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Sartre contra Camus : „Er bewunderte ihn – und wollte ihn verletzen“

Links Camus und rechts Sartre - Vincent von Wroblewsky sagt: „Ich finde es bedauerlich und falsch, dass heute immer wiederholt wird: Camus hatte Recht, Sartre hatte Unrecht.“ Bild: AFP, AP

Am 7. November wäre Albert Camus hundert Jahre alt geworden. Seine Verklärung ist in vollem Gange. Ein Gespräch mit dem Sartre-Kenner Vincent von Wroblewsky über den vielsagenden Streit der beiden französischen Ikonen.

          10 Min.

          Welche Lektüre-Erfahrungen verbinden Sie mit Camus?

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Ich habe früh Bücher von Camus gelesen, die mich begeistert haben: „Der Fremde“, ein großartiges Buch, „Die Pest“. Es gibt auch Bücher, zu denen ich einen gewissen Abstand halte, von denen ich nicht so überzeugt bin. Ich habe vor ein paar Jahren den „Mythos des Sisyphos“ neu übersetzt. Ich schätze seine Sprache, aber dieses Buch macht auch die Grenzen von Camus’ Denken bewusst.

          Was meinen Sie damit?

          Ich bin den Quellen nachgegangen und habe bemerkt: Vieles kommt bei Camus aus zweiter Hand, das hat ihm schon Jean-Paul Sartre in seiner berühmten Polemik vorgeworfen. Er stützt sich stark auf Sekundärliteratur.

          Worum ging es in der Kritik Sartres an „Der Mensch in der Revolte“?

          In der Redaktion der Zeitschrift „Les Temps modernes“, begründet von Sartre, hat man nach dem Erscheinen des Buches lange über das Vorgehen diskutiert und gewartet. Man fand das Buch nicht gut, wollte aber auch Camus nicht kränken, und das Buch nicht zu besprechen war nicht möglich. Ebenso wenig wie ein Verschweigen der Kritik. Francis Jeanson schrieb eine Rezension, die sehr viel heftiger ausfiel, als beabsichtigt war. Und auch demütigend . Camus, seit Jahren mit Sartre eng befreundet, schrieb als Reaktion auf Jeansons Besprechung einen Brief adressiert an „Monsieur le Directeur“. Er machte darin keine Unterschiede zwischen Sartre und dem Artikel, den immerhin ein anderer geschrieben hatte und dem er direkt hätte antworten können. Camus sprach entweder von „ihrem Mitarbeiter“, ohne Jeanson zu nennen, oder von „ihrem Artikel“, als wäre Sartre der Verfasser.

          Sartres Reaktion wiederum war derart vernichtend, dass der Bruch unausweichlich wurde. Es war für den brillanten Absolventen der Ecole Normale Supérieure einfach, mit seinem Wissen, seiner Erfahrung, seine philosophische Überlegenheit gegen Camus auszuspielen. Camus kam aus ganz anderen, einfachen Verhältnissen, für den begabten Sohn einer Analphabetin aus Algerien bedeutete die Aneignung der französischen Kultur, der klassischen Bildung einen sozialen Aufstieg. Sartre dagegen, dem Bildungsbürgertum entstammend, war sein Leben lang bemüht, sich der Bourgeoisie zu entreißen, gegen sie zu denken. Mehrere Ebenen kamen also zusammen, die persönliche Verletzung, die unterschiedliche soziokulturelle Herkunft, ein anderes Wertesystem und natürlich auch die Verschiedenheit der Persönlichkeiten, ihres In-der-Welt-Seins, um einen existentialistischen Begriff zu gebrauchen. Sartre verfuhr ziemlich schonungslos mit Camus, es gab in seiner Replik durchaus berechtigte Einwände, aber auch Vorwürfe und Formulierungen, von denen er wissen konnte, dass sie Camus sehr treffen und verletzen würden. Daneben gibt es aber auch Passagen, in denen Sartre von Camus mit großer Bewunderung und Anerkennung spricht – er bezieht sich allerdings mehr auf einen vergangenen Camus, was seine aktuelle Kritik umso treffender machte.

          In der Sache, in philosophischer Hinsicht, geben Sie Sartre Recht?

