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Theaterfestival in Nitra : Die Strippenzieher im Rampenlicht

  • -Aktualisiert am
Fast wie im Film: Furioses Freeze-Theater vom jungen ungarischen Regisseur Dániel D. Kovács
Fast wie im Film: Furioses Freeze-Theater vom jungen ungarischen Regisseur Dániel D. Kovács : Bild: Ctibor Bachraty, Nitra Theatre Festival

Die fast filmisch anmutende Inszenierung ist zwar poppig, auf bösartige Weise lustig und in ihrer Foucault- und Hannah-Arendt-befruchteten Gesellschaftsdiagnostik stellenweise sehr überzeugend, insgesamt aber doch etwas zu glatt. Kovács ist Schüler des bekannten ungarischen Theaterregisseurs Viktor Bodó, er inszeniert unter anderem am Schauspielhaus Graz und als neue Hoffnung in der ungarischen Theaterszene.

Ganz anders, viel ernsthafter, der rumänische Beitrag der ebenfalls noch recht jungen Performance-Künstlerin Gianina Cărbunariu. Rumänien ist bekanntermaßen eines der Länder unter den ehemaligen Ostblockstaaten, die am stärksten unter ihrer totalitären Vergangenheit zu leiden haben. Ehemalige Mitarbeiter des berüchtigten Geheimdienstes Securitate befinden sich in gesellschaftlichen und politischen Schlüsselfunktionen. Bezeichnend, dass die rumänische Wochenzeitung „Revista 22“ im Jahre 2009 - da war Rumänien schon seit zwei Jahren in der EU - über Milo Raus Reenactment des Schauprozesses gegen das Diktatoren-Ehepaar Ceaușescu schrieb, dieses sei ein „erster Schritt“ für die rumänische Gesellschaft auf dem Weg zur Beschäftigung mit sich selbst.

Nichts ist erfunden

Kein Wunder, dass jemand wie Cărbunariu, die in ihren Stücken häufig Themen aus der jüngeren rumänischen Vergangenheit behandelt, schnell mit dem Kunstszene-Stempel „enfant terrible“ bedacht wird. Ihr Stück „Typographic Capital letters“ kreist um den Fall eines Jugendlichen namens Mugur Călinescu aus der rumänischen Provinzstadt Botoşani. Nachdem der Junge heimlich „Radio Free Europe“ gehört und so von den Streikationen der polnischen Solidarność erfahren hatte, begann er, die Mauern seiner Stadt mit Kreide-Slogans zu beschreiben, in denen er unter anderem die Bildung freier Gewerkschaften forderte. Dafür wurde er verhaftet und regelmäßig von der Securitate zum Verhör einbestellt. Zwei Jahre später erkrankte er an Leukämie, starb 1985. Das bot Grund zu Spekulationen, die Securitate habe ihn getötet, indem sie seiner Nahrung radioaktive Substanzen beigefügt habe - eine Praxis, derer der Geheimdienst immer wieder bezichtigt wurde und die er nie offiziell dementierte.

Befremdliche Opernwelt: Die tschechische Grande Dame Soňa Červená singt den Diktator Gottwald
Befremdliche Opernwelt: Die tschechische Grande Dame Soňa Červená singt den Diktator Gottwald : Bild: Ctibor Bachraty, Nitra Theatre Festival

Cărbunariu erzählt das mit fünf Schauspielern, die Texte aus der Securitate-Akte des Jungen sprechen, abgehörte Unterhaltungen zwischen ihm und seinen Eltern nachspielen. Der Vater, der versucht, sein Kind von der Fortführung seiner politischen Handlungen abzubringen, sagt, nach einem Wutausbruch: „Wenn Du nichts mehr zu sagen hast, dann sollte vielleicht das Gesetz sprechen.“ Nichts ist erfunden, aber es ist so geschickt collagiert, dass es tatsächlich, wie Cărbunariu es nennt, ein „Securitate-Gedicht“ ergibt.
Ihr Ansatz sei nicht eigentlich dokumentarisch, sagt sie, obgleich sie kein Wort des Textes erfunden habe - es stammt alles aus Mugurs Akte. Aber die sei möglicherweise unvollständig gewesen. Und überhaupt, was bedeute Vollständigkeit in einem solchen Kontext? Die Vorstellung, man könne einen solchen Fall abschließen, indem man jedes seiner Details kennt, ist wohl auch nur eine Sehnsucht nach Abschluss, den es nicht geben kann.

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