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Umfrage unter Lyrikern : Was reimt sich auf Frühling?

Nora Gomringer

„Es ist auffällig, dass der Frühling bei den neuen Lyrikern nicht nur nicht mehr der große Hit ist, sondern auch als Thema eigentlich verschwunden ist“, sagt Christoph Buchwald, der seit drei Jahrzehnten das „Jahrbuch der Lyrik“ mitherausgibt. „Ich kenne keinen Lyriker, der den Frühling als etwas rein Positives sieht.“ In der aktuellen Ausgabe des Lyrik-Jahrbuchs wird der Frühling nur wenige Male und nur am Rande erwähnt. Es geht um den Niedergang des „arabischen Frühlings“, Tim Holland spielt auf das traumatisierende Frühlingserlebnis Fukushima an, und Peter Gizzi schreibt: „Der Körper tingelt immer weiter mit, / ich glaube, das ist es, / was sich nach Frühling anfühlt, / die dich raffende Zeit.“ Dabei verraten die Beiträge des Jahrbuchs eigentlich keinerlei Berührungsängste mit der Natur, im Gegenteil, es wimmelt nur so von organischen Szenarien - gleich mehrere Füchse, Hagebutten und Rapsfelder korrespondieren miteinander, und lyrische Ichs versetzen sich in Tiere hinein. So beginnt das Gedicht „Das liebende Tier“ von Sünje Lewejohann mit den Versen: „so rupfte man mir das fell in büscheln aus. / ich war ein tier, ein heiliger / leib. ich wanderte. ein wesen / im pelz mit rissiger haut. / angefüllt mit dieser fiebrigen / großen zunge, die an blütigen lippen / leckte, am wasserlauf sprudelndes wasser / schleckte; einen durst zu stillen nach / farbwirbeln und aufgerissener erde“. „Das könnte das Neue sein“, sagt Buchwald: „Der Ausgangspunkt ist nicht: Wie reagiere ich auf den Gesang der Nachtigall, sondern: der Gesang der Nachtigall pur.“

Der Dichter ist selbst der Frühling

Marion Poschmann, die ihren ersten Gedichtband „Grund zu Schafen“ überschrieb, wird im Frühling immer erst einmal „nervös“: „Weil ich im Haus schreibe, ist Arbeiten und Frühling ein Gegensatz für mich.“ Mit dem Frühling verbindet sie „Frische, Aufbruch, Erneuerung, Überschwang, das Zarte, die Schönheit“. In ihren Gedichten selbst aber gibt es keinen direkten Jahreszeitenbezug. Sie versuche vielmehr, räumliche und zeitliche Überlagerungen darzustellen - „unscharfe Jahreszeiten“ heißt ein Kapitel in ihrem Gedichtband „Geistersehen“. „Das alles bedeutet aber nicht, dass man kein prunkvolles, blütenreiches Gedicht mehr schreiben kann“, sagt sie - „Empire of Flora (nach Cy Twombly)“ aus ihrer eigenen Feder ist vielleicht so eines. „Der Dichter übernimmt die schöpferische Kraft der Natur und tritt damit selbst an die Stelle des Frühlings“, sagt sie. Kann der Frühling aber selbst über den Frühling schreiben? „Das könnte er schon machen“, sagt sie lachend.

Interessanterweise sei sie gerade im Rahmen eines Literaturprojekts auf dem Weg nach Kaliningrad, auf den Spuren des Sturm-und-Drang-Wegbereiters Johann Georg Hamann. Der russische Schriftstellerverband habe darauf hingewiesen, dass die Stadt im Frühling am schönsten sei, und sie habe sich vorgenommen, über das Thema „Park“ zu schreiben. „Da entstehen jetzt wirklich tatsächliche Frühlingsgedichte“, behauptet sie nicht ganz ernsthaft. Als ihren Lenz-Klassiker nennt sie Barthold Hinrich Brockes’ „Kirschblüte bei der Nacht“ - ein Gedicht, das sich in seinen oft verspotteten, in Wirklichkeit aber wunderbaren Details so ganz anders darstellt als ihre eigenen. Die klassischen Frühlingsgedichte müsse man nur genau anschauen, sagt sie: „Die sind oft viel differenzierter, als das Kalenderblattklischee erwarten lässt.“

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