https://www.faz.net/-gqz-7b77d

Soziologe Francesco Masci : Ganz Berlin basiert auf Kitsch

  • -Aktualisiert am

Auf der Seite des Guten: Radfahrer in Berlin Bild: dpa

Für Francesco Masci herrscht in der Bundeshauptstadt eine höhere Ordnung des Nichts. Deshalb fühlen sich die Berliner auch immer im Recht. Hat der Soziologe mit einer Schwäche für dunklen Wissenschaftsjargon recht?

          4 Min.

          Es ist eine klassische Szene an Bord einer easyJet-Maschine auf dem Flug von Paris nach Berlin. Als der Airbus sich der deutschen Hauptstadt nähert, läuft ein Schauder über den Rücken der Neulinge, den Guide du Routard auf den Knien, erregt von dem Gedanken, die letzte wilde Großstadt Europas zu durchstreifen, den Kopf voller zehn oder zwanzig Jahre alter Bilder, angelockt von der Aussicht, mit Graffiti überzogene (falsch) Mauerstücke, verfallene Fabriken und (einst) zum Underground gehörige Clubs zu entdecken. In den sozialen Netzwerken hält man die Legende lebendig, indem man Fotos des Roten Sterns, des Trabant und des im Morgennebel verlorenen Fernsehturms verbreitet.

          Man ist in Berlin, der Hauptstadt der Gegenkultur und der Freiheit. Gegen diese Mythen, diese von einem „Tourismus der Revolte und der schöpferischen Kraft“ genährte Kulturfolklore, wendet sich Francesco Masci, ein sechsundvierzigjähriger italienischer Soziologe, der gerade in französischer Sprache bei den Éditions Allia in Paris ein kleines ambitioniertes Buch mit dem Titel „Die Ordnung herrscht in Berlin“ veröffentlicht hat – so lautete der Titel des letzten Artikels, den Rosa Luxemburg in der Roten Fahne publizierte, geschrieben kurz vor ihrer Ermordung durch die Freikorps und dem Scheitern der spartakistischen Revolution.

          Das Fahrrad als Sinnbild der Reinheit

          Francesco Masci kritisiert „eine neue, höchst unwahrscheinliche Ordnung, die sich mit den herkömmlichen politischen Kategorien nur schwer erfassen lässt, eine Ordnung, die auf minimalem Einsatz von Gewalt basiert und dennoch ebenso zwingend und unerbittlich ist wie die von Rosa Luxemburg angeprangerte“. Diese Ordnung vereint Freiheit, Gehorsam und Chaos miteinander. Sie wird ständig von leerlaufenden Bildern gespeist, die ihrerseits von der Fiktion emanzipierter, rebellischer und kreativer Individuen in einer postpolitischen Welt genährt werden, all das unter dem Zeichen der „unendlichen Ruhe“ der Kultur, einer „absoluten Kultur“, einer Art „Maschine zur Reproduktion selbstreferenzieller Bilder und Ereignisse; eine Maschine, die die Zeitlichkeit in Richtung einer unbestimmten Zeit des Versprechens umkodiert“.

          Seit dem Fall der Mauer sei Berlin zum Vorposten des Umschlags in Richtung einer von Bildern organisierten Moderne und einer allgemeinen Kapitulation vor der Fiktion des autonomen Individuums geworden. Berlin als Endpunkt der Moderne: Unter den Pflastern der Stadt die Leere, ein Nichts libertären Charakters, ein Nihilismus in spektakulärem und modischem Gewande. Wo das Reale fiktives Objekt wird.
          „Die fiktive Subjektivität entfaltet sich in einem konfliktfreien Raum, in dem die Freiheit weder eine Forderung ist noch ein Recht, noch auch ein angestrebtes Ziel (…) Als reine Produkte der Ästhetik ersetzen die Ereignisse von jeher aktiv Tatsachen durch Fiktionen, indem sie eine subjektive, von jeglichem realen Inhalt entleerte Freiheit zum einzigen Bewertungskriterium erheben.“

