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Umfrage unter Lyrikern : Was reimt sich auf Frühling?

Frühling in Bamberg: Blick über die Tomatenvorzucht im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia Bild: Thorsten Hechtfischer

Mit deutschen Dichtern über den Lenz zu sprechen, macht gute Laune. Wenn sie ihn schon nicht mehr besingen, haben sie doch merklich Spaß daran, über ihn nachzudenken. Und einige neue Verse fallen dann doch noch ab.

          „Neue Frühlingslyrik?“, fragt Hans Magnus Enzensberger zurück, als wir ihn am Telefon mit der Frage überfallen, wie es um die ehrwürdige alte Gattung heute bestellt sei - und lacht dann laut los: „Die Frage ist aber lustig!“ Was nicht zu leugnen ist, denn ohne echte oder gespielte Tumbheit muss man sie in der Gegenwart als beantwortet betrachten. Es gibt keine Frühlingslyrik mehr, so lautet das einhellige Urteil unter Kennern, nur einer der befragten Insider hakt nach: „Schreibt eigentlich Sarah Kirsch noch Gedichte? Die hat doch richtige Bestseller mit Naturlyrik gehabt.“

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          „Es gibt diese lange Tradition“, sagt Enzensberger, „und man kann nicht von vorne anfangen. Deshalb haben sich irgendwann aufsässige Töne eingeschlichen. Es gab aber auch eine Art DDR-Rokoko.“ Er lacht wieder auf, als wir ihn fragen, wann er zuletzt eigene Frühlingsverse geschrieben hat. „Lassen sie mich überlegen: In ,Rebus‘ gibt es zum Beispiel ein Prosagedicht namens ,Der Maler der Jahreszeiten‘, da beschreibe ich auch den Frühling. Vielleicht kommt die Frühlingslyrik ja wieder“, sagt Enzensberger, „wer weiß das?“ Verbreitet sei ja schon die Auseinandersetzung mit asiatischen Versmaßen, wobei die traditionelle Vorschrift laute, dass ein Jahreszeitenbezug herzustellen sei.

          Hans Magnus Enzensberger

          Draußen scheint die Sonne, es ist ein strahlender Tag, und Enzensberger antwortet auf die Frage, was ihn am Frühling reize: „Sehen Sie, wir hier in Deutschland haben vier richtige Jahreszeiten, andere haben nur zwei.“ Ist es der Reichtum der Natur? „Ja!“, ruft er gut gelaunt und mit verklingendem Lachen „auf Wiedersehen!“

          Das könnte das Neue sein

          Auch der Anruf bei Nora Gomringer in Bamberg verläuft überraschend ersprießlich, mit Frühlingsfragen läuft man bei ihr offene Türen ein. Sie ist Lyrikerin, Kulturvermittlerin und die Tochter des Vaters der Konkreten Poesie, Eugen Gomringer, dessen Verse kurioserweise die Reclam-Anthologie „Frühlingsgedichte“ sowohl eröffnen als auch beschließen. Frühling könne man lernen, bestätigt sie, bei ihnen zu Hause, inmitten ländlicher Natur, sei ein regelrechter Frühlingskult veranstaltet worden. Und wenn sie aus ihrem Arbeitszimmer in der Villa Concordia, dem Internationalen Künstlerhaus in Bamberg, dessen Direktorin sie ist, am Ostersonntag aus dem Fenster schaue, denke sie sofort an den „Faust“. Woran sie merkt, dass der Frühling beginnt: „An den Anfragen, die dann gehäuft auftreten. Die ganze Welt wacht auf, und ihr fällt auf, dass eine lyrische Begleitung doch ganz schön wäre. Man merkt dann immer: Die Welt sieht plötzlich wieder Nutzen in der Lyrik.“ Und da sie fröhlich von den Tomatenpflänzchen auf ihrer Fensterbank berichtet, die sie gerade eingepflanzt hat, geht sie spontan auf den Vorschlag ein, selbige zu bedichten (siehe Kastentext).