          Ja, durchaus. Und interessant ist dabei auch, dass Sartre zentrale Begriffe seiner Philosophie wie den der Freiheit im Vergleich zu früheren Texten von anderen Seiten beleuchtet, in mancher Hinsicht schärfer fasst, was dieser Antwort an Camus über den unmittelbaren polemischen Anlass hinaus auch eine Bedeutung für die Entwicklung des Sartreschen Denkens verleiht. Ähnliches gilt für seine Klarstellung hinsichtlich seines Geschichtsbegriffs.

          Und politisch?

          Das ist sehr kompliziert. Ich finde es bedauerlich und falsch, dass heute immer wiederholt wird: Camus hatte Recht, Sartre hatte Unrecht. Dabei wird vor allem Camus‘ Vorwurf aufgegriffen, in der Kritik von Jeanson würde die Existenz der sowjetischen Straflager verschwiegen. Sartre geht in seiner Antwort ausführlich darauf ein und zitiert die in den „Temps Modernes“ abgedruckten Stellungnahmen kurz nach den Enthüllungen durch David Rousset, und auch den Leitartikel „Die Tage unseres Lebens“, den Sartre und Merleau-Ponty gemeinsam unterzeichneten. In seiner Antwort wiederholt Sartre seine Haltung: „Ja, Camus, ich finde diese Lager wie Sie untragbar: aber ebenso untragbar die Art, wie die ‚sogenannte bürgerliche Presse‘ sie jeden Tag ausschlachtet. Ich sage nicht: der Madagasse vor dem Turkmenen: ich sage nur, dass es nicht angeht, die dem Turkmenen zugefügten Leiden zur Rechtfertigung derjenigen heranzuziehen, die wir dem Madagassen antun.“ Diese Texte sind auch heute nachlesbar, und es fällt mir schwer zu verstehen, wie eine interessante und lesenswerte Reportage wie die von Iris Radisch in der „Zeit“ vom 17. Oktober zu einem ebenso überflüssigen wie unhaltbaren Schluss kommen kann: „Camus war noch nie ein Mann der großen Antworten. Die Rolle war bereits von Sartre und den Sartrianern besetzt, die überall das große Wort schwangen und über die große Geschichte und deren höhere Ziele lamentierten.

          Ziele, die viele Opfer gekostet und die sich die Großmäuler an ihren kleinen Redaktionstischen aber einfach nur ausgedacht hatten. Sartre und sein Mitarbeiter Merleau-Pontry waren damals bereit, den stalinistischen Terror zähneknirschend hinzunehmen in der Hoffnung, dass ihre geschichtsphilosophischen Fantasien in ferner Zukunft in Erfüllung gingen. Die Geschichte hat dann aber Camus Recht gegeben. Sein Denken war offener und ungesicherter…“ Wenigstens erfährt man nach der falschen Behauptung, Sartre und Merleau-Ponty hätten den stalinistischen Terror hingenommen, wenigstens, warum die Geschichte Camus Recht gegeben hat – sein Denken war ungesicherter.

          „Zähneknirschend“ ist doch gar nicht so falsch als Beschreibung. Und in den fünfziger Jahren war Camus doch sehr isoliert und ungeliebt in Paris, ganz besonders nach dem Literaturnobelpreis. Er war der Außenseiter, den Ton gab Sartre an.

          Sartre hielt sein Denken durchaus nicht für „gesichert“, er war sich dessen bewusst, dass wer sich in der Geschichte seiner Zeit engagiert und nicht über sie im Nachhinein urteilen will, sich der Gefahr von Irrtümern und Fehlern aussetzt, doch war ihm dieses Risiko lieber als das gute Gewissen des Unbeteiligtseins. Der Bruch mit Camus steht am Anfang der Phase, in der Sartre sich den Kommunisten und der Sowjetunion vor allem deshalb annähert, weil er der militärisch unterlegenen Sowjetunion ein größeres Interesse an der Erhaltung des Friedens zuspricht, eine Phase, die vier Jahre dauert, von 1952 bis 1956. Sartre und Camus hatten damals eine unterschiedliche Sicht auf die Weltlage und die Entwicklung. Das war 1945 noch nicht so gewesen. Bezüglich der Atombombe als neue Bedrohung waren sie gleicher Meinung, und Camus vielleicht noch ein bisschen klarsichtiger als Sartre. Nach Hiroshima waren auch viele Intellektuelle begeistert von dieser technischen Hochleistung.

