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Bildungsministerin Martina Münch : Sie ist eine Schirmherrin

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Sie wird gern mit Ursula von der Leyen verglichen, doch sie ist Martina Münch. Bild: dpa

Martina Münch ist Ärztin und amtierende Bildungsministerin in Brandenburg. Sie hat sieben Kinder, aber sie käme nie auf die Idee, die Mütterkarte zu ziehen. Eine Begegnung.

          Für einen Fotografen wäre dies der Moment des absoluten Berufsglücks: Sie steht in der Tür und auf ihrem Gesicht liegt der Ausdruck eines Menschen, der für wenige Augenblicke nur sich selbst gehört. Die Tür, das ist das Portal eines strahlend weißen Hauses mit zwei Flügeln und einer Freitreppe in der Mitte. Im Stil eines preußischen Herrenhauses hat es die Ilse Bergbau AG 1928 als Ledigenheim für ihre Angestellten erbaut. Jetzt ist es ein Vier-Sterne-Hotel. Der Name steht da, wo sonst ein lateinischer Spruch steht, unter dem Giebeldreieck. Seehotel. Doch während üblicherweise das Hotel am Seeufer gebaut wird, ist es hier gänzlich umgekehrt. Der See kommt durch Menschenhand zum Hotel. Ilsesee wird er heißen. Bis 1999 war das der Tagebau Meuro.

          Noch pfeift der Wind über einen Krater, der stumm und stoisch nicht in der Landschaft liegt, sondern die Landschaft selbst ist. An der Tagebaukante wurde schon eine Seebrücke errichtet. Sie verweist auf den Wasserstand, den der See 2015 haben wird, nach dann mehr als acht Jahren Flutung. Brücke der Zukunft nennen sie ihre Planer, die anders als andere Planer nichts abzureißen hatten und deshalb mit der Leidenschaft von Archäologen die Spuren des Alten hinüberretten in eine Zeit, von der niemand garantieren kann, ob sie wirklich kommen wird.

          Das schwierige Leben mit der Kohle

          Es ist früher Nachmittag, und eigentlich sind wir an der Rezeption verabredet, doch ich bin zu früh, so dass wir uns auf der Freitreppe treffen. Sie ist eingehüllt in einen schmal geschnittenen Mantel, der sie noch zarter aussehen lässt. Nun weiß ich, woran der Gesichtsausdruck mich erinnert, an die gesammelte Entschlossenheit zur Flucht. „Wollen Sie noch einen Spaziergang machen?“ frage ich mit Einverständnis in der Stimme, obwohl ich ein wenig verblüfft bin. So messerscharf taktet sie also ihre Termine.

          Sie ist Ministerin für Bildung, Jugend und Sport. Heute tagt im Seehotel von Großräschen ihre Fraktion, die der seit Jahren das Land regierenden Brandenburger SPD. Die Frau Ministerin wird die Tagung für Sie unterbrechen, hatte ihre Büroleiterin gesagt, nachdem vereinbarte Gespräche immer wieder verschoben werden mussten, so dass in meinem Mail-Account die Werbung auftauchte: Termine stilvoll absagen, die praktische Software für geplagte Sekretärinnen.

          Ich war enttäuscht. Statt eines Gesprächs hatte ich Verhandlungen bekommen. Meine Ernüchterung und ihr Wunsch nach Luftschöpfen und Alleinsein stehen sich nun auf der Freitreppe gegenüber. Sie fragt mich, ob ich mitkommen will. Ihr Blick geht Richtung Seebrücke, die eine alte Abraumförderbrücke ist, wie ich nun erfahre. Ich sage, dass ich aus einer Bergbauregion komme und deshalb Land und Leute hier immer mochte, ihr schwieriges Leben. Gott hat die Lausitz gemacht, sagen sie, und der Teufel habe die Kohle daruntergelegt. Es ist, als hätte ich eine unlösbare Aufgabe vor ihren Augen gelöst. Sie vertraut mir. Wir gehen zum Hotel zurück und treffen auf dem Weg eine erleichterte Journalistin, die schon auf der Suche nach der Ministerin war, um ein Kurzinterview aufzunehmen.

          Wegen der Kinder in die Politik

          Sie weiß, dass das meine Zeit ist, die sie der Radioreporterin nach kurzem Blick auf mich zusagt. Das gehört jetzt zum Vertrauen, dass sie mit meinem Verständnis rechnet. Vielleicht denkt sie, sie lebte in Zwängen und ich in der Freiheit. Vielleicht hat sie recht. Und vielleicht beantwortet das schon eine meiner Fragen, die nach ihrem Politikstil. Woran orientiert sie sich? An den Strategen? Den Autokraten? Den Leutseligen? Plötzlich glaube ich, es zu wissen. Es gab gar keine Neuorientierung, sie agiert so, wie sie es gelernt hat in ihrem Beruf als Ärztin. Der Radiotermin ist ein Notfall, sie geht, weil sie gerufen wird. Als sie zurückkehrt, hat sie den Fall vergessen und ist so konzentriert, als müsste sie mich operieren.

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