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Ukraine: Vier Autoren im Gespräch : „Die da oben dürfen alles, alle anderen dürfen nichts“

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Straßensperre der Polizei in Kiew Bild: dpa

Die Ukraine steht an einem Wendepunkt: Vier renommierte Autoren haben das Schreiben eingestellt, denn sie kämpfen für eine große Sache. Sie erzählen eine ganz andere Geschichte, als wir sie aus den westlichen Medien kennen.

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          Sie kommen direkt aus Kiew, wie war gestern die Situation auf dem Maidan?

          Serhij Zhadan: Es herrscht im Moment so etwas wie eine Auszeit, ein kurzes Innehalten, denn unsere Forderungen, also der Leitfaden der Initiative, liegt jetzt dem Parlament vor. Es gibt also zumindest hypothetisch die Chance, dass sich einiges lösen lässt.

          Was wäre die Lösung für die Ukraine?

          Zhadan: Zunächst einmal müsste die parlamentarische Verfassung, die bis 2004 existierte, wiederhergestellt werden. Damit wäre vor allem die überproportionale Macht des Präsidenten beschränkt. Wir bekämen dann eine temporäre Regierung, und die Präsidentenwahlen würden vorgezogen. Außerdem fordern wir natürlich eine Amnestie für die Aktivisten.

          Juri Andruchowytsch: Einen weiteren Punkt möchte ich ergänzen, der mir als der wichtigste erscheint. Dass die neu gewählte Regierung als Erstes das Abkommen über die EU-Anwärterschaft der Ukraine unterzeichnet. Das wäre das sichtbarste Zeichen für den Erfolg unserer Proteste, die ja deshalb am 21. November ihren Anfang in Kiew nahmen und inzwischen das ganze Land erreicht haben.

          Sie haben einen offenen Brief über die Zustände in der Ukraine geschrieben, der auch in dieser Zeitung abgedruckt wurde. Er soll sogar beim amerikanischen Außenminister Kerry auf dem Schreibtisch gelandet sein.

          Andruchowytsch: Ja, das habe ich auch gehört. Der Brief hat wohl deshalb so viel Resonanz hervorgerufen, weil darin zum ersten Mal von Verbrechen gegen die Menschlichkeit die Rede ist. Das findet bei uns schon eine Zeitlang statt, aber man hat nicht darüber gesprochen.

          Was meinen Sie für Verbrechen?

          Andruchowytsch: Menschen werden bei uns auf offener Straße gekidnappt, verschleppt und gefoltert. Ukrainer verschwinden einfach so. Das ist nicht viel anders als in den südamerikanischen Diktaturen der fünfziger Jahre. Die Polizei wendet dabei Mittel an, die nach allen Menschenrechtskonventionen verboten sind, zum Beispiel den Einsatz von Wasserwerfern bei minus zehn Grad oder den Einsatz von Plastikgranaten. Die sind offiziell nur im Kampf gegen Terroristen erlaubt, nicht aber gegen demonstrierende Studenten.

          Jurko Prochasko: Es war ja vielen klar, dass sich dieses Land verändern muss. Und irgendwann war klar, dass es nur über einen Aufstand geht, weil die Zivilgesellschaft hier keine andere Möglichkeit hat. Für einen Moment sah es dann aber plötzlich so aus, als würde Präsident Janukowitsch das EU-Abkommen unterzeichnen. Da keimte für ein Moment Hoffnung auf, dass ein Kompromiss möglich wäre. Wenn er das Abkommen unterzeichnet hätte, wenn es dieses Wunder geschehen wäre, dann wären wir diesen Weg mit ihm zusammen gegangen.

          „Die ideologische Gegenüberstellung, dass wir im Westen anders seien als die im Osten und deshalb gegeneinander kämpfen, die ist falsch“: Juri Andruchowytsch

          Andruchowytsch: Und hätten ihm alles verziehen ... (lacht)

          Prochasko: Es kam anders. Und jetzt müssen wir eben auf andere Weise Janukowitschs Machtmissbrauch bekämpfen. Das System Janukowitsch ist korrupt und ungerecht. Es bedeutet nichts anderes als: Die da oben dürfen alles, und alle andern dürfen nichts. Diesen Neofeudalismus zu bekämpfen, sind wir angetreten. Die Ukraine ist gefangen im System der Oligarchen, die sich an unserem Land bereichern.

          Was erwarten, was erhoffen Sie von der Europäischen Union?

          Prochasko: Dass die dringend benötigte Reformen endlich angegangen werden, die dann über die Europäische Union laufen oder zumindest von ihr eingefordert werden. Das Land muss modernisiert, die Wirtschaft liberalisiert und das Recht unabhängig gemacht werden. Wir müssen endlich rechtsstaatliche Mindeststandards erreichen. Gelingt uns das nicht, dann sind wir am Ende. Dann haben wir keine Zukunft. Deshalb gehen wir jetzt auf die Straße.

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