          Ganz anders Camus: er schrieb am Tag nach dem Abwurf, am 7. August 1945, dass ein neuer Höhepunkt der Barbarei erreicht sei. Mit dieser Bombe ist eine völlig neue historische Situation entstanden, schrieb er. Kurz danach äußerte sich Sartre in der ersten Ausgabe der „Temps modernes“ im Oktober 1945 ganz ähnlich. Die Menschheit sei nun in der Lage, sich selbst auszulöschen. Die Gattung Mensch ist zum Subjekt geworden und in der Lage, Selbstmord zu begeben. Das veränderte die Situation, die Menschheit hat nun als Subjekt eine Verantwortung für ihren Fortbestand. Das unterstreichen beide. Camus erkennt auch sofort, dass der Abwurf der Atombomben auch gegen die Potsdamer Verträge gerichtet war, die vier Tage vorher unterzeichnet wurden. Sie seien nun völlig bedeutungslos, es spiele keine Rolle mehr, dass die Russen in Königsberg sind und die Türken auf den Dardanellen, zitiert er den Korrespondenten der Presseagentur Reuters. Denn fortan hatten die Amerikaner das militärische Monopol, die Vormacht.

          Wie kam es dann doch zum Bruch?

          Für Sartre bestand die Folgerung darin, dass man angesichts der amerikanischen militärischen Überlegenheit in der Konfrontation der beiden Blöcke im Kalten Krieg nicht Partei ergreifen durfte. Er dachte: die Sowjetunion ist unterlegen und deshalb am Frieden interessiert. Sie will verhindern, dass ein Krieg ausbricht, auch auf Grund ihrer inneren Entwicklung. Er neigte deshalb dazu, sich auf die Seite des Schwächeren zu schlagen – aber ohne eine prinzipielle Entscheidung zu fällen. Er wollte einen Dritten Weg, und hat den ja auch in Frankreich gesucht. Er wollte ein starkes, selbständiges, sozialistisches, demokratisches Europa zwischen den Blöcken. Das vermitteln könnte.

          Schließlich bezogen Camus und Sartre auch im Algerienkrieg unterschiedliche Positionen.

          Camus war in Algerien verwurzelt, fühlte sich den Franzosen in Algerien verbunden. Er konnte oder wollte sich ein freies, unabhängiges Algerien ohne die Algerienfranzosen, die „pieds noirs“, nicht vorstellen. Für Sartre war es eine Selbstverständlichkeit. Seine Position ergibt sich auch aus seinem Konzept der Freiheit. Auch die Völker haben ein Recht auf Selbstbestimmung. Kurioserweise befand sich Camus mit seiner Haltung, wenn auch aus anderen Gründen und anderer Begründung, gemeinsam mit den Kommunisten auf einer Position, die der Sartres entgegengesetzt war. Die Kommunisten waren der Ansicht, erst müsse der Hauptwiderspruch – der Klassengegensatz in Frankreich und Algerien – gemeinsam gelöst werden, dann erst wäre der Nebenwiderspruch, die nationale Frage, aktuell. Sartre unterschrieb dagegen das Manifest der 121 und unterstützte das Réseau Jeanson, das die FLN, die algerische Befreiungsbewegung, aktiv unterstützte. Sartre brachte das unter anderem ein Bombenattentat der OAS, einer gegen die Unabhängigkeit Algeriens gerichteten Terrororganisation von französischen Militärs ein. Sartre wandte sich auch gegen die von Franzosen in Algerien praktizierte Folter. Seltsamerweise wird in diesem Zusammenhang nicht gesagt, Sartre habe sich immer geirrt.

          Sie haben im Oktober in Berlin einen Sartre-Kongress veranstaltet. War der Konflikt mit Camus noch ein Thema?

          Der Anlass war die Gründung der Zeitung „Libération“ 1973, also 13 Jahre nach Camus‘ Tod, so dass er leider weder an diesem Ereignis noch an dem vorangehenden Mai 1968 beteiligt sein konnte, der mit dieser Zeitungsgründung eng verbunden ist. Insofern spielte Camus nur am Rande eine Rolle, denn es ging auch um das Engagement der Intellektuellen in der Nachkriegszeit und heute, mit den veränderten Möglichkeiten der digitalen Medien. Ich erwähnte vorhin Camus‘ Rolle in der Zeitschrift „Combat“ während der Zeit der Résistance und in der Zeit, als Camus zwischen 1944 und 1947 Chefredakteur dieser Zeitschrift war. Übrigens hieß sie zunächst „Notre Combat“, „Unser Kampf“, als bewusste Entgegensetzung zu Hitlers „Mein Kampf“. Das bringt mich zurück zu jener Zeit, als Sartre und Camus mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen hatten. Ich finde, es wird beiden nicht gerecht, wenn man sich immer und immer wieder auf den Moment ihres Bruchs versteift, nur diesen sieht. Die Beziehung zwischen beiden ist viel reicher und interessanter als der Streit. Sie hatten sich bei der Premiere der „Fliegen“ kennen gelernt, 1943, und vorher hatte jeder schon über den anderen publiziert, Camus rezensierte Sartres „Der Ekel“ noch in Algerien. Sartre lobte den „Fremden“, die Reisen, die er nach dem Krieg in die Vereinigten Staaten machte, wurden im Auftrag der Zeitung „Combat“ unternommen, auf Initiative von Camus.

