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Ursula Krechels „Landgericht“ : Diese Geschichte vererbt sich an die Kinder

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Angekommen, aber wo? Die Familie versammelt sich an Weihnachten 1957 um Robert Bernd Michaelis (in der Mitte). Bild: privat

Was stimmt, was stimmt nicht? Und wer ist die reale Familie hinter dem Erfolgsroman „Landgericht“, mit dem Ursula Krechel dem Richter Robert Bernd Michaelis ein Denkmal setzte?

          Wie fühlt sich eine Familie, wenn die Lebensgeschichte ihres Vaters und Großvaters plötzlich und unerwartet in einem erfundenen, aber äußerst genau der Realität entsprungenen, manchmal erschreckend detailreichen und selbst in der Fiktion noch die realen Menschen treffenden, bisweilen aber auch dichterisch frei erfundenen Werk in Schaufenstern steht und Gegenstand von Zeitungsartikeln und Ansprachen ist?

          Nach erster Orientierung zuerst einmal: geehrt. Geehrt in der Würdigung meines Großvaters als Person und seiner Lebensgeschichte. Das Buch, um das es geht, ist „Landgericht“ von Ursula Krechel, sein Protagonist heißt Richard Kornitzer. Den Kornitzer kenne ich gut, das ist mein Opa, Robert Bernd Michaelis! Die Begebenheiten kenne ich auch, das ist Familiengeschichte! Es stellt sich ein Gefühl dafür ein, dass Geschichte eben auch im Persönlichen geschieht, greifbar, real, nicht nur auf N24 als Rückblick. Als Kind war mir unsere persönliche Geschichte als selbstverständlich geläufig, sie bot mir nichts Außergewöhnliches: Mein Großvater hatte sieben Sprachen gesprochen und beim gemeinsamen Restaurantbesuch beim Chinesen auf Chinesisch bestellt (tatsächlich war mein Großvater in Schanghai während des Krieges und nicht wie Kornitzer auf Kuba). Häufig haben mein Vater und meine Tante vom Kindertransport nach England erzählt, und eine gewisse Grantigkeit im Bedürfnis meines Großvaters, oft seinen Sohn mit Frau und uns Enkelkinder um sich zu haben, habe ich mit zunehmendem Alter immer mehr in Bezug auf seine „verlorene“ Familienzeit in den Kriegsjahren zu verstehen gewusst.

          Welcher Mensch schreibt so?

          Familiengeschichte also, wie sie jede Familie hat: Von den Nachfolgenden werden die Ereignisse nur in ihren Auswirkungen erlebt und erfahren, die Ereignisse selbst bleiben Erzählungen.

          Dann kommt die Auseinandersetzung mit den Details in Ursula Krechels Buch: Was stimmt, was stimmt nicht, was stimmt in welcher Nuance? An dieser Stelle spreche ich der Autorin meine Bewunderung dafür aus, wie sie aufgrund einer offensichtlich akribisch intensiven, aber eben auch intuitiv einfühlsamen Recherche meinen Großvater nachvollzieht, teilweise in Handlungen und Gedanken neu kreiert und bewusst beim Unbekannten im Roman bei Vermutungen bleibt.

          Kornitzer ist 1903 in Breslau geboren, mein Großvater am 4. Juli 1903 in Berlin-Charlottenburg. An die Beerdigung meines Großvaters habe ich eine beklemmende Erinnerung, als Kind hatte ich den Tod noch nicht verstanden. Er starb am 1. Mai 1973, drei Jahre nach Kornitzer. In Mainz hat mein Großvater tatsächlich als Richter gearbeitet, und das Haus in Mombach, das Kornitzer im Roman bewohnt, gab es auch. Die Schreiben und Schriftstücke, die vielen Worte meines Großvaters in der Suche nach Anerkennung hatten Ursula Krechel auf ihn aufmerksam gemacht: Welcher Mensch schreibt so, welche Geschichte verbirgt sich dahinter? Viele Dokumente werden in ihrem Roman wörtlich zitiert.

          Dagegen wehrte sich alles in mir!

          Die „Tat“ - jenes absurde Kapitel mit der Quintessenz all des Kämpfens meines Großvaters um Anerkennung - fand tatsächlich so statt: am 20. September 1956. Man sieht einen Richter, der zu Beginn einer Gerichtsverhandlung als persönliche Erklärung Artikel 3 und Artikel 97 des Grundgesetzes kommentarlos vorliest, und gleichwohl auch einen Menschen, der sich am Ende aller Versuche um Wiedergutmachung und Gerechtigkeit noch einmal aufzubäumen versucht, bevor er in den Ruhestand versetzt wird. Der Roman provoziert eine Auseinandersetzung von uns Enkelkindern mit der eigenen Familiengeschichte, die diese näher an uns rückt und einen neuen Blickwinkel erzeugt: den unseres Großvaters und einen zeitgeschichtlichen.

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