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Bio-Okkultismus : Gib uns die Kügelchen

  • -Aktualisiert am

Von seltsamer Praxis unbeeindruckt: das liebe Vieh Bild: picture-alliance/ dpa

In der biologisch-dynamischen Landwirtschaft steckt man mitunter Lehmkugeln im Quadrat in den Mist. Anthroposophischer Okkultismus? Eberhard Rathgeb findet die Praxis des Landbaus jedenfalls auch nicht abwegiger als manch urbanes Phänomen.

          Wir sitzen auf einem Anhänger. Ein Traktor zieht uns. Wir - das sind drei Männer und zwei Frauen. Die Männer sind um die fünfzig. Die eine Frau ist noch jung. Sie habe, sagt sie, ihr Psychologiestudium abgeschlossen und sei nun in einer Art Orientierungsphase. Die andere Frau wird fünfundsechzig sein. Wir sitzen auf Strohballen und schauen ins Blaue. Es gibt nichts zu sagen.

          Einerseits sehen die vier nicht so aus, als wären sie auf dem Land groß geworden. Andererseits sehen sie auch nicht so aus, als eilten sie mittags ins Café Einstein Unter den Linden in Berlin, um dort das Tagesgericht zu sich zu nehmen. Die vier stehen irgendwo dazwischen: zwischen Scholle und besserem Mittagstisch. Irgendwo dazwischen stehen immer die Suchenden. Die vier machen auf dem Hof ein Praktikum. Vegetarier kommen im Café Einstein so und so nicht auf ihre Kosten.

          Mittagstisch im Café Einstein

          Die Sonne scheint, man könnte jetzt in eine Möhre beißen. Ein blauer Wind weht. Es ist drei Uhr nachmittags. Auf den Feldern arbeiten einige Männer und Frauen. Keine Ahnung, was sie dort genau machen. Weit hinten steht ein Fichtenwald. Der Hof hat mehrere Gebäude und einen Hofladen.

          Was weiß man im Berliner Café Einstein von biologisch-dynamischer Landwirtschaft? Nicht viel, vermutlich

          Man kann sich die Tagesgerichtkarte aus dem Café Einstein ins Büro faxen lassen, dann weiß man, was einen unter der Woche dort zu Tisch erwartet. Was man nicht weiß: wer sonst noch da ist. Das Café Einstein ist um die Mittagszeit immer voll. Gestern hat sich, nur als Beispiel für die täglich dort auftauchende Prominenz sei das erwähnt, Renate Schmidt, die einmal Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gewesen ist, an einen Tisch gesetzt. Die Tischdecken sind weiß. Das Essen soll lecker sein.

          Uns interessieren Kügelchen

          Der Mann auf dem Traktor heißt Arno. Das Café Einstein kennt er nicht. Er ist der Bauer auf dem Hof. Er hat ein ernstes Gesicht, eine gerade Stirn, eine schmale Nase und klare Augen. Er ist freundlich, groß, kräftig, um die vierzig Jahre alt. Wenn er etwas sagt - wahrscheinlich redet er im ganzen Jahr so viel, wie an einem Mittag im Café Einstein geredet wird -, dann spricht er mit lauter, fester Stimme. Wie einer, der weiß, was er zum Essen bestellen möchte.

          Die Fahrt über die Felder dauert einige Minuten. Wir könnten jetzt über Marisha Pessels Roman "Die alltägliche Physik des Unglücks" reden, aber den Roman kennt hier oben auf dem Anhänger keiner. Uns interessiert auch etwas anderes. Uns interessieren Kügelchen. Der Weg, den wir zurücklegen, ist ungefähr so lang wie der Weg, den Renate Schmidt zurücklegen muss, wenn sie nach dem Mittagessen vom Café Einstein in den Reichstag möchte.

          Unser Weg führt uns zu einem großen, mehr als dreißig Meter langen Misthaufen. Auf dem Anhänger liegen sechs Mistgabeln. Wahrscheinlich sollen wir mit anpacken. In einem Holzkörbchen befinden sich eine kleine Flasche und mehrere Marmeladegläser, in denen aber keine Marmelade ist. Arno weiß, was da drin ist. Und genau deswegen sind wir hier: weil Arno das weiß und weil er weiß, was damit zu tun ist.

          Stein des aufgeklärten Anstoßes

          Wer in der Stadt zum Bauern gehen möchte, der geht in den Bioladen. Weiter kommt man in der Stadt nicht. Ein Anbieter von Biowaren für die Leute, die in der Stadt leben und deswegen nicht zum Biobauern fahren können, ist Alnatura. Diese Firma gehört zu jenen Unternehmen, die an der Universität Kassel seit zwei Jahren eine Stiftungsprofessur für biologisch-ökologische Landwirtschaft finanzieren. Das ist die erste Professur für biologisch-dynamische Landwirtschaft in Europa. Lehrstuhlinhaber ist der Niederländer Ton Baars.

          Einige Kritiker haben dem Professor vorgeworfen, dass er anthroposophischen Okkultismus betreibe, nicht Wissenschaft. Auch Baars kennt die Kügelchen, wegen deren wir auf dem Anhänger über die Felder fahren und nicht im Café Einstein sitzen, wo man von den Kügelchen wahrscheinlich keine Ahnung hat, wenigstens ist von ihnen dort noch nicht die Rede gewesen. Gerade die Kügelchen sind der Stein des aufgeklärten Anstoßes.