          Wie erklären Sie sich, dass Camus in den fünfziger Jahren in Paris dann doch so einsam war?

          Die Polemik hat sicher eine Rolle gespielt, und die vernichtende Art, wie Sartre über Camus schrieb. Auch das politische Klima. Es kam hinzu, dass der sehr allgemeine, abstrakte Humanismus von Camus in Zeiten heftiger Konfrontationen politisch nicht sehr wirksam sein konnte. Er war sehr unzeitgemäß.

          Und ist jetzt zeitgemäßer geworden? Camus wird verehrt.

          Ich denke nicht, dass er politisch ergiebiger geworden ist. Wir befinden uns immer noch in einer merkwürdigen Phase, in der neben der zunehmenden Kapitalismuskritik der Kalte Krieg in vielen Köpfen fortlebt, wobei der alte unfruchtbare, aber reale Gegensatz von links und rechts auf die Gegenwart projiziert wird, Man reproduziert das Bild, das für den Kalten Krieg typisch war: es gibt die Guten und die Bösen.

          Camus ist der Gute, Sartre der Böse.

          Das kommt dabei heraus. Sartre wird zum Stalinisten gemacht, der er nie war. Er hat den dogmatischen Marxismus immer kritisiert - ebenso wie die Diktaturen, denen es um ihre Macht ging und nicht um die Emanzipation der Menschen, wie sie vorgaben. Man kann Sartre vieles vorwerfen, auch Irrtümer, aber nicht, sich je zum Fürsprecher der Unterdrückung gemacht zu haben, wo auch immer und durch wen auch immer. Diese Identifizierung Sartres und anderer Intellektueller mit totalitären Regimes dient häufig dazu, Kritiker des heutigen Kapitalismus zu diskreditieren, sie werden ihrerseits mit diesen angeblichen Verteidigern von unterdrückenden Unrechtsregimes identifiziert, die von der Geschichte widerlegt wurden. Insofern hatte Sartre Unrecht und haben heute mit ihm jene Unrecht, die nicht einsehen wollen, dass er Unrecht hatte.

          Und Camus wird heute über Gebühren verklärt?

          Ja. Verklärt in dem Sinne, dass man seine Grenzen nicht sehen will. Seine Kritik der Geschichtsphilosophie, seine Äußerungen über Hegel und Marx in „Der Mensch in der Revolte“ sind nicht überzeugend, sein Humanismus bleibt abstrakt und unverbindlich. Er bleibt jedoch, unabhängig davon, ein wichtiger Zeuge seiner Zeit.

          Wer ist Ihnen persönlich näher – Sartre oder Camus?

          Camus ist ein großartiger Schriftsteller. Ich kann seine Liebe zur Sonne, zur Natur nachvollziehen. Aber sie bleibt mir etwas fremd. Da ist mir Sartre näher: er war der Geschichte, der Veränderung der Welt zugetan. Das ist mir vertrauter. Das hat mehr mit den Erfahrungen meines Lebens zu tun.

          Mit welchen Erfahrungen verbinden Sie das?

          Mit dem Leben in Widersprüchen. Mit der Erfahrung, dass Geschichte eine widersprüchliche, komplizierte Angelegenheit ist. Als Individuum zerrissen zu sein zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Darum geht es auch bei Sartre, für den zeitweilig der Kommunismus mit der Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus verbunden war. Diese Hoffnungen und Enttäuschungen habe ich auch erlebt. Und ich hatte keine Gelegenheit, Trost in der wunderbaren Landschaft des Mittelmeers zu finden, die war mir verschlossen.

          Sie sprechen von Ihrem Leben in der DDR.

