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Neue Unibibliothek in Freiburg : Darüber schmunzelt die ganze Welt

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Freie Sicht für freie Leser? Freiburgs neue Universitätsbibliothek kostete 53 Millionen Euro, spart aber, dank des guten Wetters, 800.000 Euro Stromkosten im Jahr. Bild: Timo John

Dass in Freiburg gelegentlich die Sonne scheint, hätte man doch wissen können. Die neue Universitätsbibliothek sieht blendend aus – aber Autofahrer sollten ihr nicht zu nahe kommen.

          Die Universität Freiburg war, nach Wien und Graz, einst Österreichs drittälteste Universität, die 1457 gegründet wurde. Seit 1806 gehört das sogenannte Vorderösterreich zu Baden. Heute ist die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine der Exzellenz-Universitäten Deutschlands. Um eine solche Auszeichnung des Bundes zu erhalten, bedarf es auch einer exzellenten Universitätsbibliothek, die das Herzstück einer jeden Universität ist.

          Entwurf der Universitätsbibliothek Freiburg Bilderstrecke

          Das in den siebziger Jahren errichtete, mit dem Charme eines Parkhauses versehene Bibliotheksgebäude der Freiburger Uni war frühzeitig in die Jahre gekommen und bedurfte einer Sanierung. 2006 entschied ein Preisgericht den Rück- und Umbau sowie die Neuordnung des alten Gebäudes. Ausgelobt wurde für dieses Vorhaben das Baseler Büro Degelo Architekten. Seit Juli dieses Jahres läuft der Probebetrieb, nun, im Oktober, ist das 53-Millionen Bauwerk ganz offiziell eingeweiht.

          Die Unibibliothek liegt wie ein geschliffener schwarzer Diamant zwischen Stadttheater, dem alten Kollegiengebäude und dem Synagogenplatz. Auf die umliegende Bebauung wurde leider so gut wie keine Rücksicht genommen. Architektonische Bezüge wurden keine hergestellt. Stattdessen wollte man sich auf Spiegelungen des Umfelds auf der Fassade als Bezug zur Stadt beschränken. Ein Hingucker ist der Neubau zweifelsohne trotzdem, der deutlich macht, dass Freiburg auch architektonisch im 21.Jahrhundert angekommen ist.

          Die Stadt mit den meisten Sonnenstunden

          Die Freiburger tun sich immer ein wenig schwer mit Neubauten in ihrer Stadt. Erst mussten sie sich an das umstrittene, 1996 eröffnete neue Konzerthaus gewöhnen. Inzwischen lieben sie es. Dann, 1999, wurde heftig über den neuen Bahnhofskomplex mit seinen Hochhäusern diskutiert. Und jetzt die neue Unibibliothek – genörgelt und gelobt wird gleichermaßen. Die einen halten das ambitionierte Gebäude für einen überdimensionierten Dampfer, der einfach in die Stadtlandschaft hineingeworfen wurde; die anderen sehen Freiburg bereits als ein Mekka für Design und Fassadengestaltung. Die Tourismusmanager der Stadt werden sich jedenfalls freuen, dass die Stadt neben der mittelalterlichen Münsterromantik nun noch einen Bilbao-Effekt hinzugewinnt.

          Die neue Bibliothek zählt nun zu den modernsten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland. Das Gebäude zeichnet sich durch die Offenheit zwischen dem zum großen Teil frei zugänglichen Magazinbestand und den Beständen in den Lesesälen in den oberen Etagen mit mehr als 1700 differenzierten Benutzerarbeitsplätzen aus, vom Lautlosbereich bis zur Lernlounge. Die Bibliothek ist von vornherein für einen Betrieb rund um die Uhr an sieben Tagen der Woche ausgerichtet, es werden vielfältige Möglichkeiten der Selbstbedienung angeboten.

          Freiburg wirbt für sich als Stadt mit den meisten Sonnenstunden der Republik. So war es naheliegend, die größte innerstädtische Photovoltaikanlage aufs Dach der UB zu setzen. Die Prognosen liegen bei bis zu 65 Prozent Energieeinsparung. Dank modernster Technik wird die Uni-Bibliothek insgesamt jährlich rund 800000 Euro einsparen.

          Ein Christo aus Pragmatismus

          Anlass zur fortdauernden Diskussion war von Anbeginn die Fassade. Diese sollte eigentlich aus Glas und Aluminium bestehen. Doch das entpuppte sich bald als zu grell. Jetzt ist polierter Edelstahl montiert, und wenn das Wetter trüb ist, wirkt die UB denn auch ziemlich dunkel, jedenfalls anders als auf dem Baustellenschild.

          Bei Sonnenschein strahlt zwar das futuristische Gebäude, was aber wiederum ungeahnte Probleme mit sich bringt. Denn die Sonne scheint nicht immer nur zur Freude der Betreiber von Photovoltaikanlagen in der Stadt oder der Winzer am Tuniberg, die den badischen Wein verwöhnt. Denn bei der senkrecht aus Glas und poliertem Edelstahl emporragenden Südostfassade des Gebäudes musste man schon bei der Montage ein unangenehmes Phänomen feststellen: Wenn die Sonne zu bestimmten Jahreszeiten sehr flach steht, bringt sie die Fassade zum Gleißen – man ist dann als Autofahrer dermaßen geblendet, dass man anhalten muss. Hätte man sich das nicht vorher ausrechnen können?

          Ein Verkehrshindernis also? Abhilfe will das Universitätsbauamt schaffen, indem man in den kritischen Jahreszeiten die Fassade an dieser Stelle mit Stoffbahnen oder bedruckten Folien abhängt. Das sieht dann ein bisschen aus wie bei den verhängten Altären zur Fastenzeit im Freiburger Münster. Ein trauriges Phänomen. Der gern von den Badenern gegenüber den Schwaben zitierte Kalauer „Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt“ könnte nun lauten: Wenn über Freiburg die Sonne lacht, schmunzelt über die Universitätsbibliothek die ganze Welt.

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