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Stadt und Schicksal : Frankfurts Sonnenpferde

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Überfrachteter Stadtkrüppel: Das blinkende Frankfurt der Gegenwart Bild: Jonas Wresch

Von Goethes Geburtsort über das Frankfurt der Nachkriegszeit zur Kapitale der Unanschaulichkeit: Warum man in dieser Stadt trotz sinnlicher Unterversorgung schreiben kann.

          10 Min.

          Um diesen Preis (den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung, d. Red.) entgegenzunehmen bin ich von Frankfurt am Main nach Weimar gefahren. Eine ominöse Reise ist das oder war es jedenfalls, in der eben erst vergangenen und zugleich unendlich weit zurückliegenden Zeit, als die Städte und Landschaften noch ihre unverwechselbaren Eigenschaften besaßen, als die Menschen, die ihnen entstammten, von ihrer Herkunft imprägniert waren und jede Stadt für eine Lebensform stand, die sich deutlich sogar schon von den nächsten Nachbarstädten unterschied. Von Frankfurt am Main nach Weimar führte eine der bedeutsamsten Reisen der deutschen Geschichte; zwischen den beiden Städten lag damals nicht nur eine ganze Reihe von Staatsgrenzen, sondern buchstäblich Welten.

          Die Stadt, die Goethe verließ, war eine viel wichtigere Stadt als das moderne Frankfurt. Sie war Wahl- und Krönungsstadt der römisch-deutschen Kaiser und Könige, sie war die erste der Messestädte und sie war eine eigene freie Republik. Wer heute über die Entstehung der Demokratie in Deutschland und ihre Wurzeln spricht, vergisst gern, wie tief diese Wurzeln reichen. Die Leser von „Dichtung und Wahrheit“, Goethes unschätzbaren Jugenderinnerungen, wissen es: sie reichen bis ins Mittelalter, in den zahlreichen Stadtrepubliken Deutschlands jedenfalls, in denen nicht nur das Patriziat sondern auch die Handwerker an der Machtausübung beteiligt waren. Einem Spielgefährten, der den jungen Goethe hänselt, sein Großvater sei nur ein Schneider gewesen, hält er entgegen: darauf komme es nicht an – in Frankfurt herrsche die Gleichheit aller Bürger, und wie die Austarierung aller Interessen höchst kunstvoll auch ohne allgemeine Wahlen in einem solchen republikanischen Gemeinwesen gelang, wird auf vielen Seiten entfaltet.

          Goethes Freiheit in der Weimarer Hierarchie

          Bei den Krönungen und bei den Staatsakten wurde, so schreibt er zum Stolz der Bürger „das Hunderttausendstel Souveränität“ sichtbar, das der Stadt an der Gesamtsouveränität des Reiches zukam – vielleicht war der Anteil daran sogar noch ein wenig höher. Dies Frankfurt, das Goethe hervorgebracht hatte und das er als junger Mann für immer verließ, war eine Polis – es stand in der ungebrochenen Tradition der antiken Bürgerstädte Griechenlands und es besaß deren Fähigkeit, eine eigenständige Stadt-Persönlichkeit zu entwickeln. Es bedeutete etwas, Bürger von Frankfurt zu sein. Wieviel, das zeigte noch einer meiner Helden im Jahre 1866, als die Freie Reichsstadt von Preußen erobert wurde: der Bürgermeister Fellner, der sich erhängte, als die Stadt ihre Freiheit verlor – ein Selbstmord, den ich auch als Katholik zu bewundern in Anspruch nehme.

          Erste Fotografie des Goethehauses, von Carl Friedrich Vogel aufgenommen zum hundertsten Geburtstag des Dichters im Revolutionsjahr 1849

