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Umfrage unter Lyrikern : Was reimt sich auf Frühling?

Und dann, bumm, lässt er sich feiern

„Auch mich macht der Frühling nervös“, sagte Tonio Kröger in Thomas Manns Künstlernovelle, „auch mich setzt die holde Trivialität der Erinnerungen und Empfindungen, die er erweckt, in Verwirrung.“ Und Silke Scheuermann, die gerade Stipendiatin in der Villa Concordia ist, zusammen mit den Lyrikern Matthias Göritz, der Bachmannpreis-Gewinnerin Olga Martynova und deren Mann Oleg Jurjew, setzt noch eine Schippe drauf: „Ich hege ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Frühling“, sagt sie. „Man könnte meinen, das Schreiben werde heller, optimistischer, aber das Gegenteil ist der Fall. All das Vogelgezwitscher und die leichten Kleidchen machen mich eher misstrauisch.“ Der Frühling ist ihr zu weich und anschmiegsam. „Lyrik ist Kampf. Im Winter produziere ich wesentlich mehr.“

Silke Scheuermann

Reine Frühlingsgedichte hält sie, im Gegensatz zu Oleg Jurjew, immer noch für möglich, sie müssten aber „diesen Trotz haben, mit dem Schönheit sich behauptet, auch und gerade gegen den Dichter und seinen durchdringenden Blick“. Ihr eigenes Misstrauen fand in der Kirschblüte Kyotos ihren Meister, die sie im vergangen Jahr erlebte. „Das hat mich ganz unmittelbar inspiriert: Der Kirschbaum steht das ganze Jahr über herum, trist und dunkel, und dann, bumm, für eine kurze Zeit im April ist er da und lässt sich feiern.“ Wobei sie in den Ästen, die dann wie verschneit aussähen, mehr ein Todessymbol erkennt.

Dirk von Petersdorff, Lyriker und Hochschullehrer in Jena, der kürzlich in dieser Zeitung das Gedicht „Aprilwind“ veröffentlicht hat, der den „Duft aufbrechender Erde“ nach dem Winter liebt und an einem Poem über das Rasenmähen arbeitet, sagt: „Bei einem neuen Frühlingsgedicht muss man merken: Es ist der Frühling eines Menschen im 21. Jahrhundert.“ In einem in Kürze erscheinenden Handbuch über „Kreatives Schreiben“ fordert er seine Schüler zu einem Mai-Gedicht auf. Ihn interessiert, wie sie den Frühling im Zeitalter von Outdoorkleidung erfahren. Er selbst würde Frühlingsgedichte eher im Herbst schreiben.

Fastfrühling mit Luftballonmann

Michael Lentz, ebenfalls ein Professor unter den Lyrikern, antwortet auf die Frage, warum es neben den vielen desillusionierenden Frühlingsgedichten so wenige einfache, reintönige Verse mehr gibt: „Das Einfache ist schwer zu erzielen, Bertolt Brecht hat es vorgemacht.“ Lentz selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor - / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend - das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“

In die Suche nach einem neuen, starken Frühlingsbild hat Dirk von Petersdorff kürzlich seine Kinder mit einbezogen, und eines der beiden schlug vor: „Frühling ist dann, wenn die Ameisen über den Küchentisch laufen.“ Frühling scheint sich heutzutage am ehesten auf Kinderblick zu reimen. Aus den Ameisen müsste man sofort einen Haiku machen.

Nora Gomringer: Aussaat im Frühling (Spontangedicht für die F.A.Z.)

Den Winter über
Gaben wir vor,
Feldmäuse zu sein:
Wesen mit Vorräten,
Speck um die Rippen,
das Konto, die Nerven.

Feldmaus-Mann kaufte
Tütchen mit Samen
Und wir benahmen uns
Wieder wie Menschen,
Kultivierer, Lichtbringer.

Seitdem wachsen kleine Blättchen.
Die Tüte zeigt pralle Tomaten:
Sie überziehen uns mit Hoffnungsröte.

Wir flüstern jedem Blättchen
An jedem Stengelchen
Bis zu den Würzelchen:
Wir wollen sehen!
Und mit euch werden,
wirken, wachsen
In dieses Jahr.

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