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Bildsprache des Terrors : Wer hat an der Theorie gedreht?

  • -Aktualisiert am
Zeichentrickfigur auf Abwegen: Bildschirmfoto aus dem bizarren selbstgedrehten Video, das Mitglieder der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) hinterlassen haben
          10 Min.

          Welche Bände die Bibliothek des Bundeskriminalamts in Wiesbaden im einzelnen enthält, darüber kann man nur spekulieren: an „HebIS“, das „Hessische Bibliotheks-Informations-System“, sind ihre Bestände jedenfalls nicht angeschlossen. Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“ könnte dort zu finden sein, die Nick-Knatterton-Comics aus der „Quick“ vielleicht, und ganz sicher ein halber Regalmeter Agatha Christie. Und seit sich die Terroristen des selbsterklärten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ im November vergangenen Jahres mit Knalleffekt aus der Welt geblasen haben, mögen noch einige Einführungswerke über Videoästhetik, Comic und Cartoon hinzugekommen sein.

          Denn Ideologisches hat das Zwickauer Terror-Trio allem Anschein nach nicht hinterlassen (was immer auch noch in den Aktenschränken des Thüringer Verfassungsschutzes den Blicken der Untersuchungsausschüsse entzogen sein mag), dafür aber ein Video: In ihrem knapp fünfzehnminütigen Filmchen feiern die Terroristen ihre Taten, zeigen die Leichen ihrer Opfer, Bilder von Trauerkundgebungen und eine wohlsortierte Sammlung ahnungsloser Zeitungssauschnitte zu den vermeintlichen „Döner-Morden“. Am verstörendsten aber: der rosarote Panther, frohgemut durch die triste Mordszenerie geisternd. Die Zeichentrickfigur, die seit Jahrzehnten zum festen Bilderrepertoire westlicher Popkultur gehört, tritt in dem Video dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ bei, pustet Polizeibeamten den Kopf weg und präsentiert stolz eine Karte der mörderischen „Deutschlandtour“ des rechten Terrors. Der rosarote Panther mit seinem anarchischen Humor, seinem subversiven Schabernack, in diesem Video spottet er über erschossene Blumenhändler türkischer Herkunft ebenso wie über eine tote Polizistin.

          Zentrales Element bei Deleuze und Guattari

          Ursprünglich war der rosarote Panther entworfen worden, den Vorspann von Blake Edwards’ furioser Kriminalkomödie gleichen Namens aus dem Jahr 1963 humoristisch aufzupeppen. In dem Film tappt Peter Sellers als vertrottelter Inspektor Jacques Clouseau durch die Welt, um den Diebstahl eines Diamanten aufzuklären, der aufgrund seiner Form „rosaroter Panther“ genannt wird. Im Vorspann führt die Cartoon-Figur des rosaroten Panthers durch das Figurenensemble, hantiert mit den Buchstaben der Titelei und mit einem Eimer rosaroter Farbe. Das Publikum vernarrte sich schnell in die Zeichentrickfigur, und so entwickelten ihre Macher aus dem Kinovorspann bald eine Miniserie. Die Kurzfilme wurden als Vorfilme im Kino gezeigt und später im Fernsehen zweitverwertet - immer unterlegt mit der Titelmelodie Henry Mancinis und dem eingängigen Saxophonsolo. In der deutschen, vom ZDF seit 1973 produzierten Fassung wurde dem rosaroten Panther das spießige „Paulchen“ als Vorname beigegeben, und die überwiegend stumme Handlung um witzige Verse aus der Feder Eberhard Storecks ergänzt.

          Dieser rosarote Panther aber hat seit den späten siebziger Jahren auch noch eine zweite, verdeckte Karriere gemacht: als zentrales Element subversiver Theoriebildung bestimmt er die avantgardistische Philosophie der französischen Denker Gilles Deleuze und Félix Guattari. Der akademische Philosoph Deleuze und der radikale Aktivist Guattari, von Beruf Psychoanalytiker, hatten sich nach den Ereignissen des Pariser Mai ’68 kennengelernt. Aus der ebenso unwahrscheinlichen wie produktiv missverständlichen Begegnung folgten Wochen, Monate und Jahre der gemeinsamen Arbeit und erhitzten Diskussion. In einem assoziativ wuchernden Gegenmanifest, „Anti-Ödipus“ betitelt, räumen Deleuze und Guattari 1972 mit den Mystifikationen der hergebrachten Psychoanalyse und des linken Aktivismus auf - und werden darüber gleichsam über Nacht zu Helden der von Seminarmarxismus und WG-Psychogequatsche enttäuschten undogmatischen Linken nach ’68.

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