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Neues aus der Tintenwelt : „Orpheus“ von Cornelia Funke

  • Aktualisiert am

Cornelia Funke Bild: dpa

Wie geht es weiter in der Tintenwelt? Für die Jubiläumsausgabe ihres Welterfolgs „Tintenherz“ hat Cornelia Funke ihr Werk fortgesetzt. Wir publizieren den Anfang als exklusive Vorabveröffentlichung.

          Regen. Regen jeden Tag. Und die Kälte! Es erstaunte Orpheus, dass die Tinte nicht gefror. Eisenglanz zeterte jeden Morgen über Rheuma in den Gliedern und stöhnte, wenn er ihm die Federn spitzte, allerdings war das wohl nur ein weiterer Versuch des Glasmanns, sich um die Arbeit zu drücken. Wer hatte je von Rheuma in Glasgliedern gehört?

          Tyrola ... der Name hatte so verheißungsvoll geklungen, als er halb erfroren über die Grenze gestolpert war! Aber das ganze Königreich war so jämmerlich wie das Wetter. Das Schloss des Königs verdiente die Bezeichnung Schloss nicht wirklich, und „König“ war eine schmeichelhafte Bezeichnung für den Dummkopf, der Tyrola regierte. Seine Untertanen nannten ihn hinter vorgehaltener Hand Sigismund, den Wahnsinnigen. Die meisten aßen nichts als trockenes Brot und übel riechenden Käse und überlebten die Kälte, indem sie sich mit selbst gebranntem Schnaps in ihren finsteren Berghütten betranken.

          Zum Glück gab es wenigstens einige, die es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatten. Seit knapp einem Jahr fristete Orpheus sein Dasein damit, in der Hauptstadt die Töchter eines Tuchhändlers zu unterrichten, der den ehrgeizigen Plan hatte, sie an irgendeinen Fürsten zu verheiraten. Die Jüngere klemmte vor Anstrengung die Zunge zwischen die Zähne, wenn sie ihren Namen schrieb.

          Ach, es war ein Elend! Und eine zum Himmel schreiende Verschwendung seiner Talente! Aber wenigstens war er sicher, dass Fenoglios Worte zwischen den finsteren Bergen, in denen er halb verhungert und mit erfrorenen Zehen Zuflucht gefunden hatte, machtlos waren. Die Kreaturen, die einem in Tyrolas Wäldern und Schluchten begegneten, waren der Beweis: Mandl, Muggestutze, Nörggele ..., haarige Kobolde, deren Namen niemand auszusprechen wagte, Menschen fressende Spinnen und Ziegenböcke ..., von all denen hatte der Alte kein Wort geschrieben. Orpheus musste es wissen. Schließlich kannte er das Buch des Tintenwebers, das ihn an diesen gottverlassenen Ort gebracht hatte, immer noch Wort für Wort auswendig.

          Nein. Diese Berge gehörten nicht Fenoglio – auch wenn der Alte sicher widersprochen hätte. Schließlich glaubte er in seiner grenzenlosen Eitelkeit, der Schöpfer dieser ganzen Welt zu sein. Der Tag würde kommen, an dem er, Orpheus, ihn eines Besseren belehren würde. O ja, das würde er. Aber leider taten auch seine Worte sich schwer, zwischen diesen Bergen lebendig zu werden.
          Seit seiner Ankunft schrieb er sich die Finger wund. Doch alles, was er ins Leben las, war so blass und kraftlos, als hätte der eisige Wind ein paar entscheidende Buchstaben fortgeblasen.

          Bruneck ... Tyrolas Hauptstadt, in der Orpheus zwei blamabel schäbige Kammern bewohnte, hätte mitsamt der Stadtmauer in den Audienzsaal des Natternkopfes gepasst. Und auf dem Markt konnte man von Gauklern, fahrenden Händlern oder Soldaten hören, wie viel aufregender es in Ombra zuging: Der Schwarze Prinz verhandelte den Frieden mit der Witwe des Natternkopfes ... Violante hieß neuerdings die Gütige, weil sie ihre Juwelen versetzt hatte, um die Armen zu füttern ... Sie hatte eindeutig zu viel Zeit mit dem edlen Dummkopf Mortimer verbracht! Es gab keine neuen Geschichten über den Eichelhäher, offenbar war der strahlende Held tatsächlich in den Ruhestand getreten. Doch jeder Gaukler erzählte vom Flammentänzer und seiner schönen Frau, die mit dem Feuer tanzte, oder von seinem Schüler Farid, der die Herzen sämtlicher Mädchen in Fenoglios Tintenreich mit seinen albernen Funkentricks brach.

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