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Bildungsfernes Abitur : Goethe, Schiller, Kleist - das war gestern

Wie man sich seine „kulturelle Kompetenzen” erwirbt, am PC oder bei der Klassikerlektüre, soll in Hamburg jedem einzelnen vorbehalten bleiben Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Wer in Hamburg das Deutsch-Abitur bestehen will, braucht dafür keine Klassiker mehr zu lesen. Für die Vorbereitung auf die „Teilhabe am kulturellen Leben“ soll es künftig ausreichen, „die Bedienungsanleitung einer Kaffeemaschine“ enträtseln zu können. So will es der neue Rahmenlehrplan.

          „Das Lesen der Klassiker - das gibt jeder Gebildete zu - ist so, wie es überall getrieben wird, eine monströse Prozedur: Vor jungen Menschen, welche in keiner Beziehung dazu reif sind, von Lehrern, welche durch jedes Wort, oft durch ihr Erscheinen schon einen Mehltau über einen guten Autor legen.“ - Sätze, die sich lesen, als hätte Friedrich Nietzsche vor hundertdreißig Jahren die Bildungsdebatten unserer Pisa-gebeutelten Jahre vorausgeahnt. Was er sich nicht hätte träumen lassen, ist aber vermutlich der bildungspolitische Schachzug, den sich die Freie und Hansestadt Hamburg soeben hat einfallen lassen.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wenn der Hamburger Gymnasiast die Sekundarstufe I durchlaufen hat, dann hat er „die grundlegenden Kompetenzen erworben, die ihm eine individuelle Teilhabe an unserer Kultur ermöglichen“. So verspricht es der Rahmenplan Deutsch des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung. So weit geformt, tritt der Gymnasiast in die Oberstufe ein und beginnt mit der Teilhabe an unserer Kultur. Aber was ist „unsere Kultur“ in Hamburg? Lutherisches Abendland? Ein Dasein als Alsterente mit gestreifter Bluse, Perlenkette und Aktienvermögen? Multikulti-Metrosexuelle in St. Georg oder eine elende Armutsjugend im Problemviertel Mümmelmannsberg? Individuell ist eben sehr unterschiedlich. Und genau so wird es nach dem Willen des Senats demnächst auch im Deutschunterricht zugehen.

          Die Decodierung der Kaffeemaschine

          Denn die Lehrer entscheiden künftig, welche Bücher in der Oberstufe gelesen werden. Und siehe: Es müssen keine Klassiker mehr sein, kein „Faust“, keine „Räuber“, keine „Buddenbrooks“, noch nicht einmal mehr „Die Blechtrommel“. Künftig reicht ein „gesichertes und strukturiertes literarisches Basiswissen“. Das könne, höhnte der SPD-Bildungsexperte Ties Rabe, auch „die Bedienungsanleitung einer Kaffeemaschine“ sein, anhand deren die Schüler ihre Kompetenz, Texte zu knacken, bewiesen.

          Im weiten Reich des föderalen Bildungssystems stand Hamburg noch nie als Leuchtturm da, auch galt es kaum als Hort einer gymnasialen „Anstrengungskultur“ (wie sie der bayerische Kulturstaatssekretär Sibler definiert hat). Wem es in Niedersachsen zu anstrengend war, der wechselte in die Hansestadt zur Reifeprüfung. Auch wenn Bildungspolitik dort einer Achterbahnfahrt gleicht - gerade mal vier Jahre war der letzte Rahmenplan gültig. Der Wahlspruch Hamburgs - „Libertatem quam peperere maiores digne studeat servare posteritas“ (Die Freiheit, die erwarben die Alten, möge die Nachwelt würdig erhalten) - ist offenbar in Vergessenheit geraten. Immerhin ruft jetzt die bekannte Bildungshuberpartei SPD nach dem Wertekanon des christlichen Abendlandes, weil der schwarz-grüne Senat unter Ole von Beust dabei ist, ihn abzuschaffen.

          Im Idealfall spricht aus dieser Politik großes Zutrauen zu den Lehrern, im Suboptimalfall der Glaube, mit dem Kanon fertig zu sein. Die allseitige Konzentration auf Kernkompetenzen kann im Bildungssektor aber nicht funktionieren, wenn der Kern abgeschafft wird. Nietzsche hat das eingangs erwähnte Lesen der Klassiker natürlich glühend verteidigt: erstens, weil es eine „hohe Gymnastik des Kopfes“ bedeute, und zweitens, weil die Sprache der Klassiker den jungen Leuten „auf der Gasse“ niemals begegne.

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