          Dieser Tod zeigte aber auch den Anspruch der Polis, ihre Bürger mit Haut und Haaren zu besitzen – extra urbem nulla salus. Burckhardt hat diese Seelengefräßigkeit der Stadtrepubliken in ihrer für den einzelnen durchaus auch bedrohlichen Ambivalenz eindrücklich beschrieben. Goethes Vater war davon überzeugt, dass sein Sohn, als er sich auf die Reise nach Weimar machte, die Freiheit des Städters verlieren werde, um der Untertan eines kleinen absolutistischen Monarchen zu werden. In Weimar herrschte nicht die Gleichheit, die Goethe in seiner Heimatstadt rühmte, sondern eine höfische Hierarchie. Und doch bot diese Hierarchie, in der der Dichter freilich seinen Platz ziemlich weit oben angewiesen fand, ihm eine Freiheit, die ihm die Republik nicht hätte garantieren können. Als Goethe nach Weimar reiste, um dort für sein ganzes Leben zu bleiben, wählte er eine persönliche und künstlerische Freiheit, die ihm der Monarch als sein engster Freund zusicherte.

          Von Sonnenpferden gezogen

          Das war einen Preis wert, auch den Umzug in die dörfliche Residenzstadt mit ihrem höchst überschaubaren Publikum aus einer vibrierenden Metropole mit einer breiten wohlhabenden Bürgerschicht. Völlig zurecht hat er den Anstoß, von Frankfurt nach Weimar zu gehen, als einen Anruf des Schicksals verstanden: Goethes Existenz als eine von vielen in einer betriebsamen von Handel und Geldgeschäft lebenden Bürgergemeinschaft ist unvorstellbar; nur an einem Fürstenhof ist er denkbar, in herausragender Stelle neben dem Landesherrn, und dazu war es auch notwendig, dass es sich um einen kleinen Hof handelte – in Wien oder Paris wäre die ihm einzig angemessene Stellung als Dichter-Exzellenz niemals möglich geworden. Ortega y Gasset hat in einem berühmten Essay diese Reise Goethes bedauert und sie für die deutsche Literatur als verhängnisvoll bezeichnet: der Dichter sei im kleinen Weimar in die Idylle vor der Welt geflohen und habe dadurch seine Aufgabe, die deutsche Kultur mit der modernen Zivilisation zu versöhnen, verfehlt, aber eine solche Anlage geht von der chimärischen Voraussetzung aus, man könne ein Leben von seinem Schicksal trennen, was eben so unmöglich ist, wie den Körper von der Seele zu scheiden.

          In einer feierlichen Erregung spricht Goethe von seinem Schicksal, als habe es sich ihm wie eine gegenüberstehende Gewalt offenbart. Am Schluss von Dichtung und Wahrheit, als er beschreibt, wie er die Kutsche nach Weimar, die der Herzog ihm geschickt hatte, besteigt, muss er, um der Ergriffenheit angesichts dieser entscheidenden Lebensstunde Herr zu werden, sich selbst in der Gestalt einer seiner frühen Theaterhelden zitieren, Egmonts herrliche Tirade: „Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefasst, die Zügel festzuhalten, und bald rechts bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum woher er kam.“ Der Rausch dieser Worte springt auch auf den heutigen Leser über, der den Begriff des Schicksals auf das eigene Leben nur mit Unbehaglichkeit anzuwenden wagt. Schicksal, das kommt uns für die Zufälligkeiten unserer Existenz als ein etwas zu groß und schwer geratener Begriff vor.

          Wie ein riesiges Call-Center

          Die Instanzen, die uns etwas unser Leben Beeinflussendes schicken könnten, sind uns hinter dicken Wolken verborgen. Auf dem Weg durch die nachrevolutionären Jahrhunderte haben die Menschen Gewicht abgeworfen; die Schuldunfähigkeit, die sie sich attestieren, hat sie federleicht gemacht. Man mag mit Verwunderung gehört haben, wenn ich behauptete, das Frankfurt der Goethischen Jugendjahre sei eine wichtigere Stadt gewesen als das heutige. Wird in unserem zeitgenössischen Frankfurt nicht über die Wirtschaft von Kontinenten entschieden? Überragen die gläsernen Verwaltungstürme nicht um ein mehrfaches den Domturm, das schönste Bauwerk des alten Frankfurt, der zu Goethes Zeiten bescheiden der „Parrtorn“ genannt wurde? Werden von hier aus nicht Geldsummen bewegt, gegen die die Reichtümer der alten Welt wie der Glasperlenschatz einstiger afrikanischer Häuptlinge anmuten? Alles unbestreitbar und dennoch bleibe ich dabei, das Frankfurt der Goethezeit wichtiger zu nennen, und ich meine damit auch gewichtiger, als eigenständige Stadtskulptur mehr auf die Waage seiner Epoche legend. Das mächtige Verwaltungszentrum, das Frankfurt nach dem Krieg weniger eingepflanzt als überstülpt worden ist, hat einen Stadtkrüppel entstehen lassen, denn die Stadt war viel zu klein dafür.

