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Theaterfestival in Nitra : Die Strippenzieher im Rampenlicht

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Die Regisseurin ist 1977 geboren, sie erinnert sich aber noch an die Stille auf den Straßen ihrer Heimatstadt in den Vorweihnachtsmonaten, bevor die Revolution ausbrach, sie erinnert sich an eine Klassenlehrerin, die einen Mitschüler zurechtwies, weil der im Diktat den Namen von Nicolae Ceaușescu nicht ausgeschrieben, sondern mit „N.C.“ abgekürzt hatte.

Ein vorgetäuschtes Wunder

Cărbunariu, die als unabhängige Künstlerin arbeitet, sagt, sie habe es immer wieder schwer, genug Geld für die Finanzierung ihrer Stücke aufzutreiben - die rumänischen Staatstheater würden leichte Stücke zeigen, Unterhaltsames, Boulevard, keine schwierigen politischen Stücke wie ihre.

Man entdeckt in Nitra vor allem Geschichten, von denen man ohne dieses Theaterprojekt wahrscheinlich nicht erfahren hätte. Das Projekt wird von der internationalen Theaterszene unterstützt und mit Aufmerksamkeit bedacht, vor allem aber von den Bewohnern Nitras angenommen. Nahezu jede Vorstellung ist gut gefüllt, viele sind ausverkauft. Man hat das Gefühl, dass die Stücke aus der Dringlichkeit heraus leben, ihre Inhalte zu erzählen. So entgeht das „Parallel Lives“-Projekt einem wohlmeinend-pädagogischen Tenor, den Vergangenheitsbewältigung ja immer riskiert. Es gibt auch einen Reader, der Akten-Geschichten erzählt, die es nicht zur Inszenierung gebracht haben, ein Dokumentarfilm entsteht und einzelne Künstler gehen in die slowakischen Schulen, um mit den Kindern zu den Materialien zu improvisieren.

Die künstlerischen Zugänge sind dabei so unterschiedlich, dass sie sich einem als Zuschauer, der mit den Theatergepflogenheiten der jeweiligen Länder nicht allzu vertraut ist, mitunter versperren. Der tschechische Regisseur Petr Zelenka etwa inszeniert nach dem Drehbuch und der Komposition von Aleš Březina die Geschichte eines von der ŠtB, der tschechischen Staatssicherheit, zu Tode gefolterten Priesters als opulente Dokumentaroper in einem Bühnenbild, das eine Mischung aus Kirchenraum und Geheimdienstbüro darzustellen scheint. Wobei die 1925 geborene, in Tschechien legendäre Mezzo-Sopranistin Soňa Červená den stalinistischen Diktator Klement Gottwald singend verkörpert, unter dessen Herrschaft der ŠtB mittels eines eigens angefertigten Dokumentarfilms den grotesken Versuch unternahm, dem Priester Josef Toufar anzudichten, er habe mithilfe einer Strippenkonstruktion während eines Gottesdienstes das Kreuz zum Wackeln gebracht und so versucht, ein Wunder vorzutäuschen. Toufar starb während der Dreharbeiten.

Als die englischen Untertitel ausfallen, steht man etwas hilflos vor dieser Inszenierung, die so völlig ungebrochen in klassischer Opern-Manier die Aktentexte vorsingt und den gequälten Toufar auf einer Art Frühstückstisch liegend in Leichentücher einwickelt.

Andererseits ist es nicht ohne Erkenntnisgewinn, manches nicht zu verstehen, weil einem so die immensen historischen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern und ihren Geheimdiensten deutlich werden. Für die deutsche Inszenierung Clemens Bechtels zum Beispiel wird dem größtenteils slowakischsprachigen Publikum ein schlichter Handzettel in Sachen ästhetischer Grausamkeit ausgeteilt - es werden Begriffe aus dem Stasi-Vokabular ins Englische und Slowakische übersetzt. Und doch wird jemand, der nur den harmlosen „General Index“ versteht, nie die sprachliche Perfidie einer „Vorverdichtungs- und Hinweiskartei“ erfassen, aus dem „Contact with the Enemy“ wird nie die aggressiv kurze Substantiv-Koppelung „Feindberührung“ werden.

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