alkohol nicht gepriesen werden.“ Da bleibt nur noch die Literatur für dessen Lob. Beigbeder bezieht sich auf Hermann Broch: „Was nirgendwo sonst gesagt werden darf, muss Thema des Romans sein.“ Die Umkehr begann mit Pierre Mérot. Doch sein Barroman „Mammifères“ blieb unbeachtet. Philippe Delerm fand mit seinem „ersten Schluck Bier“ mehr Aufmerksamkeit. Auch Mérot legte nach. Und in diesem Herbst ist das Thema zurück in der Literatur.

          Amélie Nothomb schwärmt von einem mit Champagner der Marke Dom Pérignon gefüllten Swimmingpool. In „Polichinelle“ (von Pierre Bailly) wird Whisky mit Nesquik serviert - „man ist vom Frühstück an besoffen“. Maxime Cohen lobpreist in einer Theorie den Einfluss des Alkohols auf das Schreiben. Da bleibt der Schriftsteller Beigbeder auch als Kolumnist nicht mehr ganz nüchtern: „Am Alkohol wird die Literatur genesen“, schreibt er, „und mit ihr die ganze Menschheit.“

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