          Sie hat dieses Administrationszentrum nicht hervorgebracht, es ist in ihr nicht eingewurzelt, es ist kein Werk der Frankfurter und mit der Stadt trotz seiner alles zerwalzenden Übermächtigkeit nicht wirklich verbunden – wie ein riesiges Call-Center könnte es an jedem Ort der Welt etabliert werden – schon morgen könnte es seine Betonzelte anderswo aufschlagen. Die Vorstellung von Frankfurter als Bürgern einer unverwechselbaren Stadt, die von ihr geformt werden und die sie formen, ist heute geradezu absurd. Frankfurt ist ein aus anderen Zeiten stammender und andere Vorstellungen evozierender Name, der unverbunden über einer zwischen Aschaffenburg und Mainz wuchernden Häuschensiedlung schwebt, über der zwar die Sonne noch untergeht, in der es aber an keinem Ort mehr dunkel wird, wahrlich nicht deswegen, weil die Metropole keine Ruhe fände, sondern weil es zur kommunalen Fürsorge gehört, auch einen zwischen Autobahnkreuzen gelegenen Friedhof mit Bogenlampen auszuleuchten.

          Kindheit „in einer Art DDR“

          Dies ist wohlgemerkt nicht das Frankfurt meiner Jugend, die ich ganz hier zugebracht habe. Damals hatte die Stadt noch nicht den Aspekt der Glitzerburg, die von bestimmten Mainbrücken erscheint, wenn sich die paar Hochhäuser perspektivisch zusammenschieben. Ein Kind sieht alles mit unkritischem Blick, aber wenn ich die Bilder meiner Kindheit hervorhole, muss ich mir eingestehen, dass ich in einer Umgebung von überwältigender Hässlichkeit aufgewachsen bin. Es gab nur Hässliches; das Schönste waren noch die zahlreichen Ruinen, die allmählich von den Pflanzen erobert wurden und etwas von romantischen alten Burgen am Rhein an sich hatten; eine ausgebrannte neugotische Kirche, in deren Schatten ich aufgewachsen bin, sah, wenn die Sonne in ihrem Spitzbogenfenster unterging, wie auf einem Caspar David Friedrich-Gemälde aus. Aber sonst der klapprige Wiederaufbau in Unterwäsche-Pastell-Farben, brutale Straßendurchbrüche in der Altstadt, Abriss der gar nicht so wenigen Altstadtreste, die den Krieg überstanden hatten. Und dann begann auch noch der Generalangriff auf das letzte einigermaßen erhaltene gründerzeitliche Viertel der Stadt, das etwa zu zwei Dritteln vernichtet wurde, bevor dem Wahn aus Dummheit und Geldgier Einhalt geboten werden konnte.

          Als die Stadt noch keine Glitzerburg war: Eröffnung des Goethe-Hauses in Frankfurt am 10. Mai 1951 - im Geburtsjahr von Martin Mosebach

          Wenn ich an den grauen Verfall der DDR-Städte denke, der zur Wendezeit natürlich gegen das schick marmorverkachelte und mit eloxierten Spiegeln blinkende Frankfurt scharf abstach, dann kann ich nicht anders, als mir einzugestehen, dass ich im Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre gleichfalls in einer Art DDR herangewachsen bin. Es kam dann mit sechzehn eine erste Italienreise; Verona war die erste italienische Stadt, in die mein Vater meinen Bruder und mich führte, und ich weiß noch, wie fassungslos ich war, als ich zum ersten Mal einen heilen in Jahrhunderten gewachsenen Stadtmechanismus erlebte. Und ich weiß auch noch, dass es nicht die großen Baukunstwerke waren, die mich am meisten beeindruckten, sondern die langen Reihen der anonymen Wohnhäuser, die hier einen gemeißelten Türpfosten, dort einen schönen Türgriff, hier ein vollkommen proportioniertes Fenster, dort ein Madonnenmedaillon aus Stein oder Stuck besaßen.

