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Theaterfestival in Nitra : Die Strippenzieher im Rampenlicht

  • -Aktualisiert am

Zwischen Archiv-Schränken: Das Stasi-Opfer Jürgen Gottschalk erzählt im deutschen Beitrag seine Lebensgeschichte Bild: Ctibor Bachraty, Nitra Theatre Festival

Das Theaterprojekt „Parallel Lives“ im slowakischen Nitra zeigt sechs Stücke aus einst kommunistischen Ländern. Sie erzählen ausschließlich von der Macht der Geheimdienste und deren Zerstörung des Alltags.

          Mit dem Dokumentartheater ist es ja wie mit allen künstlerischen Formen, die am Anfang einmal radikal waren - irgendwann werden sie zu einer Möglichkeit unter vielen. Und es ist ja auch beruhigend, dass in Deutschland ein neues Stück von Rimini-Protokoll zumeist nicht bedeutet, dass die Welt brennt, weil etwas ans Licht gezerrt wurde, von dem bestimmte Leute nicht wollen, dass es dort anlangt, sondern einfach nur, dass es ein neues Stück von Rimini-Protokoll gibt. Andererseits ist Dokumentarisches Theater auch in Westeuropa noch politisch genug, dass etwa der fiktive Theater-Prozess, den Milo Rau vor einigen Monaten der rechtspopulistischen Schweizer Zeitung „Weltwoche“ wegen Rassendiskriminierung machte, eine nationale Debatte über den Umgang mit Migranten auslöste.

          Katharsis durch Reduktion auf das Wesentliche, durch Wiederaufgreifen von Gewesenem - Dokumentartheater ist eigentlich immer politisch, weil sich öffentlich zu erinnern schon ein politischer Akt ist, der neue Fragen aufwirft.

          Viel zu riesig - der KGB-Koloss

          Etwas Besonderes ist das Dokumentarische Theater vor allem dort, wo uneingeschränkter Zugang zu den Archiven, den Organisationseinheiten des Erinnerns, noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, in Ost- und Mitteleuropa. Das kleine internationale Theaterfestival in der westslowakischen Stadt Nitra, das es bereits seit 14 Jahren gibt und das sich stets bemüht hat, innovative Impulse des zeitgenössischen Theaters aufzunehmen, hat in der letzten Woche die theatralischen Resultate eines bemerkenswerten, vom Goethe Institut und der Allianzstiftung unterstützten Projekts vorgestellt: Für „Parallel Lives“ haben sechs Künstlerteams Stücke und Performances rein auf der Grundlage von Geheimdienst-Akten entwickelt, die sie in den Unterlagenbehörden ihrer jeweiligen Länder gefunden haben.

          Buchstaben, die einfach nicht verschwinden wollen: die rumänische Künstlerin Gianina Cărbunariu erinnert in ihrem Stück an die Widerstandgeste eines Schülers

          Ungarn war dabei, Rumänien, Polen, die Slowakei, Tschechien - und Deutschland, vertreten von Clemens Bechtels „Meine Akte und Ich“, ein wunderbar sensibles Stück, das im April seine Premiere im Dresdner Schauspielhaus hatte. Neun Dresdner Bürger, keine Schauspieler, sondern „Experten des Alltags“, erzählen hier von ihren Erfahrungen mit der Stasi, unter ihnen ein Täter, der jahrzehntelang als Inoffizieller Mitarbeiter tätig war.

          Die Auswahl der Stücke sei an das Prinzip des Kuratierens einer Kunstmesse angelehnt, sagt Ján Šimko, einer der Initiatoren des Projekts. Man habe vor allem darauf geachtet, ein möglichst vielfältiges, in sich stimmiges Bild zu zeichnen. Daher habe man auch kein russisches Stück dabei haben wollen - viel zu riesig die Geschichte des nördlichen Kolosses, viel zu dominant wäre eine KGB-Geschichte gewesen.

          Mitten in der totalitären Vergangenheit

          Ins Konzept passte ein junges ungarisches Team, Drehbuchschreiber Péter Závada und Regisseur Dániel D. Kovács, die in ihrem Stück „Meltdown (Reflex)“ den Fall einer Psychologin dokumentieren, die möglicherweise aus politischen Gründen vom kommunistischen Regime selbst zur Patientin gemacht wurde. Sie erzählen ein actionreiches Taschenlampengewitter mit viel Witz, Paranoia und Freeze-Standbildern.

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