          Nora Gomringer

          „Es ist auffällig, dass der Frühling bei den neuen Lyrikern nicht nur nicht mehr der große Hit ist, sondern auch als Thema eigentlich verschwunden ist“, sagt Christoph Buchwald, der seit drei Jahrzehnten das „Jahrbuch der Lyrik“ mitherausgibt. „Ich kenne keinen Lyriker, der den Frühling als etwas rein Positives sieht.“ In der aktuellen Ausgabe des Lyrik-Jahrbuchs wird der Frühling nur wenige Male und nur am Rande erwähnt. Es geht um den Niedergang des „arabischen Frühlings“, Tim Holland spielt auf das traumatisierende Frühlingserlebnis Fukushima an, und Peter Gizzi schreibt: „Der Körper tingelt immer weiter mit, / ich glaube, das ist es, / was sich nach Frühling anfühlt, / die dich raffende Zeit.“ Dabei verraten die Beiträge des Jahrbuchs eigentlich keinerlei Berührungsängste mit der Natur, im Gegenteil, es wimmelt nur so von organischen Szenarien - gleich mehrere Füchse, Hagebutten und Rapsfelder korrespondieren miteinander, und lyrische Ichs versetzen sich in Tiere hinein. So beginnt das Gedicht „Das liebende Tier“ von Sünje Lewejohann mit den Versen: „so rupfte man mir das fell in büscheln aus. / ich war ein tier, ein heiliger / leib. ich wanderte. ein wesen / im pelz mit rissiger haut. / angefüllt mit dieser fiebrigen / großen zunge, die an blütigen lippen / leckte, am wasserlauf sprudelndes wasser / schleckte; einen durst zu stillen nach / farbwirbeln und aufgerissener erde“. „Das könnte das Neue sein“, sagt Buchwald: „Der Ausgangspunkt ist nicht: Wie reagiere ich auf den Gesang der Nachtigall, sondern: der Gesang der Nachtigall pur.“

          Der Dichter ist selbst der Frühling

          Marion Poschmann, die ihren ersten Gedichtband „Grund zu Schafen“ überschrieb, wird im Frühling immer erst einmal „nervös“: „Weil ich im Haus schreibe, ist Arbeiten und Frühling ein Gegensatz für mich.“ Mit dem Frühling verbindet sie „Frische, Aufbruch, Erneuerung, Überschwang, das Zarte, die Schönheit“. In ihren Gedichten selbst aber gibt es keinen direkten Jahreszeitenbezug. Sie versuche vielmehr, räumliche und zeitliche Überlagerungen darzustellen - „unscharfe Jahreszeiten“ heißt ein Kapitel in ihrem Gedichtband „Geistersehen“. „Das alles bedeutet aber nicht, dass man kein prunkvolles, blütenreiches Gedicht mehr schreiben kann“, sagt sie - „Empire of Flora (nach Cy Twombly)“ aus ihrer eigenen Feder ist vielleicht so eines. „Der Dichter übernimmt die schöpferische Kraft der Natur und tritt damit selbst an die Stelle des Frühlings“, sagt sie. Kann der Frühling aber selbst über den Frühling schreiben? „Das könnte er schon machen“, sagt sie lachend.

          Interessanterweise sei sie gerade im Rahmen eines Literaturprojekts auf dem Weg nach Kaliningrad, auf den Spuren des Sturm-und-Drang-Wegbereiters Johann Georg Hamann. Der russische Schriftstellerverband habe darauf hingewiesen, dass die Stadt im Frühling am schönsten sei, und sie habe sich vorgenommen, über das Thema „Park“ zu schreiben. „Da entstehen jetzt wirklich tatsächliche Frühlingsgedichte“, behauptet sie nicht ganz ernsthaft. Als ihren Lenz-Klassiker nennt sie Barthold Hinrich Brockes’ „Kirschblüte bei der Nacht“ - ein Gedicht, das sich in seinen oft verspotteten, in Wirklichkeit aber wunderbaren Details so ganz anders darstellt als ihre eigenen. Die klassischen Frühlingsgedichte müsse man nur genau anschauen, sagt sie: „Die sind oft viel differenzierter, als das Kalenderblattklischee erwarten lässt.“

