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Streitgespräch zu Ludwig II. : Selbstmord oder Staatsstreich - das bleibt hier die Frage!

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„Sie sind auch nicht zeitgemäß. Und das würde ich Ihnen auch nie zum Vorwurf machen“ - Oliver Hilmes (rechts) im Gespräch mit Peter Gauweiler in dessen Münchner Kanzlei-Bibliothek Bild: Jan Roeder

Wer war Ludwig II. wirklich? Der Veredler seines Landes? Ein Putschist? Ein Geisteskranker? Der Jurist Peter Gauweiler und der Historiker Oliver Hilmes ringen um die richtige Bewertung.

          8 Min.

          Herr Gauweiler, in Ihrer Rezension von Oliver Hilmes’ Buch lassen Sie seine Bewertung nicht gelten, alle Bauten Ludwigs seien politisch und gesellschaftlich funktionslos. Sie schreiben, das hätte für die Pyramiden von Gizeh auch gegolten.

          Peter Gauweiler: Ich meine damit, dass man bei der Betrachtung von historischen Persönlichkeiten - jenseits aller persönlichen Beschreibungen - sehen muss, was bleibt: War Ludwig ein guter oder ein schlechter König? Möglicherweise würden wir unsere Urteile, die wir über heutige Menschen treffen, in zweihundert Jahren nicht mehr so treffen. Was von König Ludwig II. bleibt, ist für Bayern doch positiv und unverzichtbar.

          Dem würden Sie, Herr Hilmes, auch nicht widersprechen.

          Oliver Hilmes: Die Bauten von Ludwig dienten eben nicht der Repräsentation der bayerischen Monarchie, dazu liegen sie viel zu weit von den Zentren der Entscheidungen. Der König wollte das auch gar nicht, er hätte das ja als Entehrung empfunden, wenn also das Volk diese Schlösser betreten hätte. Das war den Nachfahren des Königs klar, deshalb hat man bewusst in den Tagen nach seinem Tod die Schlösser geöffnet. Man hat gedacht, wenn wir das den Leuten zeigen, ist jeder überzeugt, dass er verrückt war. Der Schuss ist, wie wir wissen, nach hinten losgegangen. Die Leute haben sich verwundert die Augen gerieben angesichts der Schönheit und der überwältigenden Pracht dieser Gebäude. Dass diese drei Schlösser als sein Vermächtnis bleiben - darüber sind wir wohl einer Meinung.

          Und warum kann man sie nicht mit den Pyramiden vergleichen?

          Hilmes: Weil Ludwig in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelebt hat, und da war sein Verhalten eben doch sehr unzeitgemäß. Das meine ich nicht negativ und nicht wertend, es war einfach sehr unzeitgemäß, Schlösser zu bauen, die man im Grunde gar nicht brauchte, die keine Funktion haben für den Staat und für die Repräsentation.

          Gauweiler: Wofür war der Eiffelturm brauchbar? Er hat der Hauptstadt des Landes ein neues Kennzeichen gegeben. Gerade in seiner Funktionslosigkeit beeindruckt er bis heute. Paris ist ohne den Eiffelturm nicht vorstellbar. Ludwig hat seine Bauten - anders als sein Großvater Ludwig I. - bewusst nicht in die Stadt gestellt, sondern als Phantasielandschaft ins Werk gesetzt, mit der er das Land veredelt und unvergleichlich gemacht hat. Neben den drei Schlössern hat Ludwig mit den Königsbauten auf dem Schachen, dem Maurischen Kiosk in Linderhof, dem Festspielhaus in Bayreuth sein Regierungsprogramm umgesetzt, Bayern zu einer herausragenden Kunst- und Kulturnation zu machen. Dazu passt auch seine Idee, jeder Schüler müsse ein Instrument erlernen, die er als ganz junger König verkündet hat.

          Hilmes: Aber dazu ist es nicht gekommen.

          Gauweiler: Nein, aber wir reden von seiner Vorstellung - wollte er nur irgendetwas ganz allein machen, um es später in die Luft zu sprengen? Es gibt einen Überfluss von Zitaten aus der ganzen Biographie des Königs, die belegen, dass er eine Alternative für Bayern verwirklichen wollte.

          Hilmes: Für seine ersten Regierungsjahre gebe ich Ihnen recht, allerdings können wir die drei Schlösser nicht unter diesem Programm subsumieren. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn er dort ganz allein hätte leben können. Seine „Tischlein deck dich“ in Linderhof und Herrenchiemsee, die man immer als nette Erfindung abtut, zeigen doch sein Bedürfnis, den Kontakt zu seinen Mitmenschen auf das absolute Minimum zu reduzieren. Er hätte sich mit Händen und Füßen gegen einen Erlebnispark gewehrt.

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