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Synodaler Weg : Hat man sich verplappert?

In der Lauerzone: Bischof Bätzing beim Synodalen Weg Bild: KNA

Braucht es überhaupt das Priesteramt? Erst Bischof Bätzings täppischer Versuch, eine Freudsche Fehlleistung des Frankfurter Synodalbetriebs zu verdecken, ließ Alarm erklingen.

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          Normalität zu behaupten, das wissen die Sozialpsychologen, hat stets einen Zug ins Überdeterminierte. Man muss das Abweichende bereitwillig übersehen, es für nicht beachtlich halten, um es noch der Normalität zuschlagen zu können. Etwas für selbstverständlich zu halten hat demnach auch immer etwas von „Augen zu und durch“. Der Soziologe Erving Goffman hat „Hinweise, dass etwas im Gange ist“, erforscht und sich in seinem Buch „Das Individuum im öffentlichen Austausch“ dafür interessiert, wie solche Hinweise aus dem Hintergrund nach vorne drängen, dorthin, wo sie unübersehbar und zum Alarmzeichen werden. Wie lange lässt sich ein Hintergrundmerkmal für nichtssagend halten, und von wann an muss es als Symptom einer Neuerung gelten?

          Dieser Wechsel von vertrauter Wirklichkeit zu einem Änderungsantrag des Gewohnten ist ein feinfühliger Vorgang, der sich psychologisch in „Lauerzonen“ abspielt, Zonen, die zur Habachtstellung zwingen, weil hier stündlich mit allem zu rechnen ist. Auch das scheinbar Unauffällige muss dort, wie Goffman am Kriegsgeschehen veranschaulicht, als auffällig belauert werden: „Häuser und andere Gebäude werden in der Regel als etwas aufgefasst, das von keinem unmittelbaren Interesse für das Individuum auf der Straße ist, als etwas, worin keine Gefahr lauert, was nicht als Alarmursache in Frage kommt. Natürlich können aber unter Umständen hinter den Fenstern Heckenschützen verborgen sein, kann also das Gebäudeinnere im Hinblick auf die Straße zum Lauerbereich werden.“

          Freudsche Fehlleistung?

          Wer auf dieser Linie Mikrostudien zur öffentlichen Ordnung betreibt, wird überall dort fündig, wo sich ein schon anwesendes „noch nicht“ bemerkbar macht und zum Durchbruch drängt, ohne dabei mit offenen Karten zu spielen. Unter diesem Gesichtspunkt etwa die verdeckte Kommunikation des Synodalen Wegs zu untersuchen, wie sich kirchliche Reform hierzulande nennt, wäre ein ergiebiges sozialpsychologisches Unterfangen. Umstürzlerisches anzeigende Medienberichte dementierend, erklärte Bischof Bätzing: „Kein Mensch kann sagen, die deutsche Kirche ginge daran, das Priesteramt abzuschaffen.“ Darum gehe es „beileibe“ nicht.

          Doch da hatten die in Frankfurt leibhaftig versammelten Synodalen eben erst einen Änderungsantrag angenommen, in dem es laut Protokoll heißt: „Das Forum soll sich mit der Frage auseinandersetzen, ob es das Priesteramt überhaupt braucht.“ Eine Freudsche Fehlleistung des ganzen Synodalbetriebs? Hat man sich verplappert? In der Lauerzone, die der Synodale Weg darstellt, sorgte erst Bätzings täppischer Versuch, den Versprecher unkenntlich zu machen, für Alarm.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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