https://www.faz.net/-gqz-7adof

Proteste in Brasilien : Umverteilung genügt nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Mit einer Preiserhöhung für Busfahrkarten fing alles an: Nun stellen Proteste in Brasiliens Straßen das System als Ganzes infrage Bild: dpa

Brasilien gilt manchem als Muskelprotz, der vor Kraft kaum laufen könne. Aber wogegen wird dort derzeit protestiert? Es ist eine Attacke auf das politische System und die Mentalität.

          3 Min.

          „Verzeihen Sie den Verkehrsstau, aber wir verändern das Land“, steht an der Autobahnbrücke, die Brasiliens Festland mit der Insel Santa Catarina verbindet. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen ist die Brücke von Demonstranten besetzt, die vor den Augen und unter Mithilfe der Polizei den Verkehr blockieren, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.

          Was als Protest gegen eine Fahrpreiserhöhung um zwanzig Centavos (weniger als zehn Cent) im Busverkehr von Rio und São Paulo begann, ist angeschwollen zu einer Massenbewegung, die sich, klassen- und generationenübergreifend, gegen alles und nichts richtet, wie ein Kommentator bissig bemerkt.

          Mafiose Infiltration der Politik

          In Wahrheit ist das eine hochpolitische Angelegenheit, denn die Fahrpreiserhöhung hat, wie der einen Orkan entfachende Schmetterlingsflügel, eine Tsunami-Woge ausgelöst, die Brasiliens politische Klasse, allen voran die Regierung von Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff, in den Grundfesten erschüttert.

          Was Hunderttausende in den Großstädten des Riesenlandes auf die Straße treibt, sind weniger die Defizite im öffentlichen Nahverkehr als mafiose Strukturen in Parlamenten und Parteien, lokalen Behörden und Regierungsämtern; die Vernachlässigung des für die Lebensqualität wichtigen Natur- und Umweltschutzes, die Missachtung der Rechte der Ureinwohner sowie dubiose Bauvorhaben und Milliardeninvestitionen in neue Fußballstadien, bei denen auch die Korruption der Fifa in den Blick gerät - die Zeiten, wo Sport und Karneval, Samba und Fußball genügten, um von Missständen abzulenken, sind hierzulande vorbei.

          Kampf gegen die Armut

          Zwar wird der Massenprotest auf Facebook und in anderen Netzwerken organisiert, aber mit dem arabischen Frühling hat er wenig zu tun. Brasilien ist keine Diktatur, sondern eine auf Konsens und Kompromiss beruhende Demokratie: Nicht nur die Oligarchie profitiert vom Wirtschaftsboom, mit dessen Hilfe es das reiche Argentinien überflügelt hat.

          Anders als vor zwanzig Jahren sind die Favela-Bewohner heute nicht mehr unterernährt, sondern übergewichtig wie von Fast Food lebende Sozialhilfeempfänger in Harlem oder der Bronx - der Ex-Gewerkschafter Lula hatte der Armut den Kampf angesagt, und in diesem Punkt hat er sein Versprechen eingelöst.

          Die Unmöglichkeit des Dialogs

          Zwar hat der Aufschwung sich verlangsamt und tendiert nun gegen null, doch Brasiliens Jugendrevolte ist kein Ergebnis wirtschaftlicher Not wie in Spanien, sondern richtet sich gegen eine saturierte Gesellschaft wie in der Türkei, wo nicht nur die Studenten fordern, endlich Ernst zu machen mit dem Versprechen der Demokratie.

          Der spontane Protest hat weder eine feste Organisationsstruktur noch gewählte Sprecher oder Anführer, was den Dialog mit der Regierung erschwert, und er wird von zwei Seiten bedroht: von kriminellen Banden, die ihn als Vorwand benutzen, um Supermärkte und Computerläden zu plündern, und von opportunistischen Politikern, die ihn zu kooptieren versuchen, um sich an die Spitze der Bewegung zu stellen.

          Florianopolis ist ein beliebter Ferienort, und das Surfer-Paradies an der Atlantikküste steht nicht im Ruf, ein Brennpunkt sozialer Unruhe zu sein. Umso erstaunlicher, dass nicht Zehn-, sondern Hunderttausende, mobilisiert durch die Medien, sich bei strömendem Regen auf zwei parallel laufenden Autobahnbrücken versammeln, und dass der von Polizeihubschraubern begleitete Protest, anders als in Rio und São Paulo, friedlich bleibt.

