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Liebeserklärung an das Hörbuch : Sei still, der Bernhard spricht!

  • -Aktualisiert am

Thomas Bernhard denkt nach - in Ohlsdorf 1981 Bild: Barbara Klemm

Der Leser ist bei Thomas Bernhard im Grunde immer ein Zuhörer. Er kann nicht ausweichen. Der Ton des Textes trifft ihn, eifersüchtig, obsessiv, unbarmherzig. Eine Liebeserklärung an den Autor und seine großen Sprecher.

          Das Stresshormon Cortisol, sagen die Hirnstoffwechselspezialisten, steige in den frühen Morgenstunden auf einen Höchststand. Die Zeit eigne sich insofern allgemein für Aussichtslosigkeiten jeder Art. Eine Wehe aus Selbstgerechtigkeit und Verzweiflung suche die Menschen heim. Ein Gespenst, nichts weiter. Es mag eine Geduldfrage sein, eine Frage des persönlichen Standpunktes, wie man mit Gespenstern umgeht. Die Idee jedenfalls, Lesungen von Thomas-Bernhard-Texten als Medikament gegen innere Unruhezustände zu nutzen, leuchtet Hypochondern und ihren engen Verwandten erfahrungsgemäß unmittelbar ein.

          Wer wiederholt die eigenen Gedankenschleifen, wer zerlegt die Nacht in falsche Einzeltöne, während ein Thomas Holtzmann spricht? Während er aus „Alte Meister“ liest? Aus „Holzfällen“ oder „Wittgensteins Neffe“.

          In Baden-Badener und Münchner Rundfunknächten sind jene drei kongenialen Lesungen, wahrscheinlich doch die berühmtesten Thomas-Bernhard-Lesungen überhaupt, in den Jahren 1991, 1993 und 2000 entstanden. Zur Sicherheit hält man einen gewissen Vorrat davon in petto. Wie man eben ein Notfallmedikament immer im Schrank hat. Auch einen Brief hat man deswegen an Thomas Holtzmann geschrieben, sich aber nicht getraut, ihn abzuschicken. Sinngemäß stand drin, dass man ohne seine Lesungen wahrscheinlich durchgedreht wäre. Ein Dank also. Nach dem Tode Holtzmanns ist es nun zu spät für diesen Brief. Nicht zu spät ist es für die Dankbarkeit. Und für die Frage, was genau beim Bernhard-Vortrag geschieht. Was daran einen Zuhörer retten kann.

          In der Hörspielabteilung des Südwestrundfunks SWR rät man, sich in dieser Frage an den seit 2004 pensionierten Regisseur Heinz Nesselrath zu wenden. An einen Ohrenmenschen und Pessimisten von Rang, der Holtzmann für das Bernhard-Vorlesen entdeckt und alle drei großen Lesungen mit ihm aufgenommen hat. In den Münchner Kammerspielen hat er den Schauspieler zum ersten Mal gehört. In welcher Rolle? Daran erinnere er sich nicht mehr, sagt Nesselrath. Wohl aber daran, die Augen geschlossen und sofort gewusst zu haben: Das ist er.

          Nesselrath, der keine Hoffnungen mehr hegt für die pflegliche Behandlung von Stimmen, sei es im Radio oder in der Oper, und der an einem nebligen Nachmittag im Winter überhaupt davon ausgeht, dass der Mensch vom Angesicht des Planeten verschwinden werde, nennt es „eine Übereinstimmung“. Eine glückliche Kongruenz von Haltungen und Tonhöhen, von Verschrobenheiten und einer Prise Verrücktheit.

          Mit der höflichen Bitte, nicht angesprochen zu werden

          So selbstverständlich wie das Erkennen, sagt Nesselrath, sei auch die Zusammenarbeit gewesen. Einfach, unkompliziert, ohne die geringste Allüre. Ein Riese betrat das Studio. Jemand, dem die Sprache Thomas Bernhards passte wie eine zweite Haut.

