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Philologie : Romanistik als Passion

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In der Ausgabe der F.A.Z. vom 25. Mai erschien im Feuilleton ein Interview mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der in einem vieldiskutierten Artikel unter Rückgriff auf einen Gedanken des französischen Philosophen Kojève die Notwendigkeit einer neuen Einheit der romanischen Mittelmeerländer gegen den deutschen Überheblichkeitswahn und unterwürfigen Amerikanozentrismus als eine Möglichkeit der Rettung Europas ins Spiel gebracht hatte. Agambens provokativer Artikel, zuerst in der französischen Zeitung „Libération“ am 24. März dieses Jahres erschienen, sucht dem Gedanken eines einzig noch ökonomisch geeinten von Deutschland dominierten und von amerikanischen Finanzmärkten beherrschten Europa die Idee eines „lateinischen Imperiums“ entgegenzusetzen, in dem sich Frankreich, Spanien und Italien zum Bewusstsein einer neuen kulturellen Identität zusammenfinden sollten. Einzig der Zusammenschluss dieser drei aus der Geschichte ihrer eigenen Kultur lebenden Nationen könne die Kraft besitzen, aus sich ein neues romanisches Europa zu gebären, das nicht dem angelsächsischen Finanzimperium und seinen deutschen Statthaltern unterworfen wäre.

Chance für ein kulturelles Europa

So problematisch Agambens Thesen im einzelnen sein mögen, sie treffen sich mit einer romanistischen Grundüberzeugung von der tiefgreifenden Einheit der romanischen Welt. Dass auch das kulturelle Deutschland nicht ohne Zusammenhang mit dieser romanischen Welt gedacht werden kann und dass in ihrer Vermittlung eine wesentliche politische Aufgabe liegt, gehört zu ihren Grundüberzeugungen. Ein Europa, das sich seiner griechischen Herkunft und dem Geist des römischen Klassizismus nicht mehr entsinnt, kann nichts anderes sein als ein auf ökonomischer Macht aufgebauter Zweckverband, dessen Zusammenbruch vorhersehbar scheint. Wenn die Romanistik sich in ihre Einzelfächer verliert und das Bewusstsein ihres übergreifenden Zusammenhangs schwindet, verliert sie auch ihren Anspruch, in der Öffentlichkeit als eine wesentliche Instanz der Vermittlung zum Europa der romanischen Kulturen zu fungieren. Doch liegt es an der Romanistik selbst, immer wieder ihren Anspruch auf öffentliche Wahrnehmung zu behaupten und zu begründen. Sowohl auf ihre kulturelle Leistung als Vermittlerin wie auch ihre Leistung im Dienst eines europäischen Gedächtnisses kann die Romanistik stolz sein. Es wäre eine ihrer Aufgaben, ihre Rolle auch immer wieder in der Öffentlichkeit bewusst zu machen, statt das Feld den Selbstpflückern jeder Art preiszugeben.

Wissenschaftlichkeit und Vermittlungsaufgabe stehen der romanistischen Passion nicht entgegen. Nicht nur ist die romanische Welt für die Romanistik eine Herausforderung, der sie sich immer wieder neu stellt, sie erkennt in ihr auch eine fortdauernde Chance für ein kulturelles Europa, die gegenwärtig zu halten der Romanistik als einer nahen Stimme des Fremden aufgegeben ist.

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