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Sozialwissenschaftler Gilles Kepel : Frankreich muss sich neu erfinden

  • Aktualisiert am

Präsident Hollande mit Latifa Ibn Ziaten, der Mutter eines der Opfer von Mohamed Merah. Sie engagiert sich heute gegen den Islamismus. Bild: dpa

Heimischer Islamismus, Terrorismus und immer Sorgen um die Vorstädte. Wie steht es um die kulturelle Identität Frankreichs?

          7 Min.

          Gilles Kepel, der Islam war eines der großen Themen der Präsidentschaftswahl, war Gegenstand zahlloser Meinungsumfragen, und nun scheinen die Franzosen wütend auf ihn zu sein. Wo liegen die Gründe für dieses Unbehagen?

          Mohamed Merahs Anschläge waren ein traumatisches Ereignis, und die Nachwirkungen dieser Morde sind immer noch zu spüren. Ein französischer Muslim tötete kaltblütig französische Soldaten und jüdische Kinder. Im Blick auf das Selbstgefühl der Nation hätte man kaum Schlimmeres tun können. Schon der Aufruhr in den Banlieues 2005 hatte die Franzosen erschüttert. Aber dieser Aufruhr war auch ein Hilferuf, eine Forderung nach stärkerer Partizipation an der französischen Gesellschaft, Zeichen einer gewaltigen sozialen Unruhe. Mit Merah hat die Sache eine ganz andere Wendung genommen. Mit Merah brachte ein französischer Staatsbürger den Hass und den Dschihad auf französischen Boden. Die Franzosen sind natürlich verunsichert. Das Misstrauen wächst, und sie fragen sich, mit wem sie es zu tun haben und ob weitere Merahs sich in ihrer Mitte verbergen, ob viele Muslime ihre Bindung an Frankreich nur vortäuschen und in dieser Hinsicht nicht die Wahrheit sagen...

          Andere Blutbäder hat man gerade noch verhindern können. Im vergangenen Oktober erschoss die Polizei Jeremy Sidney, einen Konvertiten und Anhänger des radikalen Islam, der an einem Anschlag auf ein jüdisches Lebensmittelgeschäft beteiligt war und als Anführer einer gleichfalls zerschlagenen Zelle weitere antisemitische Anschläge plante.

          So ist es. Dieser neue Fall schürt das Misstrauen, das große Unbehagen, vor allem deshalb, weil Sidney und seine Gefolgsleute Konvertiten sind. Merah hat ein Tabu gebrochen. Er hat das Undenkbare zu einer banalen Tatsache gemacht. Die laue Verurteilung seitens der islamischen Vereinigungen in Frankreich hat nichts geholfen, sondern das Misstrauen der meisten Franzosen nur noch verstärkt.

          Warum haben diese Vereinigungen Merah nicht entschiedener verurteilt, und warum haben wir ganz allgemein in Europa keine großen Demonstrationen erlebt, die von islamischen Vereinigungen zum Protest gegen die Anschläge in Madrid 2004 oder in London 2005 organisiert worden wären, wie es die Basken nach einem in ihrem Namen von Eta verübten Anschlag getan haben?

          Ich glaube, diese Vereinigungen sind in einer Verweigerungshaltung gefangen und haben das Ausmaß des Unbehagens noch gar nicht erkannt. Ihre Mitglieder meinen, diese Mordanschläge beträfen sie nicht, sie hätten nichts damit zu tun, und deshalb gehen sie auch nicht auf die Straße.

          Aber sie gehen regelmäßig für Palästina auf die Straße...

          Ja. Ich denke, viele dieser Vereinigungen haben Angst, manipuliert zu werden. Vor allem von den Medien, von den Juden.

          Sprechen wir über den Antisemitismus in der Banlieue. Ist er so weit verbreitet, wie man behauptet?

          Sagen wir, es gibt dort heute eine Fixierung auf die Juden, eine starke Ablehnung und zugleich eine Faszination für die Art, wie die Juden sich in Frankreich organisiert haben. Die Ablehnung zeigte sich zum Beispiel in den zahlreichen zustimmenden Reaktionen in den sozialen Medien nach Merahs Mordanschlägen oder in den mit versteckter Kamera gefilmten Bekenntnissen seiner Schwester, die sich dort zu extrem antisemitischen Äußerungen hinreißen ließ. Die jungen Leute in der Banlieue sind auf Gaza und die Palästinenser fixiert. Sie haben sie zu Symbolen stilisiert. Sie sagen: „Ich habe nichts gegen die Juden, aber sie unterstützen Israel, das Kinder ermordet, also...“ Außerdem sind die Juden zum Objekt von Wahnvorstellungen geworden. Sie werden gefürchtet und respektiert, weil sie nach Ansicht der Muslime nicht in der französischen Gesellschaft aufgegangen sind. In den Augen vieler Muslime hat der französische Laizismus das Christentum in Frankreich ausgehöhlt, und sie fürchten, der Islam werde dasselbe Schicksal erleiden. Daher ihre Faszination für die jüdische Gemeinschaft, die es geschafft hat, an ihren Traditionen und der koscheren Ernährung festzuhalten, und deren Mitglieder untereinander heiraten. Sie haben diese Gemeinschaft zum Vorbild erhoben, vor allem im Blick auf das Halal-Fleisch, das sich am Vorbild der koscheren Nahrungsmittel orientiert.

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