          Tief in einem Sessel sitzend. Das Licht auf den Buchseiten, das Mikrofon seitlich zum Mund. Die Zigaretten neben sich. So habe Holtzmann gelesen. Mit ungeheurem Sinn für Tempo und Farbenwechsel. Keinen Millimeter Abstand habe er zum Text halten müssen. Nichts habe er verschludert. Selbst die Atemlosigkeit nicht. In den Aufnahmepausen sei er dann, mit der höflichen Bitte, nicht angesprochen zu werden, auf dem Flur rauchend auf- und abgelaufen. Freundlich, undurchdringlich. Niemals habe man sich geduzt oder auch nur an einer Stelle den Abstand der Diskretion und des Takts verletzt. „Schwer, ihn zu beschreiben. Sein Lachen war merkwürdig still“, so Nesselrath, der sich keinen zweiten Bernhardverkörperer vorstellen mag. Er, der in über 40 Jahren beim Hörfunk mit Leuten wie Wolfgang Büttner und Gisela Trowe gearbeitet, mit Rolf Boysen den „Grünen Heinrich“ aufgenommen hat, besteht auf dieser einen Stimme. Und man wagt nicht zu widersprechen. So wie man ja auch nicht widerspricht, wenn jemand sagt, dass Maria Callas die größte aller Sängerinnen war. Und doch. Man wird sich davonschleichen müssen und der Maria Callas der Bernhard-Lesungen untreu werden müssen, denkt man. Und dass man es sich als Mensch, der Grübelzwänge kurmäßig mit Bernhard-Lesungen behandelt, gar nicht leisten kann, auf die anderen Bernhard-Stimmen zu verzichten. Auf Peter Simonischeks Stimme zum Beispiel, auf die Lesung von „Der Keller“. die jedem Bernhard-Verehrer ein Hochamt ist.

          „Wir sind widerstandsfähig geworden, uns kann nichts mehr umwerfen, wir hängen nicht mehr am Leben, aber wir verschleudern es auch nicht zu billig, hatte ich sagen wollen, aber ich hatte das nicht gesagt. Manchmal erheben wir alle unseren Kopf und glauben, die Wahrheit oder die scheinbare Wahrheit sagen zu müssen und ziehen ihn wieder ein. Das ist alles.“

          So schließt er der Text. Mit einer Essenz, einem Resümee, das in der eleganten und weitläufigen Stimmführung Peter Simonischeks paradoxerweise nicht wie Resignation, sondern als ideales psychisches Gleichgewicht daherkommt. Surrender. Hingabe. Das Ende von Ehrgeiz und Ignoranz. Simonischek liefert den Beweis, wie klug das Textverstehen einer Lesung sein kann. Wie angewiesen geradezu auf einen, der redet.

          Einen „Dichter des Sprechens“ hat Elfriede Jelinek ihren Landsmann Thomas Bernhard einmal genannt. Und sie hat die Erfahrung der Atemnot als die Urszene seiner Literatur beschrieben. Das Sprechen liefert Bernhard den eigenen Existenzbeweis, das Sprechen und Schreiben, jener hochmusikalische Rhythmus der Wiederholung wird zum einzig möglichen Aufschub gegen den Tod.

          Dramatischer kann die Ausgangssituation nicht sein. Auch für den Leser nicht, der bei Bernhard im Grunde immer ein Zuhörer ist. Er kann nicht ausweichen. Der Ton des Textes trifft ihn, eifersüchtig, obsessiv, manche sagen „unbarmherzig“, worauf der Zuhörer, bei entsprechender Neigung, mit Liebe reagiert. Er fühlt sich getröstet. „Weil er hört, dass da jemand ebenfalls sauer ist“, würde Heinz Nesselrath sagen. „Weil es eine Stimme ist, die niemals sentimental ist, nie selbstmitleidig “, der Burgschauspieler Gert Voss.

          Etwas Zuversichtliches schwingt mit

          Voss, der eine Sonderrolle unter allen Bernhard-Vorlesern spielt, schon deshalb, weil Bernhard eigens für ihn Theaterstücke schrieb und „ein Schauspieler wie Sie geht nicht auf den Opernball“ zu ihm sagte, hat von der Prosa Bernhards „Ein Kind“, den letzten und für viele schönsten Teil der Autobiographie Bernhards gelesen. Ein Buch, dessen Melodie innerhalb des Bernhard-Werkes einzig dasteht.