          Es wurde mir klar, wie unendlich viele Hände notwendig gewesen waren, um ein Ensemble dieser Dichte zu schaffen, die kein Plan jemals hätte verwirklichen können. Und ich war nicht mehr imstande, die zweite Strophe von Goethes Mignon nicht vor allem auf mich zu beziehen: „Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach? Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach und Marmorbilder stehen und sehn dich an: was hat man dir, du armes Kind, getan?“ Das arme Kind war ich. Ich zerfloss im Selbstmitleid, dem der hormonelle Zustand dieser Jahre Süße verlieh. Aber eines stand fest: Zum frühest möglichen Zeitpunkt würde ich Frankfurt verlassen und wahrhaft hinter mir lassen. Das war ein unumstößlicher Entschluss, es gab nur Gründe dafür, keinen dagegen. Und ich habe ihn auch niemals umgestoßen. Seit damals stehe ich ununterbrochen davor, Frankfurt für immer zu verlassen. Warum nicht nach Weimar ziehen? Die Weimarer Schönheit in ihrer Puppenhaftigkeit ist perfekt.

          Der Rat des Direktors

          Ein wenig beunruhigend sind für mich nur die vielen Betten in Dichterhäusern und Schlössern, in denen niemals mehr jemand schlafen, die vielen Tische, die für Mahlzeiten bereit stehen, aber an denen niemals mehr jemand essen wird, das Schloss ohne Herzog und Hof, die Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um die Ecke kommen müssten, dafür nur die ungehemmt wachsende Menge von Papier, die noch mehr anschwillt, wenn etwas von ihr verbrennt. Eine Geisterstadt, ein in der Geschichte der Totenkulte einzigartiger Spezialfall von Grabkammern voller Hausrat der Toten, die zur Besichtigung freigegeben sind. Aber der wahre Grund, dass es mir bis heute nicht gelungen ist, Frankfurt zu verlassen – wobei ich sogar noch in demselben Zimmer arbeite, in das ich mit sechzehn Jahren gezogen bin, liegt natürlich, man ahnt es, nicht in dem Abwägen, was an möglichen Wunschzielen, was an Weimar, Venedig, Paris, New York dann eines Tages doch fatal werden könnte. Es liegt überhaupt nicht an mir und meinem Zaudern. Und wenn schon zaudern, dann ein gleichsam aktives Zaudern, ein Bereitsein, das Erwarten eines Eingreifens des Schicksals.

          Da ist es dann doch wieder da, das Schicksal, das ich eben noch für uns abhanden gekommen erklärt habe. Ich habe durchaus „in unseres Schicksals leichtem Wagen“ Platz genommen, aber die Sonnenpferde, die mit ihm hätten durchgehen müssen, sind ausgeblieben. Und ohne Sonnenpferde habe ich mich partout nicht bewegen wollen. Mein Freund Henning Ritter fragte als junger Mann den verdienten Clemens Heller, Direktor der Maison des sciences de l'homme, wie er seine Karriere beginnen solle. Der alte Mann gab ihm den Rat: „Tun's nix – lassen's sich schieben!“. Es ist als hätte der alte Mann zu mir gesprochen, oder besser, als entspreche dieser weise Rat einem Grundsatz meines Lebens, das nie durch Entschlüsse und Entscheidungen gekennzeichnet war, sondern durch gleitende mir selbst oft lange verborgen gebliebene Entwicklungen. Es ist bei unserem Größten im Übrigen nicht so viel anders gewesen: fort wollte er schon aus Frankfurt, aber das sollte nicht durch seinen eigenen Willensakt, sondern durch eine Einladung geschehen, er wollte sich führen lassen und er fühlte sich geführt. Und bei mir ist diese Einladung eben nie eingetroffen, kein Herzog und keine Frau haben mich dazu verlockt, Frankfurt zu verlassen, jeden Lebensimpuls habe ich in meiner unmittelbaren Umgebung gefunden.

