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Michael Lentz : Wie man die Erinnerung in Prosa bannt

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Im Rahmen seiner Frankfurter Poetikvorlesung sprach Michael Lentz am 29. Januar über die Entstehung seines Prosabandes „Muttersterben“, mit dem er den Bachmannpreis 2001 gewann. Bild: Fricke, Helmut

An diesem Dienstag hält der Dichter Michael Lentz die letzte seiner Frankfurter Poetikvorlesungen. Wir haben ihn zum Kern seines Literaturverständnisses befragt und präsentieren einen zentralen Auszug aus der Vorlesung.

          Was haben Sie gedacht, als Ihnen die Frankfurter Poetikvorlesung angeboten wurde, waren Sie rein erfreut oder - viel ist über Poetik schon gesagt und geschrieben worden - zunächst auch ein wenig ratlos?

          Ich war erfreut - und ratlos. Mein Essayband „Textleben“ war gerade fertiggestellt, ich hatte nichts auf Lager, wollte an meinem neuen Roman weiterschreiben. Die Frankfurter Poetikvorlesungen sind aber eine zu große Herausforderung, als dass man da kneifen könnte.

          Warum haben Sie sich für eine akademische Vorlesungsweise entschieden, mit viel Fachterminologie und eingehender Quellenforschung?

          Ich wollte dann, wenn schon, basale Vorlesungen schreiben, Poetik von Grund auf. Basal heißt, dass zum Beispiel die begrifflichen Horizonte „Ordnung“, „Abweichung“ und „das Imaginäre“ unweigerlich eine große Rolle spielen. Es hat manchmal keinen Sinn, gewisse Begriffe nicht zu verwenden, schreibt Adorno sinngemäß in „Minima Moralia“. Quellenforschung ist eine Gewissensfrage, man kann nicht so naiv sein zu glauben, man könne alles aus sich heraus entwickeln und dann noch der Überzeugung sein, es sei auf eigenem Mist gewachsen.

          Das Hauptthema Ihrer Vorlesung ist die Rethorik - warum gerade diese?

          Die Rhetorik ist eine Grundlagendisziplin, immer noch. Ohne Rhetorik keine Linguistik. Ohne Rhetorik kein Derrida. Sprachliche Bewegungen können mithilfe der Rhetorik auf den Begriff gebracht werden. Der Konnex zwischen Rhetorik und Literatur hat sich nie ganz verloren. Das zeigt sich in der romantischen Neubesetzung rhetorischer Figuren durch Friedrich Schlegel oder Novalis und schlagend in Friedrich Nietzsches berühmtem Diktum „Die Sprache ist Rhetorik“, mit dem die Unmöglichkeit dekretiert wurde, zwischen Sprache und Rhetorik ein Drittes zu denken, das als Ordnungsinstanz beide voneinander unterscheidbar machen könnte. Gibt es eine sprachliche Ordnung, gibt es auch eine Ordnung der sprachlichen Abweichung. Ordnung und Abweichung bedingen einander wechselseitig. Überdies kann das rhetorische Inventar auch als performative Handlungsanweisung genutzt werden, für die Schrift wie die Stimme.

          Was bedeutet die Rhetorik für Ihr Schreiben?

          Disziplinierung, Kontrolle. Beides im positiven Sinne.

          Wie ist der folgende Textauszug, eine Art Selbstauskunft über die Entstehung ihres Texts „Muttersterben“, für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis 2001 erhielten, in die Gesamtvorlesung eingebettet?

          Der Textauszug ist in die vierte von insgesamt fünf Vorlesung eingebettet, die alle nach den fünf Stationen der Rhetorik benannt sind: Inventio, Dispositio, Elocutio, Memoria und Actio. Über „Muttersterben“ habe ich in der „Memoria“ betitelten vierten Vorlesung gesprochen.
          Anselm Haverkamp zufolge hat die katastrophische Urszene der Memoria und der Mnemotechnik, wie sie in der von Cicero dargestellten Simonides-Fabel überliefert wird, die tiefere Bedeutung des Andenkens der Toten. Literarische Memoria ist für mich immer noch im identifizierenden und Identität bewahrenden Totenandenken begründet.

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