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Philologie : Romanistik als Passion

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Um ihren kulturellen Reichtum zu vermitteln, muss die Romanistik Gast sein in der romanischen Welt. Als Gast genießt sie, was sie als Vermittlerin weitergibt. Doch kommt sie auch nicht ohne Gastgeschenke; ihre wissenschaftlichen Bemühungen kommen auch der romanischen Welt selbst zu gute. Hier freilich stellt sich in aller Schärfe das Sprachproblem: In welcher Sprache soll der Romanist schreiben? Die Aufgabe der Vermittlung verlangt die Sprache dessen, dem vermittelt werden soll. Dies dürfte zumeist das Deutsche sein. Die Romanistik ist nicht nur eine deutsche und deutschsprachige Disziplin, ihre primäre Sprache ist das Deutsche mit allen Vorzügen und Nachteilen, die das Deutsche als Wissenschaftssprache haben kann. Die großen Romanisten waren und sind nicht selten, herausgefordert durch die Erfahrung des Fremden, Meister ihrer eigenen Sprache, deren reiche Bildsamkeit, deren Vermögen zu hoher Differenziertheit ihnen zugute kam und zugute kommt. Leider setzt aber gerade die Aufgabe der Vermittlung durch ihre Sprache selbst, der Mitteilung und das heißt der Teilhabe an der Kommunikation Grenzen, die oft schwer zu überwinden sind. Schreibt der Romanist in seiner Sprache, so ist er auf Übersetzung angewiesen, die sich oft einem Zufall verdankt. Germanica non leguntur. Schreibt er aber in einer der romanischen Sprachen oder versucht, dieses zu tun, so verfehlt er seine primäre Aufgabe, die die Vermittlung bleiben muss.

Das schließt freilich nicht aus, sondern ein, dass die Bemühung um Gastrecht in einer oder mehrerer der romanischen Sprachen nicht nur wünschbar ist sondern in jedem Fall Bestandteil der romanistischen Kompetenz sein sollte. Angesichts des Kommunikationsdilemmas ins Englische auszuweichen, schiene mir freilich die schlechteste aller Möglichkeiten, um so mehr, als das Vertrauen auf größere kommunikative Erreichbarkeit hier zumeist eine Illusion bleiben muss. Dennoch ist es der Romanistik immer wieder gelungen, sich in der internationalen Sprach- und Literaturwissenschaft zu Gehör zu bringen.

Das Gastgeschenk der Hermeneutik

Ich greife hier nur einen Bereich heraus, in dem dies besonders eindrucksvoll geschehen ist. Das deutsch Wort Moralistik, das wir Friedrich Nietzsche verdanken, bezeichnet eine literarische Form, deren Erforschung in den romanischen Ländern und darüber hinaus sich wesentlich der deutschen Romanistik verdankt, die damit eine ganze Forschungsrichtung begründet hat. Doch nicht nur dies. In der Zeit des Dritten Reichs hat sich in stummer Opposition zur gleichgeschalteten deutschen Geisteswissenschaft die Erforschung der Moralistik allererst etabliert, insbesondere in der engen freundschaftlichen aber auch kompetitiven Verbindung dreier Gelehrter, Gerhard Hess, Fritz Schalk und Hugo Friedrich. Daraus ging Hugo Friedrichs Buch über Montaigne hervor, das heute in viele Sprachen übersetzt ist und das auch in Frankreich als ein maßgebliches Werk zur Erforschung von Montaignes Essais Anerkennung gefunden hat. Vor allem gilt dies aber auch für die großen aus Deutschland in dieser Zeit vertriebenen Romanisten wie Erich Auerbach, Leo Spitzer, Ulrich Leo, Helmut Hatzfeld und Herbert Dieckmann, deren Forschungen von Amerika aus der Romanistik international Gehör verschafften. Nicht zuletzt ihren Arbeiten verdankt die internationale Literaturwissenschaft das Gastgeschenk der Hermeneutik, Frucht der deutschen Romantik, als einem methodischen Instrument für die Erschließung der großen literarischen Werke. Auf den Schultern der Hermeneutik steht aber auch die Rezeptionsästhetik, die wesentlich durch theoretische und praktische Paradigmen der deutschen Romanistik angeregt wurde.

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