          1982, im selben Jahr wie das große Freundschaftsbuch „Wittgensteins Neffe“ erschienen, ist es der Text, der ganz an den Anfang reicht, dorthin wo die Riesen wohnen, die mächtigsten Gegner der Lebensangst: Der Großvater, die Großmutter, die Menschen und Tiere auf dem Hippinghof. Man kann die  Anwesenheit dieser für Bernhard fast mythischen Figuren in der Stimme von Voss wunderbar hören. Etwas Zuversichtliches schwingt mit, als ob, solange der Großvater über das Leben entscheidet, die Welt nicht wirklich töten könne. Daher die besondere Wärme dieser Lesung, ihre Ruhe, die Zuversichtlichkeit und der unschuldige, fast märchenhafte Ton, der das Kind wie ein Schutz begleitet.

          Bernhard ist nie müde geworden „die Erfahrung des Großvaters“ oder „die Schule des Großvaters“ als die erste und entscheidende Wirklichkeit seines Lebens zu bezeichnen. Zwei Erfahrungen hat er davon unterschieden. Die Erfahrung aller anderen Menschen und die eigene. Der verliebte Bernhard-Hörer erkennt sie mit der Zeit an ihrem Klang, ihren stimmlichen Motiven. Er unterscheidet solche der Sehnsucht von denen der Kränkung und des Hochmuts. Und er lernt, dank eines Bernhard-Sprechers wie Burghart Klaußner, den aggressiven Bezichtigungston auf keinen Fall mit der zärtlichen Verzweiflungklarsicht zu verwechseln.

          Ein Wagnis ist vor dem Mikrofon zu bestehen

          Der Abstand ist minimal aber wesentlich, und Klaußner beherrscht ihn vollkommen. Er habe, sagt er, noch etwas gut zu machen gehabt an Bernhard. „Ein Totalunverständnis, genau genommen“. Mit 21 Jahren, ein junger Schauspieler am Berliner Schillertheater „ohne jeden Sinn für Wiederholungsdramaturgie und deren Tiefe“, habe er den älteren Kollegen in Dieter Dorns Inszenierung von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zugesehen. Unpolitisch sei ihm dieses Stück und dessen Sprache vorgekommen, viel zu sehr aufs Privat-Befindliche aus. Klaußner begegnet seinem 21 Jahre alten Ich nicht ohne Spott. Nein, dieser Mann, das ist klar, würde sich beim Vorlesen eines Bernhard-Textes niemals in einen Sessel setzen.

          Ein Wagnis ist vor dem Mikrofon zu bestehen. Eine Gefahr zu meistern. Es macht Sinn, einen strengen Mann wie ihn in „Die Kälte“ zu schicken. Einen Anführer, der mit Chuzpe seinen Zuhören in die Sterbezimmer der Lungenheilstätte Grafenhof vorausgeht. In die Ordinationszimmer der Lungenärzte, wo der Herr Professor über ein Telefongespräch mit seiner Haushälterin, das Mittagessen betreffend, vergisst, dass Luft in den Brustkorb seines jungen Patienten einströmt. Der Patient krepiert beinahe, ruiniert ist das Pneumoperitoneum und damit die Aussicht auf Heilung, wenn nicht vernichtet, so jedenfalls entscheidend geschwächt.

          An irgendeinem dieser Kältepunkte, hört man, muss sich der kranke in einen lebenslang todkranken Patienten verwandelt haben. Die Kunst gewinnt aus der Bedrohung etwas Neues. „Einen Überlebenston“, sagt Klaußner. Einen Ton, dem man in Zuneigung verfallen kann, weil er sich, frei nach Bernhard, weder für die Tragödie noch für die Komödie entscheidet. Er stirbt nicht. Im Gegensatz zur kaputten Lunge, der er ursprünglich entstammt. Das ist der Trost. Er habe, sagt Burghart Klaußner, die Geschichte eines Siegers gelesen.

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