https://www.faz.net/-gqz-7lzsu

Bildungsroman eines Whistleblowers : Woher kommt und wer ist Edward Snowden?

  • -Aktualisiert am

Cover von Luke Hardings Buch „The Snowden Files“ Bild: Faber & Faber

Mit Edward Snowden zusammenarbeiten: Der „Guardian“-Redakteur Luke Harding weiß, wie das geht. Er half im vergangenen Sommer, die Informationen des Whistleblowers auszuwerten. Nun hat er ein Buch über den Helden geschrieben.

          „Schulaussteiger. Waffenliebhaber. Republikaner. Flüchtiger“. Mit diesen Zeilen lockte der „Guardian“ am Wochenende seine Leser. Auf der Titelseite des Magazins der Zeitung, die mit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über das Ausmaß der Bespitzelung durch die amerikanischen und britischen Geheimdienste Furore macht, war ein zur Pfeife mutierter USB-Stick abgebildet. In dessen Mitte prangte das Emblem der NSA, der Adler mit dem die Sicherheit symbolisierenden Schlüssel in den Klauen. Das Heft kündigte neben der Schlagzeile „Was treibt Edward Snowden?“ die „interne Geschichte“ an.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Der Beitrag bot eine Kostprobe des am Montag veröffentlichten Buchs „The Snowden Files - The Inside Story of the World’s Most Wanted Man“, des „Guardian“-Redakteurs Luke Harding. Harding, von 2007 bis zu seiner Ausweisung Anfang 2011 Korrespondent in Moskau, war schon an der Auswertung des dem „Guardian“ von Julian Assange zugespielten Wikileaks-Materials beteiligt und gehörte zu der kleinen Mannschaft, die im vergangenen Sommer in einem rund um die Uhr bewachten Zimmer im Londoner Redaktionsgebäude die hochbrisanten Snowden-Unterlagen durchkämmte. Jetzt hat er die Geschichte aus der Sicht des „Guardian“ aufgeschrieben.

          Snowdens Werdegang - ein Bildungsroman?

          Harding beginnt mit einem Porträt Edward Snowdens: ein schüchterner Informatiker, der sich, desillusioniert von den Übergriffen und der Unaufrichtigkeit der Geheimdienste, entschließt, die Wahrheit über die globale Überwachung zu enthüllen, und zum „meistgesuchten Mann auf der Erde“ wird. In seiner Beschreibung des Whistleblowers als freiheitsliebendem Republikaner und Patriot stützt sich Harding weitgehend auf bekannte Quellen. Dazu gehören der Blog der Freundin, mit der Snowden auf Hawaii lebte, als er seinen Gang an die Öffentlichkeit plante, sowie die sich über viele Jahre hinziehenden Wortmeldungen auf dem Forum Ars Technica. Dort meldete sich Snowden im Dezember 2001 erstmals unter dem Spitznamen „The TrueHOOHA“, um nach seinen eigenen Worten den „riesigen Schatz an Geek-Wissen“ anzuzapfen.

          Harding bezeichnet diese Beiträge als einen Bildungsroman, „geschrieben von jemandem aus der ersten Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist.“ Der weitere Fortgang der Geschichte - wie Snowden sich mit der in Berlin lebenden Dokumentarfilmerin Laura Poitras und dem auf Überwachungsfragen spezialisierten Journalisten Glenn Greenwald in Verbindung setzte und wie es dann zur Veröffentlichung kam - wird durch hübsche Einzelheiten angereichert, die vor allem aus dem „Guardian“ kommen.

          Hat die Zusammenarbeit seiner Zeitung mit Edward Snowden dokumentiert: Guardian-Redakteur Luke Harding Bilderstrecke

          Keine neuen Fakten, aber interessante Fragen

          Harding beschreibt, wie das seltsame Gespann Greenwald, Poitras und Ewen MacAskill, der Washington-Korrespondent des „Guardian“, nach Hongkong fliegt und wie sie sich wie in einem Spionagethriller mit Snowden verabreden: Treffpunkt ist ein Alligator aus Plastik in einem stillen Teil des Hotels, in dem Snowden abgestiegen ist.

          Romanhaft auch die Schilderung, wie der „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger und ein befreundeter Journalist wie zwei Pfadfinder in einem Paddelboot von Shakespeares Geburtsstadt aus aufbrechen, um die Natur zu genießen. Da erreicht sie der Anruf, dass Greenwalds Lebensgefährte David Miranda bei der Zwischenlandung aus Berlin am Londoner Flughafen festgenommen worden ist. Wie Harding offenbart, hatte der Inlandsgeheimdienst schon drei Tage vor Mirandas Ankunft dessen Festnahme bei der Polizei beantragt. Der Geheimdienst habe das Antragsformular zweimal neu ausfüllen müssen, damit die Polizei das Anti-Terror-Gesetz als Vorwand nehmen konnte, obwohl im ursprünglichen Antrag ausdrücklich stand, dass kein Terrorverdacht bestehe.

          Wer die Einzelheiten der Snowden-Affäre verfolgt hat, wird in Hardings anschaulicher Darstellung keine großen Neuigkeiten entdecken. Hier und da unterbricht er die Erzählung mit Hintergrundinformationen über die komplizierten Überwachungsprogramme oder einer Betrachtung über die weltweite Reaktion, die er mit der Frage verknüpft, weshalb die Snowden-Affäre in Großbritannien so wenig Resonanz gefunden hat. Aufschlussreich sind die Einblicke, die Harding als ehemaliger Moskau-Korrespondent in Snowdens gegenwärtige Situation gewährt, und die Fragen, die er dazu aufwirft.

          Harding lässt seinen Argwohn gegenüber dem launenhaften, selbstverliebten Julian Assange durchblicken, der die Welt einteile in jene Länder, die ihn unterstützten, darunter Russland, und jene, die es nicht tun, wie Großbritannien, Schweden und die Vereinigten Staaten. Vor allem aber misstraut Harding Putin. Am Schluss stellt er die Frage, ob Snowden eher Gast der Russischen Föderation sei oder Gefangener. „Keiner wusste genau, wie lang sein Exil dauern könnte. Monate? Jahre? Jahrzehnte?“

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Das Ende der Metapher

          Amanda Palmers Tour : Das Ende der Metapher

          Amanda Palmer, einst Sängerin der Dresden Dolls, tourt mit einem therapeutischen Sitzkonzert. Es geht um tote Babys und um Mitgefühl. Und alles hat mit Trump zu tun.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.