https://www.faz.net/-gqz-7b080

Stadt und Schicksal : Frankfurts Sonnenpferde

  • -Aktualisiert am

Von Sonnenpferden gezogen

Das war einen Preis wert, auch den Umzug in die dörfliche Residenzstadt mit ihrem höchst überschaubaren Publikum aus einer vibrierenden Metropole mit einer breiten wohlhabenden Bürgerschicht. Völlig zurecht hat er den Anstoß, von Frankfurt nach Weimar zu gehen, als einen Anruf des Schicksals verstanden: Goethes Existenz als eine von vielen in einer betriebsamen von Handel und Geldgeschäft lebenden Bürgergemeinschaft ist unvorstellbar; nur an einem Fürstenhof ist er denkbar, in herausragender Stelle neben dem Landesherrn, und dazu war es auch notwendig, dass es sich um einen kleinen Hof handelte – in Wien oder Paris wäre die ihm einzig angemessene Stellung als Dichter-Exzellenz niemals möglich geworden. Ortega y Gasset hat in einem berühmten Essay diese Reise Goethes bedauert und sie für die deutsche Literatur als verhängnisvoll bezeichnet: der Dichter sei im kleinen Weimar in die Idylle vor der Welt geflohen und habe dadurch seine Aufgabe, die deutsche Kultur mit der modernen Zivilisation zu versöhnen, verfehlt, aber eine solche Anlage geht von der chimärischen Voraussetzung aus, man könne ein Leben von seinem Schicksal trennen, was eben so unmöglich ist, wie den Körper von der Seele zu scheiden.

In einer feierlichen Erregung spricht Goethe von seinem Schicksal, als habe es sich ihm wie eine gegenüberstehende Gewalt offenbart. Am Schluss von Dichtung und Wahrheit, als er beschreibt, wie er die Kutsche nach Weimar, die der Herzog ihm geschickt hatte, besteigt, muss er, um der Ergriffenheit angesichts dieser entscheidenden Lebensstunde Herr zu werden, sich selbst in der Gestalt einer seiner frühen Theaterhelden zitieren, Egmonts herrliche Tirade: „Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts als, mutig gefasst, die Zügel festzuhalten, und bald rechts bald links, vom Steine hier, vom Sturze da, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum woher er kam.“ Der Rausch dieser Worte springt auch auf den heutigen Leser über, der den Begriff des Schicksals auf das eigene Leben nur mit Unbehaglichkeit anzuwenden wagt. Schicksal, das kommt uns für die Zufälligkeiten unserer Existenz als ein etwas zu groß und schwer geratener Begriff vor.

Wie ein riesiges Call-Center

Die Instanzen, die uns etwas unser Leben Beeinflussendes schicken könnten, sind uns hinter dicken Wolken verborgen. Auf dem Weg durch die nachrevolutionären Jahrhunderte haben die Menschen Gewicht abgeworfen; die Schuldunfähigkeit, die sie sich attestieren, hat sie federleicht gemacht. Man mag mit Verwunderung gehört haben, wenn ich behauptete, das Frankfurt der Goethischen Jugendjahre sei eine wichtigere Stadt gewesen als das heutige. Wird in unserem zeitgenössischen Frankfurt nicht über die Wirtschaft von Kontinenten entschieden? Überragen die gläsernen Verwaltungstürme nicht um ein mehrfaches den Domturm, das schönste Bauwerk des alten Frankfurt, der zu Goethes Zeiten bescheiden der „Parrtorn“ genannt wurde? Werden von hier aus nicht Geldsummen bewegt, gegen die die Reichtümer der alten Welt wie der Glasperlenschatz einstiger afrikanischer Häuptlinge anmuten? Alles unbestreitbar und dennoch bleibe ich dabei, das Frankfurt der Goethezeit wichtiger zu nennen, und ich meine damit auch gewichtiger, als eigenständige Stadtskulptur mehr auf die Waage seiner Epoche legend. Das mächtige Verwaltungszentrum, das Frankfurt nach dem Krieg weniger eingepflanzt als überstülpt worden ist, hat einen Stadtkrüppel entstehen lassen, denn die Stadt war viel zu klein dafür.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.