          Ja, natürlich. Es gab eine begrenzte Rezeption von Sartre und von Camus, sowohl durch die in der DDR veröffentlichten als durch die über die Grenze geschmuggelten Bücher. Man akzeptierte den Sartre, der sich der Friedensbewegung angenähert hatte. Auch den Antikolonialisten. Der Philosoph aber, der das Individuum in den Mittelpunkt stellt und zum Ausgangspunkt seines Denkens macht, mit dem Pathos der Freiheit, das mir nahe war und ist: er war tabu. Die philosophischen Texte wurden nicht veröffentlicht. Das Theater wurde gedruckt, mit Ausnahme der „Schmutzigen Hände“, die erst 1989 herauskamen. Mit Camus war es ähnlich. „Der Fremde“ und „Die Pest“ waren zugänglich, die Essays nur vereinzelt. „Der Mensch in der Revolte“ konnte nicht veröffentlicht werden.

          Sie haben angedeutet, dass Sartre für Sie ein wichtiger Denker im Umgang mit dem Totalitarismus war. Man wirft Sartre ja inzwischen sehr viel vor – aber dass er in der DDR eine Zuflucht als Denker der Freiheit, eine politische Instanz sein konnte, ist doch sehr bemerkenswert.

          Jedes Denken, das von der offiziellen Linie abwich oder auch nur anders war, wurde als Anregung zu selbstständigem Denken von vielen Lesern geschätzt, und das gilt für Sartre und Camus neben vielen anderen gleichermaßen. Bei Sartre kommt jedoch hinzu, dass für ihn die individuelle Freiheit die wichtigste Grundlage für eine gesellschaftliche Emanzipation und Entwicklung ist: das konnte mit der Ideologie und mit der Wirklichkeit der DDR nicht in Übereinstimmung gebracht werden. Es gab jedoch während des Kalten Krieges immer wieder Zeiten, in denen man hoffen konnte, dass eine Veränderung, eine demokratische Wende, möglich wäre. Zum Beispiel 1956. Man hofft auf ein Tauwetter, hofft, dass die eigenen Ideale verwirklicht werden könnten. Dass man ihnen näher kommt.

          Diese Ideale hatten ja auch bewirkt, dass man sich bis zu einem gewissen Grade mit der sozialistischen Gesellschaft zwar nicht identifizierte, aber doch mit mehr oder weniger kritischer Distanz solidarisierte. Bei allen Einwänden und Enttäuschungen. Eine gerechtere Gesellschaft ohne gigantische Ungleichheiten, verbunden mit der individuellen Freiheit: darauf hofften wir, und dann wurden diese Hoffnungen wieder erstickt. Auch 1968 war Anlass zur Hoffnung: und für uns in der DDR war Prag natürlich sehr viel wichtiger als der Mai in Paris. Wir hielten den Wandel für möglich. Dabei war das kritische Denken von Sartre gerade in seiner Beziehung zum Kommunismus sehr wichtig.

          Vincent von Wroblewsky wurde 1939 in Frankreich geboren, wohin seine Eltern vor Hitler geflohen waren. Der Vater, ein deutscher Kommunist, starb an den Folgen seines Engagements im Widerstand. Im Alter von zehn Jahren kam er mit der Mutter in die DDR, nach Berlin.

Vincent von Wroblewsky  war an der Akademie der Wissenschaften und im Aufbau Verlag tätig. Später wurde er Herausgeber der vorbildlichen Sartre-Ausgabe bei Rowohlt, für die er viele Werke übersetzt hat. Auch Camus übertrug er ins Deutsche. Er ist Präsident der Deutschen Sartre-Gesellschaft und hat Mitte Oktober in Berlin einen Kongress über Sartre organisiert.
          Vincent von Wroblewsky wurde 1939 in Frankreich geboren, wohin seine Eltern vor Hitler geflohen waren. Der Vater, ein deutscher Kommunist, starb an den Folgen seines Engagements im Widerstand. Im Alter von zehn Jahren kam er mit der Mutter in die DDR, nach Berlin. Vincent von Wroblewsky war an der Akademie der Wissenschaften und im Aufbau Verlag tätig. Später wurde er Herausgeber der vorbildlichen Sartre-Ausgabe bei Rowohlt, für die er viele Werke übersetzt hat. Auch Camus übertrug er ins Deutsche. Er ist Präsident der Deutschen Sartre-Gesellschaft und hat Mitte Oktober in Berlin einen Kongress über Sartre organisiert. : Bild: picture-alliance/ ZB

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