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Jenaer Erklärung : Der Mist mit den Rassen

Der Kampf gegen Rassismus wütet auch in der Modemetropole Mailand. Bild: dpa

Streicht den Begriff „Rasse“, fordern Biologen, denn Rassismus hat wissenschaftlich null Substanz. Wenn das so einfach wäre. Über Säuberungsversuche im Reich der Mythen.

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          Es ist fast schon ein Naturgesetz: Wann immer der Mensch sich aufmacht, seinen Platz in der Natur zu finden, geht etwas schief. Manchmal ist es nur komisch, meistens aber wirklich zum Mäusemelken. Unser Blick vom Ufer auf den schottischen Süßwassersee Loch Ness etwa ist heute leider nicht mehr ungetrübt. Seit anderthalbtausend Jahren verbindet der Mensch am See die Aussicht aufs Wasser mit der dringenden Erwartung eines schlangenähnlichen Riesenmonsters, das schon Menschen angegriffen haben und sogar fotografiert worden sein soll.

          Die Frage für jeden war: Sind die sagenumwobenen Plesiosaurier immer noch unter uns? Die Menschen mochten dran glauben, die Biologen nicht. Und deshalb haben diese jetzt so viel DNA aus ihren Wasser- und Sedimentproben analysiert, dass sie meinen, sicher sagen zu können: Es ist ein Aal. Ein großer Aal zwar, vielleicht ein paar Meter lang und oberschenkeldick, aber eben ein Aal und kein Dinosaurier. Dass die Entmythologisierung des Loch-Ness-Ungeheuers damit gelingt, ist schwer vorstellbar. Die irrige Vorstellung, der Mensch stehe als Krönung an der Spitze der Schöpfung oder, noch billiger, der Mensch stamme vom Affen ab und Schokolade mache schlank, hält sich ja auch weiterhin, obwohl Heere von Naturgelehrten von Charles Darwin bis zu Hightech-Forschern wie Craig Venter all das längst widerlegt haben.

          „Jenaer Erklärung“ der Zoologen

          Den jüngsten Verzweiflungsakt in dieser Hinsicht lieferte jetzt die Deutsche Zoologische Gesellschaft, die der Öffentlichkeit eine „Jenaer Erklärung“ präsentierte, in der sie zu dringenden Korrekturen im Sprachgebrauch aufrief. Trennt euch vom Begriff „Rasse“ – jedenfalls im Kontext des menschlichen Hier- und Soseins. Die Idee, es könne beim Menschen Rassen geben, sei wissenschaftlich nicht zu begründen, und das ist in dem Dokument zugegebenerweise auch hinreichend empirisch begründet. Egal wie tief die Molekularbiologie auch blickt, heißt es in tiefster Sarrazin-Abneigung, sie findet nichts: „Es gibt – um es explizit zu sagen – kein einziges menschliches Gen, welches rassische Unterschiede begründet, noch nicht einmal ein einziges Basenpaar.“ Die Genunterschiede zwischen zwei „Deutschen“ können größer sein als die zwischen dem Deutschen und dem Afrikaner – überhaupt: Afrikaner sind wir sowieso alle, und das ist jetzt auch kein Mythos. Der plumpe Rassismus hingegen entsteht in vernagelten Köpfen, er hat mit Wissenschaft so viel zu tun wie Bigfoot mit Zwerghamstern. Natürlich quält es die Zoologen, dass mit Ernst Haeckel, dem „deutschen Darwin“, einer der Ihren das Rasse-Konzept fahrlässigerweise zuerst auf den Menschen übertragen hatte. Mit unangenehmen Wahrheiten aber ist es wie mit den ungeheuerlichsten Mythen: Da kommt man so schnell nicht wieder raus.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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