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Teil I: Was Frauen tun müssen! : Das Wort gehört jedem, der es sich nimmt

Bild: S. Fischer Verlag, Bildmontage F.A.Z.

Aller Gender-Diskurs ist nichts wert, wenn nicht neben dem Inhalt auch die Form beachtet wird - zum Sonderheft der „Neuen Rundschau“, mitherausgegeben von Antje Rávic Strubel.

          Der Kollege schiebt mir die aktuelle „Neue Rundschau“, 124. Jahrgang 2013, Heft 2, hin. Das sei doch die Ausgabe, für die sich die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel einen Teil erkämpft habe, als Herausgeberin der ersten 118 Seiten. Und ich könne dazu doch bestimmt etwas meinen, meint der Kollege, „qua Geschlecht“ hat er nicht gesagt. Sonst hätte ich direkt waidwund aufgeheult.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Also gut. Wie ich es inzwischen verstehe, hatte Rávic Strubel die Nase voll von der letzten Ausgabe der Zeitschrift im Jahr 2011, und sie gab ihr Gratisabonnement zurück, weil dort nur Texte von Männern stehen. Wenn ich mir jetzt ihr Editorial in der „Neuen Rundschau“ betrachte, finde ich, dass sie gar nicht kämpfen musste um ihren Platz als Mitherausgeberin. Vielmehr rannte sie beim Herausgeber Hans Jürgen Balmes gewissermaßen offene Scheunentore ein. Und sie war nicht so dämlich, auf stur zu schalten, sondern ist da hindurchgegangen.

          Mit gestandenen Autorinnen

          Also genau hinsehen. Wie es die bewährte Methode der Freiburger Hardware-Schule (danke auch dafür, Friedrich Kittler) ist, auch in Sachen analogem Medium. Wenn ich es richtig sehe, sind - außer in diesem „inkriminierten“ Heft 4/2011 - durchaus Autorinnen vertreten in der „Neuen Rundschau“, jedenfalls wenn das Verzeichnis „Die letzten Hefte“ am Ende des aktuellen Bands nicht vorsätzlich täuschen will.

          Es sind weniger Frauen als Männer, das gewiss, aber es sind gestandene Autorinnen, hier nur ein paar Namen: Sibylle Lewitscharoff, Christina Althen, Marlene Streeruwitz, Ina Hartwig, Felicitas Hoppe, Viola Roggenkamp, Ethel Matala de Mazza, Kathrin Röggla, Ulli Lust (die wunderbar aufsässige Comic-Zeichnerin), Ingeborg Meyer-Palmedo. Nein, das ist wahrlich nicht die Claque bewusstseinsabstinenter Weibchenhaftigkeit.

          Die aufwendige Suche nach dem Vitalen

          Also weiter. Auf dem Cover der aktuellen „Neuen Rundschau“ steht als Leitmotiv „Was dringend getan werden muss“. Doch, Lenins Kampffrage „Was tun?“ hören wir alle noch im Hintergrund, als Matrix. Oder manche gar nicht mehr? Das wäre schade. Nun firmieren jedenfalls unter diesem, in die nahe Zukunft delegierten Motto vierzehn Autorinnen, unter ihnen ein offensiv bekennend homosexueller Mann, der sich das generische Femininum jetzt halt gefallen lassen muss, unter seinem Rubrum „Die Freiheit ist weiblich“. Dass ausgerechnet sein Beitrag vor Sprachspielerei nur so strotzt („Um Quoten zu streiten ist erlaubt. Es mit hohlem Barrikadenpathos zu tun, ist so geschmacklos wie im Barrique aufgemotzter Trollinger.“) ist Künstlerinnenpech. Insgesamt hat Antje Rávic Strubels Auswahl - das ist die Nemesis der Heterogenität, die Ausgrenzung vermeiden will - die Anmutung jener Textsammlungen, die früher einmal als „Textfriedhöfe“ bezeichnet wurden.

          Das Vitale darin ist auszugraben. Dabei macht die Disparatheit der Beiträge unter dem Schutzschirm „Was dringend getan werden muss“ auch die bestwillige Leserin leicht kirre. Wichtig für mich sind vor allem vier Beiträge, es sind die von Chimamanda Ngozi Adichie, Kathrin Röggla, Jeanette Winterson und Elfriede Jelinek. Das ist subjektiv, was auch sonst.

          Die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie

          Also weiter, erst inhaltlich. Die Schwarzafrikanerin Adichie erzählt in ihrem Poem über „Das Niger-Delta“ - dafür braucht sie nur knapp anderthalb Seiten - von einer uferlos fortwährenden Katastrophe, die sie in Worte zwingt, die Bilder möglich machen, die Wut erzeugen. Röggla ruft in ihrem Essay „Der Lärmkrieg“ den Kampf um die Erweiterung des Frankfurter Flughafens auf, zwischen Befürwortern und Gegnern, ohne sich in eine verlogene dialektische Aufhebung zu flüchten. Jeanette Wintersons Aufsatz „100 Jahre nach den Suffragetten“ erinnert großartig an jene drei Kämpferinnen für die Gleichberechtigung, die im April 1913 das Glas vor den wertvollsten Bildern in der Manchester Art Gallery mit einem Hammer kaputtschmissen, um auf ihre schiere Existenz aufmerksam zu machen; sie wurden brachial bestraft. Winterson zieht eine differenzierte, keinesfalls populistische Linie aus zu den jungen Frauen von „Pussy Riot“.

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