          Vom Vorteil sinnlichen Mangels

          Da wäre ich ein schlechter Deutscher, wenn aus solch einer Erfahrung nicht gleich ein Prinzip gemacht würde: der Autor geht in die Irre, der nach außergewöhnlichen Stoffen und unerhörten Begebenheiten Ausschau hält und ohne sie glaubt nicht erzählen zu können. Was dem Alltäglich-Unspektakulären an Feuer und Farbe nicht abzugewinnen ist, das vermag auch der vermeintlich große Stoff nicht zu gewähren. Intensivieren, verdichten, elektrisch aufladen – das muss mit jedem Stoff geleistet werden und es kann mit jedem Stoff geschehen: die Suche nach dem faszinierenden Milieu, der prall-bunten Umgebung lenkt von dieser Aufgabe nur ab. Unvergessen ist der erste Satz von Hamsuns „Hunger“ – „Kristiania, die Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist“ – damals war das heutige Oslo so groß wie heute Bad Homburg und ist in diesem großen Buch zu einem urbanen Moloch geworden.

          Ich gebe aber gern zu, dass dies Programm für einen jungen Mann zunächst wenig Anziehendes hat. Dostojewskis Petersburg, Prousts Paris, Joyces Dublin, Henry Millers New York, oder um ein paar deutliche Stufen herunterzugehen, Lawrence Durrells Alexandria, schmutzige überfüllte, unübersichtliche auch unheimliche Stadtorganismen, in denen sich hinter jeder Tür andere Welten auftun, die wären das richtige Bett für ein Schriftstellerleben gewesen, da schrieben sich die Romane quasi von selbst, der Autor war vor allem damit beschäftigt, die Überfülle der Eindrücke abzuwehren, es herrschte der embarras de richesse an sinnlichen Eindrücken – und dagegen Frankfurt, die Stadt nicht einfach der sinnlichen Magerkost, sondern die Kapitale der Unanschaulichkeit.

          Die ohne Zweifel vorhandene Kraft Frankfurts, das Geld, verweigert sich vielleicht nirgendwo so sehr wie hier einer Gestaltwerdung – wenn ich anfangs die Stadt ein geistiges Call-Center genannt habe, ein Nichts also, besteht die Pointe ja darin, dass die eigentlichen Call-Center Frankfurts längst nach Indien ausgelagert worden sind – ein Nichts minus Nichts also – das ästhetische Äquivalent wäre vielleicht am besten eine serielle Komposition aus Fax-Pieptönen, aber lesen möchte man so etwas lieber nicht. So machte ich mich denn, bei beständigem Ausbleiben der Sonnenpferde, daran, mein Ressentiment gegenüber dieser Stadt – „Was hat man dir, du armes Kind getan?“ – zu unterdrücken und die Stadt in meinen Erzählungen zu behandeln, wie ein menschenfreundlicher Pfleger von Geisteskranken seine Patienten behandelt: als seien sie gesunde normale Menschen mit einem zu respektierenden Willen – als sei dies eine heile, lebensvolle, gestaltenreiche Stadt, eine Stadt für einen Roman, und mir schien, dass sie das in diesen Erzählungen auch irgendwie wurde, wobei ich mir, wie ich gerne zugebe, gelegentlich die Lizenz gewährte, Eindrücke und Erlebnisse aus fernen Regionen in meine Stadtschilderung reinzumogeln – ob solche halbwillkürlichen Träumereien nur Suggestionen zum Ergebnis hatten, oder ob sie vielleicht ein sorgfältig verborgenes Wirkliches sichtbar machten, wage ich nicht zu entscheiden.

          Es kam dann auch der Zeitpunkt, in dem ich feststellen durfte, dass die Sonnenpferde gar nicht vollständig ausgeblieben waren – sie hielten Abstand, waren aber in meine Nähe gekommen, nur sich vor einen Wagen, einen Schicksalswagen gar spannen lassen wollten sie nicht, sie wollten überhaupt nicht arbeiten, sondern am Flieder in den Vorgärten meiner Straße knabbern und ohne Zaumzeug herumspringen. So mag es die verbleibende Weile gern bleiben.

          Martin Mosebach im Juni in Weimar

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