https://www.faz.net/-gqz-8emhn

Kalter Krieg auf 70 Fotos : Wahnbilder einer versunkenen Epoche

Viele der Motive dürften inzwischen verschwunden sein: Das Deutsche Historische Museum zeigt in einer Austellung „Relikte des Kalten Krieges“ mit Fotografien von Martin Roemers.

          Relikte sind der Müll der Erinnerung. Man will sie loswerden, aber sie bleiben kleben, im Gedächtnis, im Körper, an der Oberfläche der Erde und darunter. Atomschutzbunker beispielsweise braucht bis auf weiteres niemand mehr, aber es gab eine Zeit, in der kaum eine europäische Regierung auf sie verzichten mochte. Diese Zeit ist in ihre Gänge und Konferenzsäle eingeschlossen. Sie verwittert darin wie eine Schrift auf einem Grabstein. Relikte, könnte man sagen, sind die Grabschrift abgestorbener Epochen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der holländische Fotograf Martin Roemers hat Orte aufgenommen, die die Spuren des Kalten Krieges tragen: Schutzbunker, Übungsplätze, Versorgungslager, Schrotthalden, Soldatenfriedhöfe. Manche seiner Fotos wirken wie Schnappschüsse, etwa die Aufnahme eines polnischen Militärflugfelds, auf der ein Hund ans Bugrad eines MiG-Bombers pinkelt. Andere, wie das Bild eines halb in der Ostsee versunkenen Küstenbunkers im lettischen Liepaja, sind mit langen Belichtungszeiten aufgenommen, so dass das Meer auf ihnen wie aus weißem Beton gegossen erscheint. Beides, das Momenthafte und Plötzliche wie das Erstarrte und Lebensferne, gehört zum Wesen der Epoche, die im Herbst 1989 zu Ende ging.

          Eine Atmosphäre wie im Bunker: Blick in die Ausstellung „Relikte des Kalten Krieges“

          Der T-55-Panzer auf dem Truppenübungsplatz in Altengrabow ist von zahllosen Volltreffern durchlöchert. Weil er im Freien verrostet, wirkt er belebter als die Kommandozentralen im brandenburgischen Prenden oder unter dem belgischen Kemmelberg, wo nur das Design der Tische und Schaltmodule gealtert ist. Man meint zu spüren, wie die Luft in den Räumen steht, so wie man den Schimmel auf den abblätternden Wandbemalungen der Kasernen und Freundschaftshäuser zu riechen glaubt. Über dem vermauerten Eingang eines polnischen Soldatenkinos reicht eine Victoria mit roter Fahne dem knienden Kriegshelden den Siegerkranz. Mit dem Zusammenbruch des östlichen Imperiums ist auch ein ganzes Alphabet von Symbolen erloschen, vom steinernen Urahn Lenin, dessen Trümmer in einem Freizeitpark in Vilnius vermodern, bis zum Sputnik, der auf einem Wandbild aus dem Jagdfliegerhorst Altes Lager in Niedergörsdorf prangt.

          Der holländische Fotograf Martin Roemers

          Eine der bizarrsten Fotografien von Roemers zeigt den Behandlungsstuhl eines Frauenarztes im ehemaligen sowjetischen Militärhospital von Jüterbog. Der Stuhl ist umgekippt, seine Gestänge, auf die die Patientinnen ihre Beine legten, ragen wie Folterinstrumente in die Höhe. Man glaubt den Film vor sich zu sehen, dem dieser Raum als Kulisse dienen könnte. In den siebziger und achtziger Jahren, als hier noch operiert wurde, galten die dystopischen Landschaften aus Tarkowskis „Stalker“ und Béla Tarrs „Verdammnis“ vielen als Wahnbilder, Ausgeburten fiebernder Künstlerhirne. Heute sieht man, dass sie der Wirklichkeit nur um ein paar Jahrzehnte voraus waren. Roemers’ jüngste Aufnahmen entstanden vor sieben Jahren; inzwischen dürften manche der Orte, die er fotografiert hat, schon wieder verschwunden sein. So ist auch der Verfall nur ein Zwischenzustand der Geschichte, die über alles hinweggeht, was sich überlebt hat.

          Das Deutsche Historische Museum zeigt die von Roemers selbst kuratierte Auswahl seiner großformatigen Fotos im Untergeschoss des Pei-Baus, in einer abgedunkelten, gleichsam bunkerhaften Präsentation, die allein von Punktstrahlern erhellt ist. Das Museum füllt so wenigstens vorübergehend eine seiner wichtigsten didaktischen Lücken, denn der Kalte Krieg ist ein unübersehbarer Schwachpunkt der Dauerausstellung im Zeughaus. Obwohl die Kraftlinien des Ost-West-Konflikts im geteilten Berlin und an der innerdeutschen Grenze konvergierten, war er keine mitteleuropäische Angelegenheit. Die Landkarte der Orte, die Martin Roemers mit der Kamera zeichnet, reicht von Mittelengland bis nach Skandinavien und auf die Krim. Damals begann die Globalisierung des Krieges, den der islamistische Terror heute in die Städte des Westens trägt. Nur gibt es dort keine Schutzräume mehr.

          Weitere Themen

          Glück für „Glass“

          Kinocharts : Glück für „Glass“

          Der Thriller „Glass“ hat sich in Deutschland und Nordamerika an die Spitze gesetzt. Dahinter versammeln sich Neulinge: Pferde, Drachen und eine Königin.

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Brexit und Nordirland : „Eine erzwungene Renationalisierung“

          Die Frage, ob und wie der Brexit kommt, hängt vor allem an Nordirland. Nach dem Bombenanschlag vom Wochenende wächst auf der Insel die Angst, eine harte Grenze könnte den Jahrzehnte alten Konflikt wieder entzünden.

          Aachener Vertrag : Ist das Elsass bald deutsch?

          Marine Le Pen und die „Gelbwesten“ machen in Frankreich mit Verschwörungstheorien Stimmung gegen den neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Das Land stehe vor dem „Ausverkauf“ – die Regierung muss reagieren.

          Konjunktur : IWF senkt Wachstumsprognose für Deutschland

          Der Internationale Währungsfonds sagt für dieses und nächstes Jahr ein schwächeres Wachstum der Weltwirtschaft voraus. Für Deutschland verringert er seine Prognose besonders deutlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.