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Stadt und Schicksal : Frankfurts Sonnenpferde

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Sie hat dieses Administrationszentrum nicht hervorgebracht, es ist in ihr nicht eingewurzelt, es ist kein Werk der Frankfurter und mit der Stadt trotz seiner alles zerwalzenden Übermächtigkeit nicht wirklich verbunden – wie ein riesiges Call-Center könnte es an jedem Ort der Welt etabliert werden – schon morgen könnte es seine Betonzelte anderswo aufschlagen. Die Vorstellung von Frankfurter als Bürgern einer unverwechselbaren Stadt, die von ihr geformt werden und die sie formen, ist heute geradezu absurd. Frankfurt ist ein aus anderen Zeiten stammender und andere Vorstellungen evozierender Name, der unverbunden über einer zwischen Aschaffenburg und Mainz wuchernden Häuschensiedlung schwebt, über der zwar die Sonne noch untergeht, in der es aber an keinem Ort mehr dunkel wird, wahrlich nicht deswegen, weil die Metropole keine Ruhe fände, sondern weil es zur kommunalen Fürsorge gehört, auch einen zwischen Autobahnkreuzen gelegenen Friedhof mit Bogenlampen auszuleuchten.

Kindheit „in einer Art DDR“

Dies ist wohlgemerkt nicht das Frankfurt meiner Jugend, die ich ganz hier zugebracht habe. Damals hatte die Stadt noch nicht den Aspekt der Glitzerburg, die von bestimmten Mainbrücken erscheint, wenn sich die paar Hochhäuser perspektivisch zusammenschieben. Ein Kind sieht alles mit unkritischem Blick, aber wenn ich die Bilder meiner Kindheit hervorhole, muss ich mir eingestehen, dass ich in einer Umgebung von überwältigender Hässlichkeit aufgewachsen bin. Es gab nur Hässliches; das Schönste waren noch die zahlreichen Ruinen, die allmählich von den Pflanzen erobert wurden und etwas von romantischen alten Burgen am Rhein an sich hatten; eine ausgebrannte neugotische Kirche, in deren Schatten ich aufgewachsen bin, sah, wenn die Sonne in ihrem Spitzbogenfenster unterging, wie auf einem Caspar David Friedrich-Gemälde aus. Aber sonst der klapprige Wiederaufbau in Unterwäsche-Pastell-Farben, brutale Straßendurchbrüche in der Altstadt, Abriss der gar nicht so wenigen Altstadtreste, die den Krieg überstanden hatten. Und dann begann auch noch der Generalangriff auf das letzte einigermaßen erhaltene gründerzeitliche Viertel der Stadt, das etwa zu zwei Dritteln vernichtet wurde, bevor dem Wahn aus Dummheit und Geldgier Einhalt geboten werden konnte.

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Wenn ich an den grauen Verfall der DDR-Städte denke, der zur Wendezeit natürlich gegen das schick marmorverkachelte und mit eloxierten Spiegeln blinkende Frankfurt scharf abstach, dann kann ich nicht anders, als mir einzugestehen, dass ich im Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre gleichfalls in einer Art DDR herangewachsen bin. Es kam dann mit sechzehn eine erste Italienreise; Verona war die erste italienische Stadt, in die mein Vater meinen Bruder und mich führte, und ich weiß noch, wie fassungslos ich war, als ich zum ersten Mal einen heilen in Jahrhunderten gewachsenen Stadtmechanismus erlebte. Und ich weiß auch noch, dass es nicht die großen Baukunstwerke waren, die mich am meisten beeindruckten, sondern die langen Reihen der anonymen Wohnhäuser, die hier einen gemeißelten Türpfosten, dort einen schönen Türgriff, hier ein vollkommen proportioniertes Fenster, dort ein Madonnenmedaillon aus Stein oder Stuck besaßen.

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