          Eine Handvoll Mist

          Arno hat Kühe, Schweine und Pferde. Als wir an dem großen Misthaufen ankommen, steigen wir ab. Arno greift in den Mist hinein, nimmt eine Handvoll Mist heraus, hält uns den Mist unter die Nase und fragt: Stinkt das? Es stinkt nicht. Auf diesen Befund hat Arno gewartet. Er erklärt uns, warum der Mist nicht stinkt: weil die Kühe nicht mit Eiweiß überfüttert werden, wie das in der traditionellen Landwirtschaft der Fall sei. Arno holt das Holzkörbchen vom Anhänger, stellt sich damit unter einen Baum in den Schatten. Wir gehen ihm hinterher.

          Gestern, als Renate Schmidt an einem der Tische im Café Einstein Platz nahm, fiel dort in einem Gespräch mit einem anderen weiblichen Mitglied des Deutschen Bundestages (auch männliche Mitglieder des Deutschen Bundestages gehen ins Café Einstein, so ist das nicht) der Name Rudolf Steiner, ohne dass das andere weibliche Mitglied des Deutschen Bundestages darüber entsetzt gewesen wäre. So gefasst und ruhig kann man auf Steiner reagieren. Das Gespräch, das mit Steiner dennoch auf Abwege zu geraten drohte, ging im Grunde genommen über die Lage des Protestantismus in Deutschland.

          Rudolf Steiners Landwirtschaftslehren

          Steiner, sagt jetzt auch Arno, mit dem Holzkörbchen in der Hand unterm Baum stehend, habe im Jahr 1924 in Koberwitz bei Breslau einen landwirtschaftlichen Grundkurs abgehalten. Was er dort vor Landwirten ausgeführt habe, sei für die biologisch-dynamische Landwirtschaft entscheidend geworden. In diesem auch als Buch erhältlichen landwirtschaftlichen Grundkurs, sagt Arno, stehe, was im Holzkörbchen beziehungsweise in der Flasche und in den Marmeladegläsern drin sei. Dann fällt das Lösungswort: Präparate. Arno öffnet ein Marmeladeglas und holt eine Lehmkugel heraus, die so groß ist wie eine große Murmel. In der Flasche ist Baldrian, in den fünf Marmeladegläsern sind die Präparate von Kamille, Eichenrinde, Schafgarbe und Brennnessel, alle in Lehm verpackt.

          Wir haben die Mistgabeln genommen und den großen Misthaufen etwas in Form gebracht. Arno hat einen Eimer vom Anhänger geholt, Wasser hineingeschüttet, Baldrian hinzugefügt und alles mit einem Stock zehn Minuten lang umgerührt. Erst in die eine Richtung, dann, gegen den Strom, in die andere. Er hat die Kügelchen aus den Marmeladegläsern genommen, mit einem Stock Löcher in den Misthaufen gemacht und die Kügelchen dort hineingesteckt, immer verteilt in der Form eines Vierecks, wobei die Brennnesselkugeln in der Mitte der Vierecke landen, wahrscheinlich, weil Steiner einmal gesagt hat, dass der Bauer die Brennnessel sich ums Herz wachsen lassen sollte, so gut sei ihre Wirkung.

          Arno hat darauf das Baldrianwasser mit einem Handfeger über den Misthaufen gespritzt. Dank der Kügelchen und des Baldrianwassers würde der Mist ein besonderer Mist und der Acker, auf dem der Mist im Herbst verteilt wird, ein fruchtbarer Acker, hat Arno gesagt. Was da genau passiere, das sei noch nicht erforscht. Die Göttin Demeter wird es wissen.

          Urbane Energien im Café Einstein

          Auch mikrosoziologisch ist noch nicht alles erforscht, stochern wir im Vagen herum. Wahrscheinlich ist das Café Einstein für die Mittagstischgäste ein in Hinblick auf ihre Metropolengesamtstimmung ebenfalls besonders fruchtbares Ambiente, ohne dass die Mittagstischler im Einzelnen sagen könnten, was so fruchtbringend sei. Tatsächlich sitzen zur Mittagszeit im Café Einstein keine Melancholiker oder andere trübe Tassen, die vor sich hinstieren, sondern nur aufgeweckte urbane Präparate, deren Wirkung auch dann nicht nachlässt, wenn sie sich über ihren Teller mit Saftgulasch beugen und sich im Genuss gleichsam in sich selbst zu verschließen scheinen. Wie viel urbane Energie im Café Einstein gelassen wird, wie viel urbane Energie aus dem Café Einstein in die Büros und auf die Straße mitgenommen wird, das ist auch noch nicht wissenschaftlich geklärt.

          Wir haben gegen vier Uhr nachmittags den Misthaufen mit Stroh zugedeckt und einen Abstecher zu den Kühen gemacht, die ganz zahm sind und deren Hörner nach oben wachsen. Darauf sind wir auf den Anhänger gestiegen und zurückgefahren. Keiner von uns hatte, als wir vor dem Misthaufen gestanden waren, das Gefühl gehabt, etwas Unsinniges, Absurdes, Komisches gemacht oder erlebt zu haben, ein Gefühl, das einem unter den aufgeweckten urbanen Präparaten im Café Einstein, deren Wirkung einem weder sonnenklar noch himmelblau eindeutig ist, durchaus überkommen kann, weshalb einem mancher Ort in Berlin recht okkult vorkommen müsste.

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