https://www.faz.net/-gqz-7l20s

Neuronale Gravuren des Lesens : Die Roman-Verschaltung

Netzwerk im sensorischen Kortex: Mit der Lektüre von Harris´ „Pompeji“ hat sich was getan im Hirn Bild: Brain Connectivity Journal

Unser Gehirn leidet mit: Das Lesen von Romanen hinterlässt auch Tage nach der Lektüre Spuren. In Atlanta wurden die neuronalen Gravuren ganz grundsätzlich und experimentell untersucht.

          Für Stephen King war es angeblich Goldings Roman „Herr der Fliegen“, der sich buchstäblich in seine Hirnwindungen eingeschweißt und sein Leben verändert haben soll. Neurologisch belegt ist das zwar nicht. Trotzdem kann das jeder leicht nachvollziehen, der selbst prägende Erfahrungen aus der Lektüre einer fesselnden Story sammelt. Am amerikanischen Center for Neuropolicy der Emory University in Atlanta hat man sich jetzt entschlossen, den neuronalen Gravuren der Romanlektüre ganz grundsätzlich und experimentell nachzugehen. Zwölf junge Frauen und neun Männer hat man drei Wochen lang jeden Tag im Hirnscanner durchleuchtet. An neun Abenden sollten sie jeweils eine halbe Stunde lang in Robert Harris’ „Pompeji“ lesen, jeweils am Morgen danach wurde ihr Hirn im Kernspintomographen gescannt. Gesucht wurde nach sichtbaren Veränderungen in der Hirnarchitektur, sprich: nach neuen Nervenverbindungen zwischen unterschiedlichen Hirnarealen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Da der neurokulturelle Aufbruch längst eine „neurobiologische Theorie von Erzählungen“ hervorgebracht und akute, wenn auch oft diffuse Hirneffekte empirisch schon hinlänglich erfasst sind, war den Emory-Forschern vor allem an neuen, bleibenden Wirkungen literarischer Kopfarbeit gelegen. Und wie es ist, wenn die Hirnforschung mit ihren rechnergestützten Bildgebungsverfahren in unsere Seelen blickt - fündig wird sie immer. Nachzulesen in der jüngsten Ausgabe des Journals „Brain Connectivity“.

          Unser empathisches Gedächtnis leidet mit

          Zuallererst waren da die üblichen Trainingseffekte. Das kennt man. Immer wenn eine bestimmte Aufgabe wiederholt wird, ob es ums Jonglieren geht oder ums Lesen, etablieren sich in kürzester Zeit neue Nervenverbindungen, insbesondere in den für Bewegung und Koordination zuständigen motorischen Hirnarealen. Praktisch schon am ersten Tag nach der Abendlektüre bauten sich auch in der als linker Gyrus angularis bekannten Hirnwindung, einem der wichtigsten Assoziations- und Sprachzentren, sukzessive neue Nervenbahnen auf. Das Gleiche im hinteren Teil des Schläfenlappens.

          Was allerdings beim Lesen der packenden „Pompeji-Fiktion“ in den Hirnbildern wirklich hervorstach, waren die mit dem Lesen immer stärker ausgebildeten Nervennetze in den für Gefühls- und Angstwahrnehmung zuständigen somatosensorischen Zentren zu beiden Seiten der Großhirnrinde im höchstgelegenen Teil unter der Schädeldecke. Sie waren auch fünf Tage nach der Lektüre noch nachweisbar. Das ist ein Areal im Übrigen, das auch extrem aktiv wird, wenn Metaphern verwendet werden, wenn Sprache also „lebt“. Die Interpretation der Hirnforscher: Der somatosensorische Kortex könnte der Sitz einer „Semantik der Verkörperung“ sein, wenn wir mit den Helden leiden - unser empathisches Gedächtnis gewissermaßen.

          Weitere Themen

          Endlich Licht in der Black Box

          Klug verdrahtet : Endlich Licht in der Black Box

          Künstliche Intelligenz lenkt und entscheidet schon, aber sie lässt im Dunkeln, wie genau sie dabei vorgeht. Zwei Algorithmen aus der Medizinforschung führen vor, was wir gewinnen, wenn Rechner Auskunft geben (müssen).

          Das Schöne, Wahre und Schmutzige Video-Seite öffnen

          Physikästhetik : Das Schöne, Wahre und Schmutzige

          Seit 400 Jahren lassen Physiker sich bei der Suche nach brauchbaren Theorien über die Natur von ästhetischen Erwägungen leiten. Heute wird bezweifelt, ob das grundsätzlich eine gute Idee ist. Zu Unrecht.

          Frauen sind in wärmeren Räumen produktiver

          Arbeitsumfeld : Frauen sind in wärmeren Räumen produktiver

          In Büros sollten höhere Temperaturen eingestellt werden, empfehlen Forscher aus Berlin und den Vereinigten Staaten. Sie haben ein Experiment gemacht, demzufolge Frauen mit zunehmender Wärme leistungsfähiger werden. Aber was ist mit den Männern?

          Das Ende der Konglomerate

          Unternehmensstrategien : Das Ende der Konglomerate

          Auf die Frage, wie ein Unternehmen am effektivsten zu führen ist, gibt eine keine stabile Antwort. Management-Moden zeigen: Wirtschaftskapitäne beherzigen durchaus, was ihnen an der Uni beigebracht wurde.

          Wie schwanger können Männer werden?

          Gender-Forschung : Wie schwanger können Männer werden?

          Die Debatte um Gleichberechtigung der Geschlechter und deren Diskriminierung ist so lebendig wie vielleicht noch nie. Ein Gender-Forscher identifiziert jedoch die Schwangerschaft als ein Hindernis auf dem Weg zur totalen Gleichheit.

          Topmeldungen

          Trauer und Jubel in Berlin : Den Grünen gehen die Superlative aus

          Während bei den Grünen die Freude über die Wahlergebnisse in Europa und in Bremen „wahnwitzig“ groß ist, ist die Stimmung bei der Union schon vor der Verkündung der Prognosen auf dem Tiefpunkt. Und bei der SPD wackelt die Parteichefin nach dem Doppeltiefschlag.

          SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

          In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

          Nach SPD-Debakel : Lauterbach für Rot-Rot-Grün in Bremen und im Bund

          Die SPD hat ein historisches Wahldebakel erlitten. Trotzdem sei nicht die Zeit für Personaldebatten um Nahles, sagt SPD-Politiker Karl Lauterbach. Dafür fordert er mehr Umweltbewusstsein in seiner Partei – und Mut zu neuen Bündnissen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.