          Und dann, bumm, lässt er sich feiern

          „Auch mich macht der Frühling nervös“, sagte Tonio Kröger in Thomas Manns Künstlernovelle, „auch mich setzt die holde Trivialität der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in Verwirrung.“ Und Silke Scheuermann, die gerade Stipendiatin in der Villa Concordia ist, zusammen mit den Lyrikern Matthias Göritz, der Bachmannpreis-Gewinnerin Olga Martynova und deren Mann Oleg Jurjew, setzt noch eine Schippe drauf: „Ich hege ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Frühling“, sagt sie. „Man könnte meinen, das Schreiben werde heller, optimistischer, aber das Gegenteil ist der Fall. All das Vogelgezwitscher und die leichten Kleidchen machen mich eher misstrauisch.“ Der Frühling ist ihr zu weich und anschmiegsam. „Lyrik ist Kampf. Im Winter produziere ich wesentlich mehr.“

          Silke Scheuermann

          Reine Frühlingsgedichte hält sie, im Gegensatz zu Oleg Jurjew, immer noch für möglich, sie müssten aber „diesen Trotz haben, mit dem Schönheit sich behauptet, auch und gerade gegen den Dichter und seinen durchdringenden Blick“. Ihr eigenes Misstrauen fand in der Kirschblüte Kyotos ihren Meister, die sie im vergangen Jahr erlebte. „Das hat mich ganz unmittelbar inspiriert: Der Kirschbaum steht das ganze Jahr über herum, trist und dunkel, und dann, bumm, für eine kurze Zeit im April ist er da und lässt sich feiern.“ Wobei sie in den Ästen, die dann wie verschneit aussähen, mehr ein Todessymbol erkennt.

          Dirk von Petersdorff, Lyriker und Hochschullehrer in Jena, der kürzlich in dieser Zeitung das Gedicht „Aprilwind“ veröffentlicht hat, der den „Duft aufbrechender Erde“ nach dem Winter liebt und an einem Poem über das Rasenmähen arbeitet, sagt: „Bei einem neuen Frühlingsgedicht muss man merken: Es ist der Frühling eines Menschen im 21. Jahrhundert.“ In einem in Kürze erscheinenden Handbuch über „Kreatives Schreiben“ fordert er seine Schüler zu einem Mai-Gedicht auf. Ihn interessiert, wie sie den Frühling im Zeitalter von Outdoorkleidung erfahren. Er selbst würde Frühlingsgedichte eher im Herbst schreiben.

          Fastfrühling mit Luftballonmann

          Michael Lentz, ebenfalls ein Professor unter den Lyrikern, antwortet auf die Frage, warum es neben den vielen desillusionierenden Frühlingsgedichten so wenige einfache, reintönige Verse mehr gibt: „Das Einfache ist schwer zu erzielen, Bertolt Brecht hat es vorgemacht.“ Lentz selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor - / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

          Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend - das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“

          In die Suche nach einem neuen, starken Frühlingsbild hat Dirk von Petersdorff kürzlich seine Kinder mit einbezogen, und eines der beiden schlug vor: „Frühling ist dann, wenn die Ameisen über den Küchentisch laufen.“ Frühling scheint sich heutzutage am ehesten auf Kinderblick zu reimen. Aus den Ameisen müsste man sofort einen Haiku machen.

          Nora Gomringer: Aussaat im Frühling (Spontangedicht für die F.A.Z.)

          Den Winter über
          Gaben wir vor,
          Feldmäuse zu sein:
          Wesen mit Vorräten,
          Speck um die Rippen,
          das Konto, die Nerven.

          Feldmaus-Mann kaufte
          Tütchen mit Samen
          Und wir benahmen uns
          Wieder wie Menschen,
          Kultivierer, Lichtbringer.

          Seitdem wachsen kleine Blättchen.
          Die Tüte zeigt pralle Tomaten:
          Sie überziehen uns mit Hoffnungsröte.

          Wir flüstern jedem Blättchen
          An jedem Stengelchen
          Bis zu den Würzelchen:
          Wir wollen sehen!
          Und mit euch werden,
          wirken, wachsen
          In dieses Jahr.

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