          Das Reich des Guten

          Francesco Masci frönt einem kleinen Laster – er pflegt einen äußerst dunklen Wissenschaftsjargon und liebt geschraubte Wendungen, die den Leser verwirren. Am Telefon jedoch – der Soziologe lebt gerade in Berlin – wird vieles klarer. Er liebt die Stadt leidenschaftlich und hat mehrere Jahre dort verbracht, aber ihre Entwicklung und insbesondere ihre „Umwandlung in einen Park voller kultureller Attraktionen“ empfindet er zunehmend als enttäuschend. Er sagt, Berlin habe die Bodenhaftung verloren und verschwinde mit der Zeit hinter einem Rauchvorhang, hinter selbstgefälligen Bilden bar jeden Sinns, die allenfalls noch eine gewisse Folklore zu speisen vermöchten: Der im ideologischen Zentrum der „neuen Ordnung“ eingerichtete Technoclub Berghain, die Hausbesetzungen, die Krawalle am 1. Mai, seine Majestät der Radfahrer… Die Stadt habe den absoluten individuellen Spaß zum Dogma erhoben – und als solches organisiert, indem sie Spannungen und Konflikte jeglicher Art glätte und alles ebenso wie dessen Gegenteil toleriere, wodurch sie die Politik durch ein „Ungeheuer mit drei Köpfen: Moral, Ästhetik und Ökonomie“, ersetzt habe. Welche Moral? „Die des Schönen und Guten und Gerechten“, sagt Masci. „Einer gewissen Zenhaftigkeit. Das Fahrrad zum Beispiel ist in Berlin weit mehr als ein Transportmittel, das sich gut für eine ebene Stadt eignet. Der Berliner Radfahrer versteht sein Fahrrad als Sinnbild der Reinheit; er ist davon überzeugt, das Gute zu tun, den anderen überlegen zu sein und deshalb auch alle Rechte zu haben. Bei den Berliner Radfahrern findet sich ein gewisser Faschismus. Und mit der Aufnahme von Künstlern und schöpferischen Menschen oder solchen, die sich so darstellen, ist Berlin der festen Überzeugung, in der absoluten Gerechtigkeit zu leben, dem Reich des Guten anzugehören, weil es kulturelle Freiheit fördert und jedem erlaubt, seine fiktive Subjektivität zu behaupten.“

          Francesco Masci

          In Berlin hat danach „der neue Kulturmensch“, der von einem obsessiven Streben nach Selbstausdruck – seiner raison-d’être – getrieben ist, seine Idealstadt, seine utopische Insel gefunden. Wodurch unterscheidet die Hauptstadt sich von Paris, New York oder London? „Zunächst einmal durch die Funktionsweise“, antwortet Francesco Masci. „In Berlin lassen die von der Stadt vermittelten Bilder oder Bildwelten die Mieten steigen und nicht umgekehrt, wie in anderen Großstädten. Die anderen Städte waren gelegentlich gleichfalls Objekt wahnhafter Vorstellungen (das Paris der Bohème Anfang der 1950er Jahre, das kaputte New York der 1970er und 1980er Jahre), aber ihre Identität basiert nicht auf Phantasiebildern ihrer selbst, auf einem gewissen Kitsch. In Berlin ist genau das heute der Fall. Die Stadt ist ihrer bildhaften Identität so nachhaltig beraubt worden, dass sie sich inzwischen ein austauschbares Bild zugelegt hat. In Paris oder New York reibt man sich an Zwängen, und seien es auch ökonomische und finanzielle, und am Gewicht der Traditionen.“ Man reibt sich also letztlich an einer gewissen geschichtlichen Kontinuität. Berlin bezeichnet nach Masci dagegen keinen geographischen Ort mehr. Die Stadt habe ihr Territorium verlassen oder neutralisiert und sei zu einem Begriff geworden, weil sie ihre Identität wie auch ihre Geschichte verleugne.

          Das hyperpolitische Erbe

          Aber da irrt Masci, wie ich meine. Es stimmt, dass die ersten Monate eines neuen Lebens in Berlin verwirrend sind, wenn man aus einer so stark politisierten Gesellschaft wie der französischen kommt. Es ist schon ein seltsames Gefühl, in einer Stadt des Juste-Milieu zu leben, in der ein etwas schlaffer und netter ökologisch-sozialdemokratischer Konsens herrscht, gleichsam abseits von und sicher vor den Erschütterungen der Geschichte. Aber das ist meines Erachtens die Folge der Geschichte der Stadt. Es ist die logische Folge ihres 20. Jahrhunderts, das hyperpolitisch war, vom wilhelminischen Berlin mit seinen Träumen von Glanz und Gloria bis hin zu Hitlers wahnsinniger Germania, vom apokalyptischen Pessimismus des Westberliner Untergrunds bis hin zum technokratischen Optimismus und der Unterdrückung der Freiheit im Ostberlin der DDR.

          Berlin ist heute eine postpolitische Stadt, in der manche Bewohner sich viele Geschichten erzählen, die von Bildern und einer bestimmten, etwas kitschigen Freiheitsfiktion zehren. Sei’s drum. Berlin hat Schwächen, die Masci anprangert und die recht irritierend erscheinen können. Aber dass es heute mitten in Europa eine Insel dieser Art gibt, ist auch wieder nicht schlecht.

          Weitere Themen

          Weltloses Melodrama Video-Seite öffnen

          Filmkritik „The Kindness of Strangers“ : Weltloses Melodrama

          Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit ihrem neusten Film ein unrealistisches Melodrama entworfen, findet F.A.Z.-Redakteur Andreas Kilb. Warum sich ein Besuch im Kino trotzdem lohnt, verrät die Videofilmkritik.

          Topmeldungen

          Olaf Scholz

          Aktiensteuer : Scholz’ Zerrbild

          Olaf Scholz wollte die Verursacher der Finanzkrise zu Kasse bitten. Doch Algo-Trader oder Derivate-Händler sind – im Gegensatz zu ETF-Sparern und Kleinaktionären – von seiner Steuer nicht betroffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.