          Der Volkszorn wendet sich nicht gegen Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, die nur vereinzelt, mit Dollarzeichen auf der Stirn, als dem Kapital höriger Vampir karikiert wird, sondern gegen die politische Klasse insgesamt: Es gibt zu viele Deputierte, Senatoren und Gouverneure, die wir mit unserer Arbeit ernähren, ist auf einem Spruchband zu lesen, und aus der Menge sind Sprechchöre zu hören, in denen für Gay rights, bessere Berufschancen für Behinderte und Freigabe der Abtreibung geworben wird.

          Ein Muskelprotz, der vor Kraft kaum laufen kann

          Das ist eine Palette von Forderungen, die man auch in Europa unter dem Regenbogenbanner oder der Maske des Spitzbarts Guy Fawkes artikuliert. Die Aufbruchsstimmung erinnert an die Stunde null im Mai 1968, als Linke und Liberale noch an einem Strang zogen, bevor der Studentenprotest in einander bekämpfende politische Sekten zerfiel. Doch anders als in Europa hüllen die Demonstranten sich in grün-gelbe Flaggen ein und singen die Nationalhymne.

          “Brasilien ist ein Muskelprotz, der vor Kraft kaum laufen kann“, sagt Rudolf Schallenmüller, deutscher Honorarkonsul in Ribeirao Preto, der dort ein Sprachinstitut leitet. „Es gibt von allem zu viel: zu viel Land und Wasser, zu viele Ressourcen, zu viele Oligarchen, zu viele Benachteiligte, die ihren Anteil am Reichtum einfordern.

          Das Grundübel der Korruption

          Umverteilung von oben nach unten genügt nicht mehr - radikale Reformen sind nötig, um nicht bloß das System, sondern auch die Mentalität zu ändern. Wohlwollende Hegemonie ist das richtige Wort dafür - Väter, die ihren Kindern erklären, wie und wogegen sie protestieren sollen. Diese Mentalität wird erstmals in Frage gestellt.“

          Der Schriftsteller Ignácio de Loyola Brandão, der den Fall der Mauer in Berlin erlebte und ein vielbeachtetes Buch darüber schrieb, bleibt trotz aller Euphorie skeptisch. Hinter der Fassade des Wirtschaftsbooms verberge sich die alte Ungleichheit, einschließlich der Armut, die neue Formen angenommen habe.

          „Dilma Rousseff ist eine Marionette von Lula, der als graue Eminenz die Fäden zieht; auch er hat die Risse nur zugekleistert und Brasiliens Probleme nicht gelöst.“ Das Grundübel sei die Korruption, und die wurzle tief im kollektiven Unbewussten. „Unter den Demonstranten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit sehe ich die korrupten Politiker von morgen. Niemand weiß genau, wie es weitergeht; aber die Protestwelle wird verebben wie La Ola im Fußballstadion, und Brasilien kehrt zur falschen Normalität zurück.“

          Weitere Themen

          Uns gibt es auch noch

          Protest gegen Iran : Uns gibt es auch noch

          Hunderttausende Getreue des Teheraner Regimes gingen diese Woche auf die Straße. Aber das heißt nicht viel in einem Staat, der sich meisterhaft auf Propaganda versteht – schon am Samstag hieß es wieder „Tod dem Revolutionsführer“.

          Topmeldungen

          Impeachment-Regeln : Demokraten wittern Vertuschung

          Heute entscheidet der Senat, wie er Donald Trump den Prozess macht. Die Republikaner wollen die Sache schnell hinter sich bringen. Die Demokraten sagen: weil der Präsident viel zu verbergen habe.
          Das Logo des japanischen Autoherstellers Mitsubishi: Es besteht der Verdacht auf Abgasmanipulation.

          Verdacht auf Abgasmanipulation : Razzia beim Autohersteller Mitsubishi

          Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat die Geschäftsräume von Mitsubishi durchsuchen lassen. Dem japanischen Automobilhersteller wird Betrug mit illegalen Abschalteinrichtungen bei Diesel-Fahrzeugen vorgeworfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.