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Stadt und Schicksal : Frankfurts Sonnenpferde

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Es wurde mir klar, wie unendlich viele Hände notwendig gewesen waren, um ein Ensemble dieser Dichte zu schaffen, die kein Plan jemals hätte verwirklichen können. Und ich war nicht mehr imstande, die zweite Strophe von Goethes Mignon nicht vor allem auf mich zu beziehen: „Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach? Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach und Marmorbilder stehen und sehn dich an: was hat man dir, du armes Kind, getan?“ Das arme Kind war ich. Ich zerfloss im Selbstmitleid, dem der hormonelle Zustand dieser Jahre Süße verlieh. Aber eines stand fest: Zum frühest möglichen Zeitpunkt würde ich Frankfurt verlassen und wahrhaft hinter mir lassen. Das war ein unumstößlicher Entschluss, es gab nur Gründe dafür, keinen dagegen. Und ich habe ihn auch niemals umgestoßen. Seit damals stehe ich ununterbrochen davor, Frankfurt für immer zu verlassen. Warum nicht nach Weimar ziehen? Die Weimarer Schönheit in ihrer Puppenhaftigkeit ist perfekt.

Der Rat des Direktors

Ein wenig beunruhigend sind für mich nur die vielen Betten in Dichterhäusern und Schlössern, in denen niemals mehr jemand schlafen, die vielen Tische, die für Mahlzeiten bereit stehen, aber an denen niemals mehr jemand essen wird, das Schloss ohne Herzog und Hof, die Stadt ohne die Geistesriesen, die hier eigentlich um die Ecke kommen müssten, dafür nur die ungehemmt wachsende Menge von Papier, die noch mehr anschwillt, wenn etwas von ihr verbrennt. Eine Geisterstadt, ein in der Geschichte der Totenkulte einzigartiger Spezialfall von Grabkammern voller Hausrat der Toten, die zur Besichtigung freigegeben sind. Aber der wahre Grund, dass es mir bis heute nicht gelungen ist, Frankfurt zu verlassen – wobei ich sogar noch in demselben Zimmer arbeite, in das ich mit sechzehn Jahren gezogen bin, liegt natürlich, man ahnt es, nicht in dem Abwägen, was an möglichen Wunschzielen, was an Weimar, Venedig, Paris, New York dann eines Tages doch fatal werden könnte. Es liegt überhaupt nicht an mir und meinem Zaudern. Und wenn schon zaudern, dann ein gleichsam aktives Zaudern, ein Bereitsein, das Erwarten eines Eingreifens des Schicksals.

Da ist es dann doch wieder da, das Schicksal, das ich eben noch für uns abhanden gekommen erklärt habe. Ich habe durchaus „in unseres Schicksals leichtem Wagen“ Platz genommen, aber die Sonnenpferde, die mit ihm hätten durchgehen müssen, sind ausgeblieben. Und ohne Sonnenpferde habe ich mich partout nicht bewegen wollen. Mein Freund Henning Ritter fragte als junger Mann den verdienten Clemens Heller, Direktor der Maison des sciences de l'homme, wie er seine Karriere beginnen solle. Der alte Mann gab ihm den Rat: „Tun's nix – lassen's sich schieben!“. Es ist als hätte der alte Mann zu mir gesprochen, oder besser, als entspreche dieser weise Rat einem Grundsatz meines Lebens, das nie durch Entschlüsse und Entscheidungen gekennzeichnet war, sondern durch gleitende mir selbst oft lange verborgen gebliebene Entwicklungen. Es ist bei unserem Größten im Übrigen nicht so viel anders gewesen: fort wollte er schon aus Frankfurt, aber das sollte nicht durch seinen eigenen Willensakt, sondern durch eine Einladung geschehen, er wollte sich führen lassen und er fühlte sich geführt. Und bei mir ist diese Einladung eben nie eingetroffen, kein Herzog und keine Frau haben mich dazu verlockt, Frankfurt zu verlassen, jeden Lebensimpuls habe ich in meiner unmittelbaren Umgebung gefunden.

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