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Weiße Trüffel im Piemont : Für Frische und Fülle braucht es Vertrauen

  • -Aktualisiert am

New York wird als Markt unwichtiger

Es ehrt die Piemontesen, dass sie sich bei so viel Nachfrage einen noblen Sinn fürs Genießen bewahrt haben. Im „Albergo dell’Agenzia“, einem komplett renovierten neogotischen Mustergut der italienischen Könige, lagern dreihundert Winzer aus ganz Italien - mit einem Schwerpunkt bei den Reben der Region - ihre Produkte in einer einzigartigen „Banca del Vino“ im Keller. Und während bei anderen Banken einzig Aktienkurse und Zinsenspreads den Ausschlag geben, wird hier mit den Jahren das Ab und vor allem Auf des entscheidenden Rohstoffpreises penibel vermerkt. Wo anders als in diesem önologischen Panzerschrank lässt sich die Rendite glasweise probieren? Wo gäbe es statt der Nulllösung der derzeitigen Geldpolitik einen sicheren Ertrag von weit über zehn Volumenprozent? Die „Banca del Vino“ ist so zur italienischen Antwort auf Mario Draghis Europäische Zentralbank geworden.

Kochkurse für Neulinge, historische Autocorsi, Reitausflüge, exquisite Weinproben, kunsthistorische Touren - all das kann man heute in den gesegneten Langhe auch außerhalb der Trüffelzeit buchen und unternehmen. Am besten aber natürlich zwischen November und Dezember. Die offensive Vermarktung, die in den fünfziger Jahren mit der Überreichung eines besonders monströsen Alba-Trüffels an Globalprominenz begann, hat sich längst ausgezahlt und die Neugier auf die Langhe ebenso hartnäckig eingewurzelt wie die Pilze im Boden der Langhe. Einst schnupperten verwunderte Prominente wie Kennedy, Churchill und Reagan, Sofia Loren, Francis Ford Coppola oder Alain Delon an ihren Trüffeln, heuer war es in New York die italienische Swinglegende Renzo Arbore. Isabella Rosselini und andere Italogrößen duften mitschmausen. Doch es ist jetzt schon sicher, dass Michail Gorbatschow nicht der einzige Russe im illustren Reigen bleiben wird. New York wird als Markt unwichtiger; die ertragreichen Weltgegenden zwischen Moskau und Peking werden bereits von Alba aus angepeilt.

Man darf riechen

Dazu dient auch die seit 2000 bestehende nationale Trüffelakademie im Kastell von Grinzane Cavour, wo man mit der gebotenen Golosität wissenschaftliches und sozialhistorisches zum Trüffel sammelt - und wo naturgemäß ebenfalls ein edles Feinschmeckerlokal seinen Sitz hat. Ziemlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit versammelt sich in diesen Gemäuern der Geheimorden der Trüffelfreunde mit merkwürdigen Umhängen und Mützen und feiert im Kreis der Altgedienten die Saturnalien des protzigen Pilzes, welcher der Gegend den Wohlstand bescherte.

Trotz (oder wegen?) der verbreiteten Wirtschaftsagonie in Italien ist es in Grinzane im November fast unmöglich, einen Platz zu ergattern. Zumal an Wochenenden, wenn bis Monatsmitte die Trüffelmesse in einer Halle am Corso von Alba ihre Pforten öffnet, platzt auch die Provinzhauptstadt aus allen Nähten. Und am Tresen des verlässlichen Trüffelanbieters Elio Ratti am Corso drängen sich die Käufer auf wenigen Quadratmetern vor den Glashauben, unter denen die frischesten und hellsten Funde der letzten Nächte gestapelt sind. Man darf riechen. Hundert Gramm - also für daheim zehn kleine Hobelportionen - kosten von 250 Euro aufwärts, je nach Qualität und Angebot. Anders als der Goldpreis ist diese Marge in den letzten Jahren stabil geblieben.

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