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Stadt und Schicksal : Frankfurts Sonnenpferde

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Vom Vorteil sinnlichen Mangels

Da wäre ich ein schlechter Deutscher, wenn aus solch einer Erfahrung nicht gleich ein Prinzip gemacht würde: der Autor geht in die Irre, der nach außergewöhnlichen Stoffen und unerhörten Begebenheiten Ausschau hält und ohne sie glaubt nicht erzählen zu können. Was dem Alltäglich-Unspektakulären an Feuer und Farbe nicht abzugewinnen ist, das vermag auch der vermeintlich große Stoff nicht zu gewähren. Intensivieren, verdichten, elektrisch aufladen – das muss mit jedem Stoff geleistet werden und es kann mit jedem Stoff geschehen: die Suche nach dem faszinierenden Milieu, der prall-bunten Umgebung lenkt von dieser Aufgabe nur ab. Unvergessen ist der erste Satz von Hamsuns „Hunger“ – „Kristiania, die Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist“ – damals war das heutige Oslo so groß wie heute Bad Homburg und ist in diesem großen Buch zu einem urbanen Moloch geworden.

Ich gebe aber gern zu, dass dies Programm für einen jungen Mann zunächst wenig Anziehendes hat. Dostojewskis Petersburg, Prousts Paris, Joyces Dublin, Henry Millers New York, oder um ein paar deutliche Stufen herunterzugehen, Lawrence Durrells Alexandria, schmutzige überfüllte, unübersichtliche auch unheimliche Stadtorganismen, in denen sich hinter jeder Tür andere Welten auftun, die wären das richtige Bett für ein Schriftstellerleben gewesen, da schrieben sich die Romane quasi von selbst, der Autor war vor allem damit beschäftigt, die Überfülle der Eindrücke abzuwehren, es herrschte der embarras de richesse an sinnlichen Eindrücken – und dagegen Frankfurt, die Stadt nicht einfach der sinnlichen Magerkost, sondern die Kapitale der Unanschaulichkeit.

Die ohne Zweifel vorhandene Kraft Frankfurts, das Geld, verweigert sich vielleicht nirgendwo so sehr wie hier einer Gestaltwerdung – wenn ich anfangs die Stadt ein geistiges Call-Center genannt habe, ein Nichts also, besteht die Pointe ja darin, dass die eigentlichen Call-Center Frankfurts längst nach Indien ausgelagert worden sind – ein Nichts minus Nichts also – das ästhetische Äquivalent wäre vielleicht am besten eine serielle Komposition aus Fax-Pieptönen, aber lesen möchte man so etwas lieber nicht. So machte ich mich denn, bei beständigem Ausbleiben der Sonnenpferde, daran, mein Ressentiment gegenüber dieser Stadt – „Was hat man dir, du armes Kind getan?“ – zu unterdrücken und die Stadt in meinen Erzählungen zu behandeln, wie ein menschenfreundlicher Pfleger von Geisteskranken seine Patienten behandelt: als seien sie gesunde normale Menschen mit einem zu respektierenden Willen – als sei dies eine heile, lebensvolle, gestaltenreiche Stadt, eine Stadt für einen Roman, und mir schien, dass sie das in diesen Erzählungen auch irgendwie wurde, wobei ich mir, wie ich gerne zugebe, gelegentlich die Lizenz gewährte, Eindrücke und Erlebnisse aus fernen Regionen in meine Stadtschilderung reinzumogeln – ob solche halbwillkürlichen Träumereien nur Suggestionen zum Ergebnis hatten, oder ob sie vielleicht ein sorgfältig verborgenes Wirkliches sichtbar machten, wage ich nicht zu entscheiden.

Es kam dann auch der Zeitpunkt, in dem ich feststellen durfte, dass die Sonnenpferde gar nicht vollständig ausgeblieben waren – sie hielten Abstand, waren aber in meine Nähe gekommen, nur sich vor einen Wagen, einen Schicksalswagen gar spannen lassen wollten sie nicht, sie wollten überhaupt nicht arbeiten, sondern am Flieder in den Vorgärten meiner Straße knabbern und ohne Zaumzeug herumspringen. So mag es die verbleibende Weile gern bleiben.

Martin Mosebach im Juni in Weimar

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